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Dieser Aushang kursierte im Mai im Netz - und tut es jetzt offenbar wieder.

Wirbel um altes Foto im Internet

Asyl-Kunden bevorzugt? So wird der Aushang einer Tafel aus dem Zusammenhang gerissen

Rund um die Diskussion um die Essener Tafel sorgt ein Aushang einer anderen Ausgabestelle für Wirbel im Netz. Doch es ist nicht alles, wie es zunächst scheint.

Schotten - Ein Foto, das sich bei näherem Hinschauen als alt erweist und aus dem Zusammenhang gerissen ist, sorgt derzeit offenbar wieder für Wirbel im Netz.

Aushang von Schottener Tafel kursiert im Netz 

Es handelt sich um einen Aushang der Ausgabestelle Nidda der Tafel in Schotten (Hessen). Laut osthessen-news.de geht das Foto dieser Tage verstärkt durchs Web. „Für Aufsehen und Ärger bei einigen Internetnutzern“ sorge der Aushang. Laut einer ersten Prüfung hält sich die erneute öffentliche Verbreitung bisher in Grenzen. Unter anderem wurde wurde es am 6. Februar vom AfD-Kreisverband Segeberg gepostet und bis 26. Februar rund 100 Mal geteilt.

Darauf heißt es: „Sehr geehrte Tafelkunden, seit kurzem bedienen wir auch Kunden, deren Asylverfahren mit Anerkennungsstatus abgeschlossen wurde. Damit die Lebensmittel, die diese Kunden aus ihren Kundenkisten, die sie aus kulturellen und persönlichen Gründen nicht annehmen können, den übrigen Kunden zugutekommen, werden wir die neuen Asyl-Kunden in der Zeit von ca. 10.25 Uhr bis 10.45 Uhr vorrangig bedienen.“

Eine bevorzugte Behandlung für Asylbewerber? Ohne den passenden Kontext ist das für die rechte Klientel ein Grund zur Empörung. Doch genau jener Zusammenhang ist wichtig.

Das Foto ist echt, aber alt: von Mai 2017

Zunächst: Ja, das Foto ist echt. „Der Vorfall ereignete sich allerdings bereits im Mai 2017“, erklären nun nicht namentlich genannte Tafelmitarbeiter gegenüber osthessen-news.de. „Ein Hinweisschild für Kunden, die die Abläufe bei der Tafel kennen, wurde ohne Zusammenhang im Internet verbreitet.“ Auch ein AfD-Ortsverband hatte das Foto damals gepostet.

Schon vor einigen Monaten hatte es dem Bericht zufolge einen Shitstorm gegeben. Auch Mimikama.at hatte sich im Mai schon der Sache angenommen und eine Stellungnahme von Andreas Bill, dem 1. Vorsitzenden der Schottener Tafel e.V., bekommen.

„Lebensmittel in den Kisten gleichmäßig verteilt“

„Zugegeben das Plakat war etwas unsensibel abgefasst“, so Bill von der Schottener Tafel e.V.. „Wer aber die Abläufe in den Tafeln kennt, weiß, dass an den Ausgabetagen die Lebensmittel in Kisten gleichmäßig verteilt werden. Die Mitarbeiterinnen der Tafel geben sich die größten Mühen, die Lebensmittel gerecht aufzuteilen. Jeder Bedürftige bekommt eine Kiste. Familien mit mehreren Kindern werden natürlich großzügiger bedacht als Einzelpersonen.“ Er unterstreicht, dass immer der gleiche gerechte Anteil in den Kisten sei.

Und dann erklärt er den tatsächlichen Grund für die zeitlich frühere Behandlung der Asylbewerber. „In diesem Fall sollten die Flüchtlinge früher drankommen, weil der überwiegende Teil muslimischen Glaubens ist und aus religiösen Gründen nicht alle angebotenen Lebensmittel verzehren darf und diese dann an uns zurückgeben. Diese zurückgegebenen Lebensmittel müssen wir dann nicht wegschmeißen, sondern können diese anderen Bedürftigen anbieten.“ Wer später komme, also nach den Asylbewerbern, habe dann „eher mehr in seiner Kiste“.

Im Mai zeigte sich Reimund Becker, Erster Stadtrat von Nidda, geschockt über die Kreise, die der Aushang zog: „Ich bin überzeugt, dass hier bewusst eine wohlgemeinte organisatorische Regelung von Leuten mit fremdenfeindlichem Gedankengut fehlinterpretiert und für eine Schlammschlacht missbraucht wird“, sagte er gegenüber kreis-anzeiger.de. „Es ist erschreckend, welche Ausmaße dies angenommen hat und welchen Anfeindungen der Tafelkoordinator und sein Team ausgesetzt sind.“

Debatte um Maßnahme der Essener Tafel

Seit Tagen sorgt die Essener Tafel mit ihrem Aufnahme-Stopp für Flüchtlinge für Diskussionen. „Da aufgrund der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahren der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75 Prozent angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen, um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen“, hatte der Verein Essener Tafel auf seiner Internet-Seite angekündigt. 

Dafür hatte es bundesweit Kritik von Politikern und Sozialverbänden gehagelt, es gab aber auch verständnisvolle Reaktionen. Die Essener Tafel hatte ihren Schritt damit begründet, dass sich gerade ältere Nutzerinnen sowie alleinerziehende Mütter von den vielen fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt fühlten. Der Anmeldestopp solle nur vorübergehend gelten.

Nach der massiven Kritik am vorübergehenden Aufnahmestopp der dortigen Tafel für Ausländer erwägt der Vereinsvorsitzende seinen Rückzug.

mm/tz

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