Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann unterhält sich am 18.02.2015 in der Stadthalle Biberach beim Politischen Aschermittwoch mit der heutigen Grünen-Umweltministerin Thekla Walker.
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Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann unterhält sich am 18.02.2015 in der Stadthalle Biberach beim Politischen Aschermittwoch mit der heutigen Grünen-Umweltministerin Thekla Walker.

Kretschmann-Regierung weist Vorwürfe zurück

„Folgen wären katastrophal“: Sorge um BaWü-AKW - Drängende Fragen an Grünen-Umweltministerin

  • Anna-Katharina Ahnefeld
    vonAnna-Katharina Ahnefeld
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Der Umgang mit Atomkraftwerken bleibt ein Reizthema. Umweltschützer fordern nun das sofortige Aus des AKW im grün regierten Baden-Württemberg - wegen Sicherheitsbedenken.

Neckarwestheim/Stuttgart - Tschernobyl, Fukushima, Three Mile Island - es sind die Namen der größten Atomunglücke der vergangenen Jahrzehnte. Nach der Nuklearkatastrophe in Japan 2011 beschloss die schwarz-gelbe Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel den Atom-Ausstieg. Bis Ende 2022 sollen in der Bundesrepublik alle Atomkraftwerke vom Netz gehen. So auch das AKW Neckarwestheim II, das letzte seiner Art in Baden-Württemberg.

Doch Umweltschützerinnen und -Schützer fordern eine sofortige Abschaltung. Sie warnen vor schweren Sicherheitsrisiken. Eine brisante Gemengelage gerade für das grün geführte baden-württembergische Umweltministerium.

Atomkraftgegnerinnen und -gegner haben nun einen Eilantrag eingereicht - parallel zur bereits laufenden Klage beim Verwaltungsgerichtshof Mannheim. Ihr Ziel ist es, den Betrieb des Reaktors bis auf Weiteres zu untersagen. „Jahrelang hat das baden-württembergische Umweltministerium die von den korrosiven Bedingungen im AKW Neckarwestheim-2 ausgehende Gefahr durch mögliche Rohrbrüche bestritten“, rügen Armin Simon von „Ausgestrahlt“ und Franz Wagner vom „Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar“. Denn bei der Revision im Jahr 2018 waren zahlreiche Risse in Dampferzeuger-Heizrohren des Atomkraftwerks, durch die radioaktives Wasser fließt, festgestellt worden.

Atomkraftwerk Neckarwestheim II in Baden-Württemberg: Gutachten sieht Sicherheitsrisiken

Bestätigt sehen sie sich durch ein Gutachten des Diplom-Ingenieurs und ehemaligen Leiters der Abteilung „Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen“ im Bundesumweltministerium, Dieter Majer. In der offen zugänglichen Expertise vom 19. Februar 2021 warnt Majer, die Sicherheit des AKWs könne nicht garantiert werden. Es bestünden Sicherheitsmängel, die zu einem Störfall führen könnten. Majer argumentiert in seinem Gutachten, durch die weitere Entwicklung der Risse bestehe eine unberechenbare Gefahr - etwa eines Rohrbruchs. Er schreibt: „Wenn die spannungsrisskorrosionsfördernden Bedingungen in den Dampferzeugern nicht vollständig nachweislich beseitigt werden können, darf die Anlage so nicht weiter betrieben werden.“ Darüber berichteten bereits im März diverse Medien, beispielsweise der SWR.

Dampf kommt aus dem Kühlturm von Block 2 des Kernkraftwerks Neckarwestheim, daneben sind Block 1 (l) und Block 2 (r) des Atomkraftwerks zu sehen.

Das von den Grünen geführte Staatsministerium sieht die Lage jedoch anders als Majer. Auf Anfrage von Merkur.de erklärt das Ressort, man habe sich ebenso wie die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) mit dem Gutachten auseinander gesetzt - es gebe aber auch Gegengutachten. Die Unterlagen liegen Merkur.de vor. In der Antwort heißt es weiter: „Die Gutachten und die Prüfung der Gesellschaft für Reaktorsicherheit im Auftrag des BMU bestätigen, dass die Atomaufsicht in Baden-Württemberg sicherheitsgerichtet gemäß dem kerntechnischen Regelwerk vorgegangen ist und handelt – das Kraftwerk also demgemäß sicher betrieben werden kann.“ In der nun anstehenden Revision würden alle Heizrohre erneut und - wie bereits im Vorjahr - überprüft werden.

Grünes Umweltministerium weist Vorwürfe zurück - Das AKW kann sicher betrieben werden

Auf der Homepage des Umweltministerium in Stuttgart steht dazu geschrieben: „Das Problem der schadhaften Dampferzeuger-Heizrohre ist seit 2018 bekannt und von mehreren unabhängigen Sachverständigen sowie der Reaktorsicherheitskommission gründlich untersucht worden. Die Anlage GKN II kann demnach auf der Basis des kerntechnischen Regelwerks und des Standes von Wissenschaft und Technik sicher betrieben werden. Neue Erkenntnisse zum Sachverhalt liegen nicht vor.“

Doch auch die Kleinpartei ÖDP äußert sich zu dem Sachverhalt kritisch. „Diese Art von Rissen, wie sie auch in Neckarwestheim aufgetreten sind, lässt sich grundsätzlich nicht beherrschen. Sie wurden in der Vergangenheit in mehreren, inzwischen abgeschalteten AKW entdeckt. Wo sie auftreten, ist man nie sicher, ob es nicht plötzlich zum Abreißen eines Rohrs kommt, in dem über 300 °C heißes Wasser unter ungeheurem Druck steht. Die Folgen wären katastrophal: Eine Kernschmelze wäre möglich“, so der Physiker Klaus Buchner, Mitglied im Bundesvorstand der ÖDP.

Nun liegt das Thema dem Verfassungsgerichtshof Mannheim vor. Die Atomgegnerinnen und -gegner setzen womöglich aber auch Hoffnungen in die neue Grünen-Umweltministerin Thekla Walker. Klar ist: Im Jahr 2021, in Zeiten der Klimakrise und zehn Jahre nach Fukushima, erhitzt die Zukunft von Atomkraftwerken weiterhin die Gemüter. (aka)

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