Annalena Baerbock präsentiert Mitte Juni das „Corpus delicti“ - ihr neues Buch.
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Annalena Baerbock präsentiert Mitte Juni das „Corpus delicti“ - ihr neues Buch. Im Hintergrund das Kanzleramt.

Vorwürfe auch gegen Christsoziale

Baerbock unter Verdacht: Sogar die Konkurrenz beschwichtigt - CSU-Politiker teilt derweil „Interna“

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
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Hat Annalena Baerbock abgeschrieben? Diese Frage schien kurz zum Wahlkampf-Thema zu geraten. Doch die Konkurrenz reagiert unerwartet. Und die Grünen wollen den Spieß umdrehen.

Berlin/München - Nach fulminantem Wahlkampf-Start ist Annalena Baerbock* zuletzt in schwierige Fahrwasser geraten. Die Grünen-Kanzlerkandidatin verliert laut Umfragen an Zuspruch* und muss harte Kritik ertragen, immer wieder auch selbstverschuldet: Etwa mit Ungenauigkeiten im Lebenslauf oder nicht beim Bundestag deklarierten Weihnachtsgeldern.

Doch zuletzt mehrten sich auch Vorwürfe eines unlauteren Wahlkampfes durch die Konkurrenz. Und im neuesten Fall scheint sich der Wind vollends zu drehen. Harte Vorhaltungen wegen möglichen Plagiaten in Baerbocks aktuellem Buch wiesen am Dienstagabend sogar Vertreter von CDU, SPD, FDP und Linke als überzogen zurück - wenn auch mit dem ein oder anderen Seitenhieb versehen. In der Kritik stand dafür plötzlich CSU-Generalsekretär Markus Blume. Er hatte nach Aufkommen der Debatte deftige Worte an Baerbocks Adresse gerichtet.

Die Wahlkampfschlacht nahm auch eine unerwartete Volte. Gleich mehrere Oppositionsvertreter griffen einen hier eigentlich unbeteiligten CSU-Politiker an: Verkehrsminister Andreas Scheuer. Folgen könnte eine Debatte über den richtigen Umgang im Werben um Wählerstimmen.

Annalena Baerbock: Plagiatsvorwürfe für Grünen-Chefin - sogar CDU-Politiker beschwichtigt

Hintergrund des Streits sind Äußerungen des österreichischen Medienwissenschaftlers Stefan Weber. Er warf Baerbock am Dienstag vor, in ihrem Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ abgeschrieben zu haben - auch von Urheberrechtsverletzungen war die Rede. Tatsächlich lassen sich in Baerbocks unlängst veröffentlichtem Werk nahezu wortgleiche Übereinstimmungen zu anderen Texten finden, etwa zu einem Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung.

Aus mehreren anderen Bundestagsparteien kamen allerdings schnell beschwichtigende Stimmen. „Kommt Leute! Regt Euch ab! Es gibt echt Wichtigeres“, twitterte etwa der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestags-FDP, Marco Buschmann: „Jeder weiß, dass Bücher von Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten vor der Wahl eher die literarische Qualität einer Werbebroschüre haben.“ Unverständnis äußerte auch der frühere SPD-Vize Ralf Stegner: Er forderte vor der Bundestagwahl* inhaltliche Auseinandersetzung ein - „anstatt Annalena Baerbock persönlich anzugreifen und zu versuchen, sie in einen Schmuddelwahlkampf zu verwickeln“.

Auch ein Linke-Politiker sprang der Grünen bei. „Die Story selbst finde ich sehr aufgeblasen bei einem ‚populärwissenschaftlichen‘ Buch“, twitterte der Finanzpolitiker Fabio de Masi. Und selbst aus Reihen des schärfsten Konkurrenten der Grünen, aus der CDU*, gab es die Mahnung zur Mäßigung. „Wenn einer für die Abteilung Attacke Sympathie hat, dann ganz sicher ich. Die neuen Vorwürfe gegen Baerbock finde ich aber grotesk“, erklärte der Europaabgeordnete Dennis Radtke in dem Kurznachrichtendienst: „Man muss nicht aus jedem Furz einen Knall machen.“

Baerbocks Buch in der Kritik: CSU-General sieht „vorsätzliche Täuschung“ - Grüne und FDP nehmen Scheuer ins Visier

Ganz anders hatte sich hingegen CSU-Generalsekretär Markus Blume geäußert. Er warf Baerbock schon am Nachmittag in einem Tweet vorsätzliche Täuschung, schlampige Arbeit und Hochstapelei bezüglich der eigenen Leistung vor. „Das hat bei @ABaerbock
scheinbar System und erschüttert einmal mehr ihre Glaubwürdigkeit“, lautete Blumes Verdikt. Damit erregte er zumindest den Zorn der Grünen: „Dreck schmeißen, damit irgendwas hängen bleibt, typisch CSU“, erwiderte der bayerische Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek. Er forderte indirekt eine Entschuldigung von Blume ein.

Unterdessen schoss sich die Opposition auf Verkehrsminister Andreas Scheuer ein - wobei der immer wieder skandalgebeutelte CSU-Politiker zumindest mit diesem Fall rein gar nichts zu tun hat. Blumes verheerendes Urteil treffe „so oder so ähnlich“ auch auf Scheuer zu, stichelte etwa FDP-General Volker Wissing: „Und der ist immer noch im Amt.“ Auch die Grünen richteten den Blick auf Scheuer: „Noch was zur Frage, was System hat, Markus Blume“, erwiderte die Parlamentarische Geschäftsführerin Britta Haßelmann in einem Tweet: „Die Banalisierung des Verschleuderns von Milliarden an Steuergeldern der Bürger*innen durch Andi Scheuer beim Maut-Desaster & Abgasskandal“.

Baerbock-Debatte eskaliert schnell: Grüner sieht Demokratie gefährdet - Plagiatsjäger will weitersuchen

Die Partei hatte zuvor mit Blick auf die Plagiatsvorwürfe von „Rufmord“ gesprochen. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt forderte die politischen Widersacher auf, „mit diesem Schmutz“ aufzuhören. Weiter ging der Grüne-Europaabgeordnete Erik Marquardt. Er erhob Vorwürfe an die Medien und weitere Akteure. Es gehe im Kern um die Frage „ob wir eine Antwort darauf finden, dass mit viel Geld und Kampagnenjournalismus demokratischer Wahlkampf als Wettstreit um verschiedene Ideen zu einem Schmierentheater verkommt“, twitterte er: „Das gefährdet die Demokratie.“ Ein Seitenhieb wohl auch auf eine umstrittene Kampagne der Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Ob der Sturm damit an der Grünen* vorbeigezogen ist, bleibt aber abzuwarten. Plagiatsjäger Weber kündigte an, die Suche nach abgeschriebenen Passagen in Baerbocks Buch fortzusetzen. Bislang habe er nur Stellen ausgewiesen, die er mit Hilfe einer Plagiatsprüfungs-Software gefunden habe. „Ich hoffe, dass ich nun Hinweise von Lesern bekomme. Denn viele Texte stehen hinter Bezahlschranken, die kann die Software nicht finden.“ Teile des Buchs seien unverdächtig, weil es dort um persönliche Geschichten gehe. Ob noch mehr komme, könne er noch nicht sagen.

Weitere Probleme rund um das Buch hält offenbar auch der CSU*-Abgeordnete Andreas Lenz für möglich: Er überraschte auf Twitter mit „Interna“. „Ein Fahrer des Bundestags meinte neulich, dass Frau Baerbock bei ihm im Wagen saß und mit dem Verfasser ihres Buches lange telefonierte...“, plauderte er seinen Followern zu. (fn) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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