"Babylonische Verwirrung"

- München - Wenn in kommenden Jahrhunderten einmal ein Synonym für eine fatale Pattsituation gesucht wird, braucht man nur ein Wort seufzen: Rechtschreibreform. Seit 1999 beherrschte sie erst die Feuilletons, danach die Schulbuchverlage, heute vornehmlich die Lehrerzimmer und Stammtische.

<P>Menschen, die sich bislang nicht sonderlich für den Unterschied zwischen Schrift und Sprache interessierten, diskutierten in den letzten vier Jahren aus dem Stand mit und schaukelten die grundsätzlich nicht unberechtigte Reform in eine Sphäre der kollektiven Hysterie. Wer als Normalverbraucher zum Kugelschreiber oder an die Computertastatur greift, fühlt sich inzwischen wie der Dornausreißer bei Kleist: Er hat seine frühere Sicherheit verloren, ein selbstverständlicher Umgang mit der Orthographie ist ihm inzwischen fremd.</P><P>Nun macht eine neue Entscheidungsvorlage ihre Runde durch die Kultusministerien, die am 5. Februar von der "Amtschefkommission Rechtschreibung" gebilligt werden soll. Inhalt des Papiers ist eine Modifizierung der Rechtschreibung. Die Regelungen kreisen vor allem um die Groß-, Klein- und Getrenntschreibung. "Leid tun" (neue Schreibweise) steht jetzt neben "leidtun" (noch neuere Schreibweise). Das frühere "leid tun" ist nach wie vor falsch.</P><P>Strikte Trennungen, die vor 1999 zusammen geschrieben wurden, wie etwa "so genannt" oder "weit gehend", bleiben bestehen. Dagegen darf man nach der aktuellen Novellierung eine "allein stehende Frau" nun auch wieder zusammen schreiben. Das macht durchaus Sinn, denn das Sprachgefühl verrät beispielsweise schon, dass die Frau ja nicht nur alleine herum steht. "Wohl bekannt" bleibt allerdings getrennt, auch wenn dadurch eine Bedeutungsveränderung in Kauf genommen wird.</P><P>Befragt nach der neuerlichen Variation der Rechtschreibreform, blockt Marcel Reich-Ranicki ab: "Ich halte die neue Rechtschreibung insgesamt für einen großen Mumpitz. Es existiert schon jetzt eine babylonische Schreibverwirrung. Was in Zukunft noch passiert, mag man sich gar nicht ausmalen." Der bayrische Schriftsteller und Regisseur Herbert Achternbusch empfindet die Rechtschreibreform als ähnlich missglückt: "Also Kuss mit zwei s, das ist doch einfach zum Kotzen! Beim scharfen ß konnte man praktisch die Lippen vor sich sehen, aber jetzt sieht das Wort furchtbar aus. Ich schreibe weiter so, wie ich's gelernt habe." Für die Zukunft wünscht sich Achternbusch nur eines: "Ich möchte, dass meine zehnjährige Tochter mal einen Brief von mir lesen kann und ich einen von ihr. Aber die macht im Moment ohnehin viele Fehler, egal in welcher Rechtschreibung."</P><P>Schriftstellerin Tanja Kinkel sieht die Sache noch differenzierter: "Da diskutieren jetzt ein paar 50 oder 60 Jahre alte Herren drüber oder auch Leute wie ich, die davon nicht mehr wirklich betroffen sind. Eigentlich müsste man mehr mit den Schülern sprechen, mit Menschen also, die es wirklich betrifft - und nicht nur mit denen, die alles mit den alten Zeiten vergleichen."<BR></P>

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