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Asketisch, unauffällig, mächtig: BND-Präsident Gerhard Schindler (Mitte) ist eine der Schlüsselfiguren der Spähaffäre. 

BND-Präsdident Gerhard Schindler

Der auffällige Chef-Agent

Berlin – Agent 001 ist ein hagerer Herr, er wirkt unauffällig, nicht groß, nicht klein, nicht dick. Wären nicht seine blitzenden Augen, könnte er jederzeit unsichtbar mit einer Betonwand verschmelzen.

Doch die mausgraue Erscheinung auf den ersten Blick täuscht. Gerhard Schindler, 60, ist der politisch auffälligste Präsident, den der Bundesnachrichtendienst seit langem hatte. So ungewöhnlich, dass manche Herren im BND stöhnen: Wie ist der denn drauf?

Dabei begann es unscheinbar. Als Schindler Ende 2011 an die Spitze des Auslandsgeheimdienstes berufen wurde, kursierten nicht mal Fotos von ihm, geschweige denn ein Lebenslauf. Abteilungsleiter im Innenministerium, zuständig für öffentliche Sicherheit, werden nicht erkannt auf der Straße. Die Medien puzzelten sich ihre Informationen irgendwie zusammen: FDP-Mann, war mal Gemeinderat in einem Kaff in NRW, Verwaltungsjurist. Langstreckenläufer, wirkt asketisch. Ehemaliger Fallschirmjäger, das sind die ganz harten in der Truppe, Einzelkämpfer, abgeworfen über dem Feindgebiet. Das, kombiniert mit ein paar alten Agentenklischees, hätte ein rundes Bild ergeben.

Schindler aber verdutzte Freund und Feind, wovon er im intrigenreichen BND beides hat. Er begann, im Dienst Türen zu öffnen. Sogar wörtlich. In Berlin baut der Bund gerade die neue BND-Zentrale, die geheimste Großbaustelle der Republik ist hermetisch abgeschirmt. Noch nicht mal das übliche „Eltern haften für ihre Kinder“-Schild hängt da, es käme ja eh keiner unversehrt über den Bauzaun. Schindler sperrte einfach das Tor an der Chaussee-straße auf und lud ein paar Journalisten zum Rundgang.

Zum Entsetzen einiger Agenten öffnet er plötzlich die Tür

Man kann nur ahnen, was ihm die beamteten Bedenkenträger ins Gesicht sagten, als sie von der Idee hörten. Und was hintenrum. Schindler aber befahl: Öffnen. Freilich, einige der 12 000 Türen waren vernagelt, an Weggabelungen wiesen breitschultrige Herren höflich die Richtung. Aber von der Geheimbaustelle blieb wenig Goldene-Klinken-Mythos übrig nach der Besichtigung von Doppelbüros, Müllsortierung und Agentenklo.

Genau so will Schindler den BND in Berlin und auch in Pullach, wo er jede vierte Woche verbringt: transparenter, effizienter, weniger Krämerei und Verkrustung. Öffentlich witzelte er über Dienstreiseanträge für Agenten („völlig unpraktikabel“) und strich die Formulare. Er will das Image ändern. „Verblüffend kommunikativ“, urteilt selbst die Linkspartei. Eine ganz normale Behörde, deren Präsident auch mal zum Tag der offenen Tür einlädt, auf dem Umschlag eine Tiger-enten-Briefmarke. Na ja, fast normal. „Wir sind ein Dienstleister für die Politik“, sagt Schindler gern. Einer, der mit einer halben Milliarde Jahresetat heikle, inoffizielle Informationen aus Krisengebieten heranschafft. Und damit nach eigenen Angaben 20 Anschläge auf die Bundeswehr in Afghanistan verhinderte.

Zu Amtsantritt soll er den Beamten mehr Risikobereitschaft nahegelegt haben: „No risk, no fun!“ Es sind Worte, die jetzt unpassend wirken. Schindler hat in der Spähaffäre die aktuelle Zusammenarbeit mit der NSA zu verantworten. Viel risk, no fun: Ein politischer Sturm braut sich über ihm zusammen. Die Opposition spekuliert über Konsequenzen. Selbst FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger geht schroff auf Distanz. Der BND müsse „endlich“ Erklärungen liefern, dürfe nicht „sein eigenes Süppchen kochen“.

Man darf ihn aber nicht unterschätzen. In der Teppich-Affäre um den Transport eines Einkaufs von FDP-Minister Niebel aus Kabul blieb Schindler eisenhart bei seiner Version, die sich von der des Parteifreunds unterschied. Nun, im Fall NSA, weiß er, dass viele Entscheidungen und Berichte durchs CDU-geführte Kanzleramt gingen und durch ein Kontrollgremium unter SPD-Vorsitz. Ein alter Satz von ihm kann da eine neue, etwas weniger demütige Bedeutung bekommen. „Ich habe überhaupt kein Problem damit“, sagte Schindler 2012, „wenn uns die Politik gründlich auf die Finger schaut“.

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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