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Ausgebrochene Flüchtlinge protestieren auf Lampedusa gegen die Lagerbedingungen.

Migranten-Elend

Aufruhr auf Lampedusa

Rom – Auf der italienischen Insel demonstrierten Einwohner und afrikanische Flüchtlinge gemeinsam – allerdings mit unterschiedlichen Zielen.

Die verzweifelten Flüchtlinge stürmten aus dem Lager. Sie formierten sich zum Protestmarsch und verlangten unter dem Applaus der Inselbewohner von Lampedusa lautstark nach „Freiheit“. Bei den folgenden Zusammenstößen wurde auch ein deutsches Kamerateam angegriffen.

In dem für 850 Personen konzipierten Flüchtlingslager auf Lampedusa leben derzeit etwa 2000 Menschen. Bei ihrem Ausbruch war die Menge auf eine Kundgebung von Einheimischen gestoßen, die ihrerseits gegen Pläne für ein weiteres Einwandererzentrum auf der vor Tunesien gelegenen Insel demonstrierten. Die beiden ungleichen Proteste vermengten sich. Nach gut zwei Stunden kehrten die rund 600 Flüchtlinge wieder in das Lager zurück; italienische Medien sprachen sogar von bis zu 1300 Teilnehmern.

Der Zwischenfall sorgte in Italien am Wochenende für eine hitzige politische Debatte. Ministerpräsident Silvio Berlusconi beschwichtigte mit den Worten, „die auf der Insel ankommen, dürfen sich frei bewegen, es ist kein Konzentrationslager“. Es stehe den Flüchtlingen frei, ein Bier trinken zu gehen. Innenminister Roberto Maroni betonte, die Regierung habe die Lage völlig unter Kontrolle. Wenn die Kommunen es verlangten, könnten noch mehr Soldaten zum Schutz geschickt werden.

Der Bürgermeister von Lampedusa, Bernardino De Rubeis, der den Vorfall telefonisch mit Staatspräsident Giorgio Napolitano besprach, wies darauf hin, dass die Flüchtlinge das Lager bislang noch nie verlassen hätten. Auch eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) merkte an, dass das Lager schwer bewacht sei und die Insassen gewöhnlich nicht ein- und ausgingen.

Das UNHCR hatte Italien erst am Freitag wegen der „schwierigen humanitären Lage“ auf Lampedusa kritisiert. Zahlreiche Flüchtlinge müssen demnach unter freiem Himmel in Plastikfolien eingewickelt schlafen. Viele müssen lange in dem Lager ausharren, bevor über ihr Schicksal befunden wird. Bei ihnen handelt es sich zumeist um Bootsflüchtlinge aus Afrika, die illegal in die Europäische Union gelangen wollten.

Lampedusa, das rund 200 Kilometer südlich von Sizilien liegt, ist inzwischen ein Hauptanlaufpunkt für die afrikanischen Bootsflüchtlinge. Die Einwohner protestieren seit Tagen vehement gegen das Vorhaben der Regierung in Rom, das Flüchtlingszentrum auszubauen. Sie wollen, dass ihre Insel wieder primär als Urlaubsziel ins Gespräch kommt – und nicht als Hort des Flüchtlingselends.

Am Dienstag ist der nächste Protest geplant.

Von Alessandra Rizzo

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