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Idar-Oberstein: Aus Corona-Frust wird tödlicher Hass

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Von: Kathrin Braun

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Gedenkstätte an einer Tankstelle
Trauer an der Tankstelle: In Idar-Oberstein haben Angehörige, Freunde und Passanten eine Gedenkstätte für das Opfer eingerichtet. © Birgit Reichert/dpa

Nach dem Mord an einem Tankstellen-Kassierer in Idar-Oberstein schlagen die Wogen hoch. Teile der Querdenker-Szene geben im Internet der Politik die Schuld am Tod des 20-Jährigen – die Politik ist schockiert und warnt vor einer fortschreitenden Radikalisierung der Szene.

München/Idar-Oberstein – Entsetzen in den sozialen Medien. Beileidsbekundungen, Mitgefühl. Wut. „Ein Querdenker hat den letzten Schritt seiner Radikalisierung vollzogen und einen jungen Menschen hingerichtet“, schreibt ein Nutzer auf Twitter. Und auch in privaten Querdenker-Gruppen heizt sich die Stimmung auf. Allerdings nicht gegen den Mann, der am Wochenende einem 20-jährigen Tankstellen-Mitarbeiter in den Kopf geschossen hat, nur weil der ihn auf die Maskenpflicht hinwies –sondern gegen die Politik. „Wieder etwas, was auf das Konto der Regierung geht“, schreibt Erik W. auf Facebook. „Die Regierung hat aber nicht geschossen“, entgegnet ein anderer Nutzer. Antwort: „Indirekt schon.“

Idar-Oberstein, 31 000 Einwohner. Plötzlich ist die Kleinstadt in Rheinland-Pfalz im Fokus der Politik. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) spricht von einem tief sitzenden Schock. Die Tat müsse aufgeklärt werden. Sie beobachte genau, wie Corona-Leugner die Tat im Netz instrumentalisieren. Auch die Kanzlerkandidaten sind entsetzt. „Mich erschüttert der furchtbare Mord“, sagt Annalena Baerbock. „Die Radikalisierung des Querdenker-Milieus bereitet mir große Sorgen.“ Der Täter müsse „hart bestraft werden“, fordert Olaf Scholz. Und Armin Laschet sagt: „Dieser Hass in unserer Gesellschaft muss ein Ende haben.“

Der Täter wollte „ein Zeichen setzen“

Samstagabend, gegen 19.45 Uhr: Ein 49-jähriger Mann will sich an der Aral-Tankstelle in Idar-Oberstein zwei Sixpacks Bier kaufen. An der Kasse: Ein 20-jähriger Student, der mit seinem Job Geld für seinen Führerschein verdienen will. Er weist den 49-Jährigen auf die Maskenpflicht hin. Der Mann verlässt die Tankstelle ohne das Bier. Um 21.25 Uhr kommt er zurück, diesmal mit Maske. Und mit einem Revolver. An der Kasse nimmt er die Maske ab, diskutiert kurz mit dem Studenten. Plötzlich zieht er den Revolver aus der Hosentasche und schießt dem Studenten gezielt von vorne in den Kopf.

Die Überwachungskamera hält die Rückkehr des Täters fest.
Die Überwachungskamera hält die Rückkehr des Täters fest. Er trägt erneut Bier an die Kasse, zieht sich die Maske herunter, diskutiert – und drückt wenig später ab. © Polizei

Inzwischen sitzt der Täter in Untersuchungshaft. Mordverdacht. Am Morgen nach der Tat stellte er sich der Polizei. Ihn habe die Corona-Pandemie stark belastet, sagt er später aus. Die Corona-Maßnahmen lehne er ab. Er habe sich in die Ecke gedrängt gefühlt und „keinen anderen Ausweg gesehen“ als ein Zeichen zu setzen. Das Opfer schien ihm dabei „verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe“, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Bei der Dursuchung seiner Wohnung in Idar-Oberstein findet die Polizei die Tatwaffe, weitere Schusswaffen und Munition. Ein Selbstständiger aus der IT-Branche, im Besitz illegaler Waffen, in den Theorien der Corona-Leugner „bewandert“, aber nie polizeilich aufgefallen – auch nicht als Teilnehmer einer Corona-Demo. So wird der Täter in Ermittlerkreisen beschrieben. Viel mehr weiß man noch nicht über die Hintergründe. „Wir müssen uns jetzt erst mal selbst ein klares Bild machen“, sagt Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann. Das könnte dauern.

Verschwörungstheorien können der Motor für Radikalisierung sein – die dann zu Gewalt führt.

Professor Michael Butter

Der Thüringer Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer sagt zur Tat: Der „kaltblütige Mord“ an dem Studenten sei für ihn „keine Überraschung angesichts der steten Eskalation der letzten Woche.“ Einige Tage zuvor hatte es einen Brandanschlag auf ein Impfzentrum in Sachsen gegeben. Die Eskalation sei seit Monaten zu beobachten, betont Kramer. Bereits im Juni hatte Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, auf eine „zunehmende Radikalisierung einiger Akteure“ der Corona-Proteste hingewiesen.

Experte: Nur wenige werden gewalttätig

Steht der Fall in Idar-Oberstein tatsächlich für eine immer gefährlicher werdende Querdenker-Bewegung? Michael Butter plädiert für eine differenzierte Analyse. Ende April hatte der Experte für Verschwörungstheorien der Uni Tübingen in einem Interview gesagt, es sei „nicht auszuschließen“, dass irgendwann ein Querdenker zur Waffe greift. Auch gestern betont er gegenüber unserer Zeitung: Verschwörungstheorien könnten „der Motor für Radikalisierungen“ sein und auch zu Gewalt führen. Aber man müsse innerhalb der Querdenker-Bewegung unterscheiden. Etwa ab wann die Schwelle von Maßnahmen-Skepsis bis zur Verschwörungstheorie übertreten wird. „Und dann ist es natürlich so, dass nicht alle Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, sich auch radikalisieren und gewalttätig werden.“ Diese Gruppe sei „verschwindend klein“. Der Professor stellte in Untersuchungen fest, dass die Querdenker-Gruppe im vergangenen Jahr zunehmend geschrumpft sei. „Aber ja, diejenigen, die bis jetzt dabei geblieben sind, haben sich in ihren Überzeugungen verbohrt.“

Andreas Zick schätzt die Gefahr durch Querdenker höher ein. Der Konflikt- und Gewaltforscher zieht sogar einen Vergleich zu den islamistischen Terroranschlägen der letzten Jahre: „Ab 2015 war klar, dass eine starke Radikalisierung stattfindet. Man hat viel in Früherkennung von Gefahren investiert, in die Beobachtung von Netzwerken“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. So hätte man auch bei Querdenkern vorgehen müssen. „Seit den Corona-Demos und den massiven Kampagnen, in denen von Widerstand geredet wird, konnte man eine Radikalisierung beobachten.“

Was da wirklich an diesem Tag war, worüber er sich noch geärgert hat, das ist völlig unklar.

Kriminalpsychologe Rudolf Egg über das Motiv des Täters

Der Kriminalpsychologe Rudolf Egg warnt vor voreiligen Schlüssen. Man müsse unterscheiden „zwischen dem unmittelbaren Anlass und dem eigentlichen Grund“, sagt der frühere Direktor der Kriminologischen Zentralstelle des Bundes. „Was da wirklich an diesem Tag war, worüber er sich noch geärgert hat“, das sei noch völlig unklar. Auch die Kriminalpsychologin Lydia Benecke mahnt an, zunächst die psychischen Hintergründe des Täters zu klären. „Für eine solche Tat kann es sehr unterschiedliche Hintergründe geben.“ Eine psychische Störung, Alkohol oder Drogen könnten eine Rolle spielen.

Genaue Zahlen zu radikalen Corona-Querdenkern gibt es nicht, denn die Szene bewegt sich viel im Internet und ist heterogen. Zu ihr gehören beispielsweise Rechtsextreme, Reichsbürger und sogenannte Selbstverwalter, die schon vor der Pandemie staatsfeindlich waren und vom Verfassungsschutz beobachtet wurden – aber auch Menschen, die sich allein über die Corona-Maßnahmen oder das Thema Impfen radikalisiert haben.

Der Verfassungsschutz in Bayern ist alarmiert

Für Letztere hat der Verfassungsschutz das „Sammelbeobachtungsobjekt“ eingerichtet, eine Art Spezialtopf für Corona-Querdenker mit demokratiefeindlichen oder sicherheitsgefährdenden Tendenzen. Man habe bei Corona-Protesten festgestellt, „dass sich bei einigen Personen eine zunehmend gewaltorientierte Bereitschaft entwickelt hat“, sagt René Rieger, Sprecher des Bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz. Einer der Beobachteten ist der Münchner Karl Hilz, Polizeihauptkommissar im Ruhestand. Hilz sprach auf Veranstaltungen wiederholt von einem totalitären Staat und setzte das Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten gleich. Zum Fall in Idar-Oberstein will sich Rieger nicht äußern, da Hintergrund und Motiv des Täters noch nicht abschließend geklärt seien. (mit dpa/afp)

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