+
Reinhold Hanning wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Foto: Bernd Thissen

"Massenmord befördert": Fünf Jahre für Auschwitz-Wachmann

Mord verjährt nicht, auch nicht Beihilfe. Ein früherer Auschwitz-Wachmann ist mehr als 70 Jahre nach den Taten in Detmold verurteilt worden. Die Strafe fiel höher aus als beim "Buchhalter von Auschwitz".

Detmold (dpa) - Ein früherer Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz ist wegen Beihilfe zum Mord in 170 000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.

Das Landgericht Detmold sah es am Freitag als erwiesen an, dass der heute 94 Jahre alte Reinhold Hanning als SS-Unterscharführer zum Funktionieren der Mordmaschinerie in dem Vernichtungslager beigetragen hat. "Sie waren knapp zweieinhalb Jahre in Auschwitz und haben damit den Massenmord befördert", sagte Richterin Anke Grudda in der Urteilsbegründung.

Hanning nahm das Urteil gefasst entgegen. Er hatte im Prozess zugegeben, den Vernichtungscharakter des Lagers gekannt zu haben und um Entschuldigung gebeten. Hanning war Anfang 1942 nach Auschwitz versetzt worden, angeklagt war nur der Zeitraum von Anfang 1943 bis Mitte 1944. Mindestens 1,1 Millionen Menschen kamen während des Zweiten Weltkriegs in dem KZ ums Leben.

"Wir haben nicht geglaubt, dass das Gericht zu einem Freispruch kommt", sagte sein Verteidiger Andreas Scharmer. Die Verteidigung hatte dennoch einen Freispruch beantragt, die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von sechs Jahren. Beide Seiten ließen offen, ob sie das Urteil anfechten werden.

Auschwitz-Überlebende, die im Prozess als Nebenkläger auftraten, der Jüdische Weltkongress (WJC) und das Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem reagierten mit Erleichterung auf das Urteil. "Er hat die Strafe bekommen, die er verdient", sagte WJC-Präsident Ronald S. Lauder in New York. Für die Opfer und ihre Angehörigen habe die Verurteilung Hannings eine hohe Bedeutung, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, der "Neuen Westfälischen" (Samstag). Das Urteil könne aber nicht die Jahrzehnte langen Versäumnisse der deutschen Justiz wiedergutmachen, betonte er.

Mehrere Überlebende hatten während des vier Monate andauernden Prozesses von den Gräueltaten in Auschwitz berichtet. Deportierte seien in die Gaskammern geschickt, erschossen oder aufgehängt, Kinder zu brennenden Leichen in Feuergruben geworfen worden.

Hanning ist der zweite ehemalige SS-Angehörige, gegen den in jüngster Zeit ein Urteil wegen Beihilfe zum Mord in Auschwitz erging. Das Landgericht Lüneburg hatte im Juli 2015 den als "Buchhalter von Auschwitz" bezeichneten Oskar Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, der Bundesgerichtshof muss noch über eine Revision entscheiden. Ob überhaupt ein mehr als 90 Jahre alter Verurteilter ins Gefängnis kommt, muss ein gesundheitliches Gutachten klären.

Richterin Grudda kritisierte in ihrer Urteilsbegrünung am Freitag, dass es in Deutschland lange Zeit keine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gegeben habe. Lange Zeit wurden Fälle wie Gröning und Hanning nicht verfolgt.

Medien-Info Neue Westfälische

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Flüchtlingskrise: Schulz fordert in Rom eine solidarische EU
Martin Schulz schlägt sich in der Migrationskrise auf die Seite Italiens und fordert mehr Solidarität und Hilfe für den Mittelmeer-Staat. Den Vorwurf, sein Kurzbesuch …
Flüchtlingskrise: Schulz fordert in Rom eine solidarische EU
Thema Russland: Hillary Clinton schreibt ein brisantes Buch
Die Wahlen 2016 hat Hillary Clinton verloren. Nun könnte sie aber nachkarten: In einem neuen Buch will Clinton über ausländische Einmischungen in die US-Demokratie …
Thema Russland: Hillary Clinton schreibt ein brisantes Buch
Macron will Flüchtlingszentren in Libyen - und zwar bald
Emmanuel Macron will in den nächsten Monaten „Hotspots“ für Flüchtlinge in Libyen einrichten - notfalls auch ohne die Unterstützung der EU.
Macron will Flüchtlingszentren in Libyen - und zwar bald
Dieser Fehler könnte die AfD den Einzug in den Bundestag kosten
Ein Formfehler könnte dazu führen, dass die AfD bei den Bundestagswahlen nicht auf den Stimmzetteln der NRW-Wähler steht. Kostet der Partei das womöglich den Einzug in …
Dieser Fehler könnte die AfD den Einzug in den Bundestag kosten

Kommentare