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Kämpfe um ukrainisches Atomkraftwerk in Saporischschja: Wie groß ist das Risiko?

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Von: Julia Schöneseiffen

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Das Atomkraftwerk Saporischschja ist im Ukraine-Krieg stark umkämpft. Wie hoch ist das Risiko einer „nuklearen Katastrophe“?

Enerhodar – Im Ukraine-Krieg gehen die schweren Kämpfe weiter. Besonders die Lage um das umkämpfte Atomkraftwerk Saporischschja spitzt sich zu. Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für den Beschuss des AKWs verantwortlich. Dieses ist das größte Atomkraftwerk Europas und liegt im von Russlands Truppen besetzten Teil der Südukraine. Neben den Schuldzuweisungen äußern sowohl die Ukraine als auch Russland ihre Bedenken bezüglich der Sicherheit in der Region. 

Ukraine Krieg: Kämpfe um das AKW Saporischschja – Gefahr der nuklearen Katastrophe

Rafael Grossi, Chef der Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), warnte etwa vor der „sehr realen Gefahr einer nuklearen Katastrophe, die die öffentliche Gesundheit und die Umwelt in der Ukraine und darüber hinaus bedrohen könnte“.

Sollte das Kraftwerk aufgrund einer möglichen Eskalation der Kämpfe in der Region den Zugang zum Stromnetz verlieren, könnten die radioaktiven Brennelemente in insgesamt sechs Reaktoren nicht mehr ausreichend gekühlt werdem. Fällt die dauerhafte Kühlung der Brennstäbe aus, frisst sich das Material durch den Reaktor, nach draußen: der größte anzunehmende Unfall, ein sogenannter GAU.

Beschuss des ukrainischen AKW Saporischschja: Gefahr einer radioaktiven Katastrophe

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigte sich alarmiert. „Jeder radioaktive Zwischenfall im Atomkraftwerk Saporischschja könnte auch zu einem Schlag gegen die Staaten der Europäischen Union und gegen die Türkei und gegen Georgien und gegen die Staaten weiter entfernter Regionen werden“, so Selenskyj in einer Videobotschaft. „Alles hängt nur von der Richtung und der Stärke des Windes ab“, betonte Selenskyj.

Die internationale Gemeinschaft müsse handeln, unterstrich er. „Wenn die Welt jetzt nicht die Kraft aufbringt und die Entschlossenheit, um eine Atomanlage zu schützen, dann heißt das, dass die Welt verliert“, sagte Selenskyj und fügte hinzu, es gehe um den Schutz vor radioaktiver Verstrahlung.

AKW Saporischschja: Nuklearer Zwischenfall würde nicht nur die Ukraine betreffen

Fachleute aus der Kernenergieforschung warnten bereits mehrfach, dass ein nuklearer Zwischenfall nicht nur die Ukraine, sondern auch die Nachbarstaaten Russland, Moldawien, Belarus, Rumänien und Bulgarien betreffen würde. Durch die Kämpfe könnten kritische Infrastrukturen, einschließlich der Reaktoren, beschädigt werden, wie Andrei Ozharovsky, Spezialist für die Sicherheit radioaktiver Abfälle bei der Russischen Sozial-Ökologischen Union, gegenüber der Moscow Times mitteilte.

„Im Falle einer Explosion – und angesichts der Tatsache, dass sich das Kraftwerk in der Nähe des Flusses befindet – könnte die Strahlung Hunderte von Kilometern um das Kraftwerk herum freigesetzt werden“, warnte der Wissenschaftler weiter.

AKW Saporischschja: Welche Gefahr bestände bei einer nuklearen Katastrophe für Deutschland?

Welches Risiko besteht nun für Deutschland? Sollte es tatsächlich zu einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen im AKW Saporischschja kommen, würde „nur in 17 Prozent aller Wetterlagen kontaminierte Luft nach Deutschland gelangen“, erklärt Dr. Florian Gering, Leiter der Abteilung Radiologischer Notfallschutz im Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), gegenüber dem ZDF. Daher sei das „Risiko relativ gering“. Trotzdem könne es passieren, dass bei entsprechendem Wind kontaminierte Luft nach Deutschland käme, so der Experte weiter.

 Saporischschja Atomkraftwerk im Süden der Ukraine im Besatzungsgebiet Russland steht unter Beschuss
Das AKW Saporischschja steht seit Tagen unter Beschuss. Die Ukraine und Russland beschuldigen sich gegenseitig. © Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa

Bisher wurde weder schwerer Schaden noch ein Austritt radioaktiver Strahlung festgestellt, und laut Rafael Grossi gibt es derzeit „keine unmittelbare Bedrohung“ für die Sicherheit des Kernkraftwerks. Das könne sich bei weiteren Kämpfen jedoch „jeden Moment ändern“.  

Laut dem Risikoforscher Nikolaus Müllner von der Universität für Bodenkultur in Wien gegenüber dem ZDF sind Atomkraftwerke so gebaut, dass sie Naturkatastrophen, Flugzeugabstürzen oder Terrorattacken standhalten können. Schutz gegen gezielte militärische Zerstörung sei hingegen kaum möglich.

Atomkraftwerk Saporischschja unter Beschuss: Staaten fordern Abzug der russischen Truppen

Am Sonntag (14. August) verlangten 42 Staaten und die EU den sofortigen Abzug der russischen Besatzungstruppen vom Gelände um Europas größtes Atomkraftwerk. „Die Stationierung von russischen Militärs und Waffen in der Atomanlage ist inakzeptabel“, heißt es in der Erklärung. Russland verletze die Sicherheitsprinzipien, auf die sich alle Mitgliedsländer der Internationalen Atomenergie-Behörde verpflichtet hätten. Zu den Unterzeichnern der Mitteilung zählen auch die USA, Großbritannien, Norwegen, Australien und Japan.

Russland lehnte geforderten sofortigen Abzug ab. „Die Führung der Vereinten Nationen und der Chefdiplomat der EU sollten nicht über Entmilitarisierung sprechen, sondern über die Einführung einer Feuerpause“, sagte Wladimir Rogow, ein Vertreter der russischen Besatzungsbehörden, der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. (jsch)

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