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Autohaus als Aquarium

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- München - Zum Jahreswechsel schwappte die Flut noch einmal durch die deutschen Wohnzimmer. In den Bilanzen und Jahresrückblicken sah man noch einmal die hilflosen Menschen, die binnen Minuten ihren Besitz verloren hatten und nun vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Doch die Deutschen hielten in der Krise zusammen: Der Flut folgte die Spendenwelle.

Die große Benefiz-Gala von ARD und "Bild" erbrachte allein während der drei Stunden Sendezeit zehn Millionen Euro. Eine Woche später waren es schon 26 Millionen Euro. Bundeskanzler Gerhard Schröder brachte die Stimmung des Volkes auf den Punkt: "Die Einheit der Herzen wird sichtbar." Insgesamt flossen rund 200 Millionen Euro in die Hochwassergebiete. Doch längst noch nicht alles wurde ausbezahlt.

Günter Lohse steht stellvertretend für viele. Im sächsischen Freital-Hainsberg - dort, wo Rote und Wilde Weißeritz zusammentreffen - sprang der Fluss zuerst aus seinem Bett. Vereint rissen die Wassermassen das Autohaus Lohse nieder. Um 21 Uhr bekam Lohse einen Anruf aus dem Einsatzzentrum, dass er seine Fahrzeuge in Sicherheit bringen soll, weil die Talsperren gezielt geflutet werden. Doch es war schon alles zu spät: das Autohaus ein Aquarium. Eine Stunde später brach die Flutwelle durch Scheiben und Türen. "Die Gefühle kann man nicht beschreiben, wenn man mit ansehen muss, wie in einer Nacht 30 Jahre seiner Arbeit buchstäblich den Bach runter gehen." Als Günter Lohse das sagt, kann er schon wieder lächeln.

Inzwischen hat Lohse sein Autohaus wieder eröffnet - dank Spendengeldern und dank unzähliger Helfer, von denen er teilweise nicht einmal den Namen kennt. "Hier war ein Rechtsanwalt mit Hacke und Schaufel. Die Chefin der Dekra in Dresden hat mit angepackt und sogar jemand mit Herzschrittmacher, wie ich später erfahren habe", sagt der Autohändler. "Es sind sogar Leute im größten Dreck zu uns gekommen, um ein Auto zu kaufen, weil sie uns damit helfen wollten."

Der Gesamtschaden wurde auf mehr als eine Million Euro geschätzt. Einen Teil davon übernahm die Versicherung. 13 000 Euro kamen von der Aktion "Lichtblick", an der sich auch unserer Zeitung beteiligte (siehe Kasten). Die Geschehnisse sind auch an Günter Lohse nicht spurlos vorübergegangen. Doch die Menschen, die ihn kurz nach der Flut erlebt haben, als er alles hinschmeißen wollte, sind froh, ihn wieder bei so guter Laune zu sehen.

Für viele seiner Nachbarn in Freital ist Lohse so etwas wie ein Symbol. Als das Autohaus kürzlich wieder eröffnet wurde, war sich auch Oberbürgermeister Klaus Mättig (CDU) sicher, dass Lohse den Leuten Hoffnung macht _ nach dem Motto: "Wenn der das schafft, schaffe ich es auch!"

Geschichten wie die von Günter Lohse gibt es überall in den deutschen Hochwassergebieten. Doch trotz der großzügigen Spenden und der Hilfsversprechen der Politiker gab es in den vergangenen Monaten auch Negativschlagzeilen. Die einen klagten über die langsame staatliche Hilfe, andere über die bürokratischen Hürden. Aber: Wer sicherstellen will, dass das Geld an die richtigen Stellen gelangt, muss eben erst sorgfältig prüfen, ob der Anspruch gerechtfertigt ist.

Erst allmählich begannen die geschockten Flutopfer, sich mit der komplizierten Spendenbürokratie auseinander zu setzen. Rüdiger Unger, Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen vom Deutschen Roten Kreuz, wunderte sich schon ein wenig, dass es nicht mehr Anträge auf Spendenhilfe gab. Offensichtlich wüssten viele Betroffene nicht, wie sie überhaupt an die Gelder kommen. "Irgendwo versanden die Informationen", so Unger. Doch: Mit jedem Tag normalisiert sich das Leben in den Hochwassergebieten - und die Menschen finden wieder Zeit, sich um den Papierkram zu kümmern.

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