Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck posieren mit Mund-Nasenschutz bei der Bundesdelegiertenkonferenz ihrer Partei in Berlin für die Fotografen.
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Annalena Baerbock und Robert Habeck.

„Das war mein Fehler“

Baerbock liefert erstmals Begründung für Buch-Misere - und überrascht mit Reaktion auf Laschet

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
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Annalena Baerbock nimmt den Wahlkampf wieder auf - mit einer detaillierten Erklärung für ihr Plagiats-Problem. Im Streit um Hochwasser-Schutz wählt sie fast schon unorthodoxe Methoden.

Berlin - Als skandalumtoste, schwer angeschlagene Kanzlerkandidatin ist Annalena Baerbock Anfang Juli in den Sommerurlaub gegangen - nun ist die Grüne auf die Bildfläche zurückgekehrt: Mit einem Besuch im Hochwasser-Krisengebiet ganz ohne mediale Begleitung, mit einem inhaltlichen Angriff auf die Klimapolitik der CSU. Und mit Klarstellungen zu ihrem Buch und den Copy-und-Paste-Funden in dem Werk.

Völlig offen ist, ob den Grünen der Neustart im Wahlkampf gelingen kann. Die Chancen scheinen allerdings nicht schlecht zu stehen: Co-Chef Robert Habeck lieferte auf Promo-Tour in Norddeutschland eher positive Bilder. Und in Baerbocks Absenz ist CDU-Konkurrent Armin Laschet für sein Katastrophen-Management seinerseits in die Kritik geraten. Auffällig dabei durchaus: Die Grüne-Chefin verzichtete nach ihrer Rückkehr beinahe demonstrativ auf persönliche Attacken in Richtung ihres Kontrahenten Laschet.

Annalena Baerbock: Grüne-Kandidatin aus Urlaub zurück - inhaltliche statt persönliche Vorwürfe für Laschet

In einem Interview mit dem Spiegel breitete Baerbock am Montag stattdessen ihre Klima- und Katastrophenschutz-Forderungen aus - wie auch im ARD-„Morgenmagazin“, wo sie Kritik an CSU-Chef Markus Söder übte. Für „fertige Antworten“ zu möglichen Fehlern im Umgang mit dem Hochwasser sei es aber zu früh, sagte sie dem Nachrichtenmagazin. Seit Längerem zeichne sich gleichwohl ab: „Wir müssen den Katastrophenschutz neu formieren, und der Bund muss dafür mehr Verantwortung übernehmen.“ Zugleich sei Deutschland zu wenig auf klimabedingtes Extremwetter vorbereitet, auch Maßnahmen der Klimaanpassung vor Ort seien „unterfinanziert“.

Konkret forderte Annalena Baerbock auch „endlich ein striktes Bauverbot in Hochwasserrisikogebieten“. „Die CDU müsste nur ihren Widerstand dagegen aufgeben“, betonte sie.

Hochwasser in Deutschland: Baerbock überrascht mit Reise ohne Medien - keine Vorwürfe an Söder und Laschet

Den Verzicht auf mediale Begleitung bei ihrer Reise ins Krisengebiet Rheinland-Pfalz erklärte die Grüne explizit nicht mit einer Sorge vor Fehlern, wie sie Laschet bei einem Auftritt mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unterlaufen waren. „Es ging mir darum, wirklich zuhören und auch trösten zu können. Da macht es einen Unterschied, ob Kameras laufen oder nicht“, erklärte sie. Um zu verstehen, wie man sich besser wappnen könne, brauche es „Zeit und mehr Ruhe, als Pressetermine bieten“.

Dass Laschet und Söder - ebenso wie SPD-Kandidat Olaf Scholz - mit Fernsehteams durch die Krisengebiete reisten, kritisierte Baerbock allerdings nicht. Die beiden Konservativen hätten als Chefs von Landesregierungen schlichtweg eine andere Rolle. Baerbock ist die einzige Kanzleranwärterin ohne Regierungsposten.

Im Video: Emotionale Ansprache Baerbocks zur Hochwasser-Katastrophe

Baerbock erklärt Hintergründe der Plagiatsaffäre: „Bei den Notizen fehlten mir die Quellen“

Mit Blick auf ihre Plagiatsaffäre übte Baerbock Selbstkritik. „An den Fehlern, die ich selbst gemacht habe, knabbere ich am heftigsten“, erklärte sie. Die Debatte habe die wichtigen politischen Fragen überlagert. Die Kanzlerkandidatin der Grünen lieferte erstmals auch eine konkrete Erklärung für die vieldiskutierten aus anderen Quellen kopierten Passagen: Ihr Vorgehen beim Sammeln von Informationen sei beim Schreiben des Buches kontraproduktiv gewesen.

„Mir ist wichtig, in der Politik zuzuhören und gute Ideen aufzunehmen. Ich notiere mir deshalb viel aus Gesprächen und lese auch viel, um dann gute politische Entscheidungen zu treffen“, berichtete Baerbock dem Spiegel. Ein handwerklich gutes Buch sei so aber nicht zu erstellen gewesen, „weil bei den dafür genutzten Notizen dann die Quellen fehlten“. „Das war mein Fehler“, fügte sie hinzu. Zudem habe sie im Sinne korrekter Fakten an mehreren Stellen auf öffentlich zugängliche Informationen zurückgegriffen. Die Neuauflage des Buches solle auch deshalb nun ein Quellenverzeichnis erhalten.

Baerbock will keinen Tausch mit Habeck - Grünen-Kanzlerkandidatin gegen „Weglaufen“

Baerbock warb um Vertrauen in ihre Person, „weil ich über die Fehler nicht hinweggehe, sondern selbstkritisch dazu stehe“. Auch von kritischen Worten ihres Co-Vorsitzenden Habeck sei sie nicht genervt gewesen: „Ein starkes Miteinander zeichnet sich nicht dadurch aus, dass man Dinge schönredet, sondern dass man ehrlich miteinander und übereinander spricht“, betonte sie. Einen Personalwechsel im Kanzlerkampf schloss sie erneut aus. Verantwortung bedeute nicht, „wegzulaufen, wenn es ungemütlich wird, sondern es in Zukunft besser zu machen“.

Die Grünen waren mit dem erklärten Anspruch in den Wahlkampf gegangen, eine inhaltliche statt einer persönlichen Auseinandersetzung zu führen - in den vergangenen Wochen schien dieser Vorsatz allerdings zu bröckeln. Die schweren Unwetter in Deutschland könnten der Partei nach der ersten Schadensbewältigung zum Vorteil gereichen, wie unter anderem der Münchner Merkur kommentierte. Allerdings sollten dafür weitere Fehler vermieden werden: Baerbocks Büro hatte erst am Freitag Ehrenämter der Kanzlerkandidatin nachmelden müssen. (fn)

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