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Deutschlands Atomkraft gegen Putins Krieg? Längere Laufzeit gefordert - Ampel-Schwenk bei Kohlekraftwerken

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Von: Bedrettin Bölükbasi

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Angesichts des Ukraine-Krieges entflammen erneut Diskussionen über die geplante Abschaltung von Atomkraftwerken in Deutschland. © Armin Weigel/dpa

Der Ukraine-Krieg führt zur Sorge um die deutsche Energieversorgung. Die geplante Abschaltung der Atomkraftwerke wird deshalb kritisiert.

München - Der Ukraine-Konflikt befindet sich aktuell deutlich im Mittelpunkt des politischen Geschehens. Russland verstärkt Angriffe auf die Ukraine und versucht an verschiedenen Fronten vorzustoßen. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet. Zwar rückt der Konflikt in erster Linie in militärischer Hinsicht in den Vordergrund. Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise gibt es jedoch einen weiteren Aspekt der Relevanz des Krieges: die Energieversorgung.

Russland ist einer der wichtigsten Energielieferanten für Europa und somit regelrecht das Herz zur Sicherung der Energieversorgung. Westlichen Ländern wurde die Abhängigkeit vom russischen Machthaber Wladimir Putin aber nun zum Verhängnis. Auch die deutsche Energieversorgung steht dabei auf dem Spiel. Eine Diversifizierung der Lieferanten sowie der Quellen könnte Abhilfe schaffen, doch ausgerechnet in dieser Phase, in der die Suche nach Alternativen läuft, sollen die deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Das Vorhaben steht in der Kritik.

Deutschlands Energieversorgung in Gefahr - trotzdem Abschaltung von Atomreaktoren geplant

Schon Ende 2021 schaltete Deutschland drei Atomkraftwerke ab. Bis Ende 2022 sollen nun die letzten drei Meiler, die aktuell rund 6 Prozent der Stromproduktion tragen, abgeschaltet werden. Mit der geplanten Abschaltung bis Ende 2022 bewegt sich Berlin nicht auf der selben Linie wie viele europäische Partnern. Sowohl Frankreich und die Niederlande als auch Belgien und Großbritannien wollen weitere Atomkraftwerke bauen, um unabhängiger zu werden.

Während sich mehrere europäische Staaten somit angesichts der aktuellen Lage um ein Comeback der Kernkraft bemühen, wird Deutschland schon zum Ende dieses Jahres eine Energiequelle verlieren. Ende Februar ließ Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zwar eine Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken prüfen. Diese Prüfung fiel allerdings negativ aus und Pläne zum Atomausstieg wurden fortgesetzt.

Die Branche ist damit jedoch nicht einverstanden. In einem offenen Brief appellierte der Verband „Kerntechnik Deutschland e.V.“ an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), die Atomkraftwerke nicht abzuschalten. Auch Professor Jörg Starflinger vom Institut für Kernenergetik und Energiesysteme der Universität Stuttgart sprach sich für einen Weiterbetrieb gegenüber der Augsburger Allgemeinen aus: „Die Anlagen sind in der Lage, noch mehrere Jahre sicher Strom zu liefern. Technisch spricht nichts dagegen. Unsere Kernkraftwerke sind sehr gut in Schuss.“

Deutschlands Energieversorgung: Union kritisiert Ampel-Plan zu AKWs - „Wird kalt und teuer im Winter“

In der Politik führen die Pläne der Bundesregierung zur Abschaltung der Atomkraftwerke zu einer hitzigen Debatte. Besonders von der Union hagelt es Kritik zum Vorhaben, darunter auch vom CSU-Chef und Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder. „Ohne Kernkraft wird es kalt und teuer im nächsten Winter. Als Brücke braucht es die Kernkraft noch für mindestens 3 Jahre“, schrieb er auf Twitter. Es müsse „Schluss sein mit Ausstiegen aller Art“, denn so werde der Energiepreis zur Armutsfalle und zum Standortnachteil. „Das wäre reine grüne Ideologie“, kritisierte er.

Unterstützung bekam Söder vom Wirtschaftsflügel der Union. Fraktionskolleginnen Gitta Connemann und Jana Schminke plädierten gegenüber der Bild für eine Wiederaufnahme des Betriebs der Ende 2021 abgeschalteten Kraftwerke. „Unabhängigkeit vom Kriegstreiber Putin und Klimaschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“, forderte Connemann.  „Sechs Meiler sind besser und sicherer für die Stromversorgung als drei“, hieß es von Schminke.

Doch nicht nur von der Union, sondern auch innerhalb der Ampel-Koalition kommen allmählich Zweifel über die geplante Abschaltung auf. Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Christopher Vogt etwa forderte von Wirtschaftsminister Habeck eine ernsthafte Prüfung darüber, „ob man die drei verbliebenen und auch die erst vor Kurzem vom Netz genommenen Kernkraftwerke wie Brokdorf zeitweise weiternutzen kann“.

Deutschlands Energieversorgung: Abschaltung der AKWs inmitten der Suche nach Alternativen zu Putin-Gas

Vogt verlangt zwar eine Weiternutzung der Kernkraftwerke in Erwägung zu ziehen, doch FDP-Chef und Bundesfinanzminister Christian Lindner vertritt nicht die gleiche Meinung wie sein Parteikollege. Er gab an, eine Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken sei nur schwer umsetzbar.

Auf der Suche nach Energiealternativen inmitten des Ukraine-Krieges reiste Lindners Kabinettskollege Habeck nach Katar, wo er mit einem Foto für heftige Reaktionen sorgte und als „Bückling“ beschimpft wurde. Dass nun mit der Abschaltung von Kernkraftwerken eine wichtige Energiequelle verloren gehen soll, ergibt für viele keinen Sinn. „Den Luxus, auf den Strom aus den letzten deutschen Meilern zu verzichten, kann sich unser Land in dieser Weltlage einfach nicht leisten“, schrieb Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis dazu und fragte mit Bezug auf die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken: „Worauf wartet die Ampel noch?

Immerhin unternimmt die Koalition nun erste Schritte zumindest für Kohlekraftwerke und will deren Stilllegung „aussetzen“. „Wir wollen den Gasverbrauch in der Stromerzeugung kurzfristig reduzieren, indem wir möglichst die Kohlekraftwerke länger in der Sicherheitsbereitschaft halten“, heißt es in einem Ergebnispapier des Koalitionsausschusses. Die Stilllegung von Kohlekraftwerken könne also „nach Überprüfung durch die Bundesnetzagentur bis auf weiteres ausgesetzt werden“, heißt es weiter. An dem Ziel, „idealerweise bis 2030“ aus der Kohle auszusteigen, hält die Koalition aber fest. (bb)

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