Am 29. Januar hat CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann ihre Wahlkampagne präsentiert - seither hagelt es Spott.
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Am 29. Januar hat CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann ihre Wahlkampagne präsentiert - seither hagelt es Spott.

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„Wir Verbrecher“: Merkel-Schlingerei und peinlicher Plakat-Flop für CDU-Hoffnung Eisenmann

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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Die Zeit wird langsam knapp für Susanne Eisenmann - die Frau, die sich in Corona-Krise und Wahlkampf von der Kanzlerin distanziert. Spott über die gerade gestartete Wahlkampagne passt da gar nicht.

Stuttgart - Vom Schicksal geplagte Fußballer fassen ihre Misere gerne mit diesen Worten: „Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech hinzu.“ Die Redewendung ist die Übersetzung dafür, dass es auf dem Platz nicht läuft und ein Tiefschlag dem nächsten folgt.

Susanne Eisenmann ist in Baden-Württemberg nicht nur Ministerin für Kultus, sondern auch für Sport. Die 56-jährige CDU-Frau kämpft derzeit mit Haken und Ösen um mehr Profil. Schließlich ist schon in sechs Wochen Landtagswahl. Und dabei tritt sie als Spitzenkandidatin gegen keinen Geringeren als den FC Bayern München an - so zumindest hat Markus Söder neulich seinen geschätzten Kollegen Winfried Kretschmann von den Grünen genannt. Die „Eisenmannschaft“, wie sie und ihre Unterstützer sich nennen, müsste also unbedingt an ihrer Sieg-Taktik feilen, wie von CSU-Chef Söder empfohlen - doch derzeit wird sie arg in die Defensive gedrängt.

Landtagswahl in Baden-Württemberg: Schwerer Kampf mit Grünen - CDU-Spitzenfrau erntet Spott

Der neueste Rückschlag für die mittlerweile bundesweit bekannte Kämpferin für offene Schulen in Corona-Zeiten („unabhängig von den Inzidenzen“) kam am Wochenende über die sozialen Medien, kaum dass die Schlappe mit der Absage der Öffnung von Kitas und Schulen verdaut war. Zwar ist inzwischen üblich, dass versucht wird, die Wahlkampagne des politischen Gegners zu verballhornen und lächerlich zu machen. Doch so viel Spott für Eisenmann dieser Tage ist schon ungewöhnlich.

So wurden auf die neuen Großplakate, die Eisenmann am Freitag vorstellte, selbst Berliner Kommentatoren aufmerksam, weil die weißen Slogans auf orangem Hintergrund schräg daherkamen. „CDU wählen, weil wir Verbrecher von heute mit der Ausrüstung von morgen jagen“, heißt der eine. Daraus wurde bei Twitter schnell: „Wir Verbrecher von heute“, weil Autofahrer ja oft beim Vorbeifahren nur die erste Zeile lesen können.

Aber auch das zweite Motiv mit der Frage „Wollen wir nicht alle beschützt werden?“ garniert mit einem Foto von Eisenmann wurde spöttisch kommentiert. Ein User ersetzte Eisenmann durch Vito Corleone, dem von Marlon Brando gespielten Mafia-Paten, der Geschäftsleuten Schutzgeld abpresst. Der grüne OB-Rentner Fritz Kuhn fragte in der Folge auf Twitter: „Liebe Frau Eisenmann, hat Eure Werbekampagne etwas gekostet?“ Die Antwort ist ja. Für die Kampagne hat die Landes-CDU die Berliner Werbeagentur Römer und Wildberger engagiert. Die Motive hat Eisenmann dem Vernehmen nach mit ihren engsten Beratern ausgesucht. Am Sonntagnachmittag erklärte die 56-Jährige, sie werde an den Plakaten festhalten. „Dass eine Botschaft auf Plakaten im Netz bewusst missverstanden wird, sehen wir gelassen.“ Innere Sicherheit sei eine „Kernkompetenz“ der CDU.

CDU-Landtagskandidatin erntet Dauerspott: Experte erkennt „handwerkliche Fehler“

Anruf beim Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Der wundert sich darüber, dass die CDU auch auf reine Textplakate noch dazu mit Großbuchstaben und langen Wörtern wie „Ausrüstung“ setzt. „Diese Plakate sollte man sowieso nicht kleben.“ Sie seien für vorbeirauschende Autofahrer und Passanten kaum verständlich. Viel besser seien Bildplakate mit auffälligen Farben. Dass die Motive und Slogans leicht verballhornt werden können, nennt Brettschneider „handwerkliche Fehler“. Er sagt aber auch: „Die Plakate sind für die Wahlentscheidung nicht relevant.“

Gleichwohl sind sie ein weiterer Mosaikstein für das Bild, das sich Wählerinnen und Wähler von Eisenmann machten. „Sie fragen sich, wie sind ihre Managementqualitäten und ihre Professionalität.“ Viel wichtiger sei aber der Kurs der baden-württembergischen CDU-Spitzenkandidatin in der Corona-Krise: „Frau Eisenmann hat keinen Lauf“, urteilt der Experte.

Das liege an ihrer Amtsführung im Kultusministerium und ihrem Verhalten gegenüber Kretschmann und der nach wie vor sehr populären Kanzlerin Angela Merkel (CDU). „Sich von Merkel zu distanzieren, ist schon eine steile Aussage im Landtagswahlkampf“, meint Brettschneider. Jüngst hatte Eisenmann in einem Interview gesagt: „Ich finde den Kurs der Kanzlerin in der Corona-Pandemie grundsätzlich sehr gut. Ich habe nur eine andere Meinung dazu, ob man alle Schulen pauschal schließen sollte.“

Merkel-Distanzierung im Landtagswahlkampf? CDU-Kandidaten-Strategie erinnert an Flop von 2016

Das erinnere an den Kurs des früheren CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf, der sich Anfang 2016 kurz vor der Landtagswahl in der Flüchtlingspolitik von Merkel distanziert hatte. In der CDU ruft Eisenmanns Linie ebenfalls ein Déjà-vu hervor. Ein Vorstandsmitglied sagt dazu: „Es fehlt nur noch, dass Kretschmann wieder erklärt, dass er für Merkel betet.“ Damals war das Resultat: Die Grünen kamen auf 30,3 Prozent, die CDU nur auf 27. Dass Eisenmann trotz der Gefahren durch die Corona-Mutante weiter auf einer raschen Öffnung von Kitas und Schulen beharrt, halten auch in der CDU viele für falsch. In einer Krise dürfe eine Regierung nicht streiten, heißt es öfter.

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke findet, Eisenmann brauche sich über den Spott nicht zu wundern: „Es passt halt nicht zusammen, erst verbissen Schulöffnungen zu fordern und damit der Kanzlerin von der Fahne zu gehen, um dann urplötzlich im Wahlkampf zu entdecken, dass man mit ‚safety first‘ und Merkels Sicherheitsdenken die Wahl gewinnen will.“ Ein CDU-Stratege, der nicht zur „Eisenmannschaft“ gehört, kann der ganzen Diskussion um die Wahlplakate noch etwas Gutes abgewinnen: Immerhin spreche man nun nicht mehr ausschließlich über „Eisenmanns miese Schulpolitik“, sagt er sarkastisch.

Exklusiv hat die Baden-Württemberg-CDU die Wahlkampf-Probleme nicht. Auch im Kommunalwahlkampf in NRW hatte es im Herbst Spott gehagelt - „Gemeinsam. Kinder. Machen.“ stand damals auf einem Plakat der CDU Rheine - was Twitter-User zu der Frage verleitete, wer die Partei eigentlich in Sachen Öffentlichkeitsarbeit berät. Allerdings kommt auch Konkurrent Kretschmann nicht ganz ohne Turbulenzen durch den Wahlkampf: Im ZDF-Talk „Markus Lanz“ platzte dem Grünen-Ministerpräsidenten jüngst gleich mehrfach der Kragen. (dpa/fn)

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels wurde auch ein Plakatmotiv mit der Aufschrift „Gemeinsam. Kinder. Machen.“ der CDU in Baden-Württemberg zugeschrieben. Wir bedauern diesen Fehler aufrichtig und haben den Text entsprechend angepasst.

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