Kanzlerkandidatin spricht auch übers Impfen

Baerbock gesteht Fehler: „Das schmerzt sehr“ - aber eine Sache will sie nicht ändern

  • Marcus Giebel
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Eigentlich war Annalena Baerbock ausgezogen, um Kanzlerin zu werden. Doch ihre Chancen stehen aktuell nicht mehr zum Besten. Was auch an Fehlern lag, die ihr nun nachhängen.

München - Annalena Baerbock hat in einem wahren Crashkurs erlebt, was es bedeutet, einen Bundestagswahlkampf als Spitzenkandidatin zu bestreiten. Noch bevor sie offiziell zur Frontfrau der Grünen erklärt wurde, schien die 40-Jährige der Liebling der Massen zu sein, der Teppich ins Kanzleramt bereits ausgerollt. Doch so manches Fettnäpfchen später - Fehler im Lebenslauf, nachträglich gemeldete Nebeneinkünfte, ihr Buch mit Lücken im Quellenverzeichnis - hat sie in der Wählergunst deutlich eingebüßt.

Aktuell wären ihre Aussichten im Falle einer Direktwahl alles andere als rosig. Bei jüngsten Umfragen weist Baerbock teils schlechtere Werte auf als ihre Mitbewerber Armin Laschet von der CDU und Olaf Scholz von der SPD. Im Interview mit dem Tagesspiegel verrät die gebürtige Hannoveranerin, wie sehr die vergangenen Wochen an ihr gezehrt haben: „Manches hat in den vergangenen Wochen gelitten, weil ich nicht alles richtig gemacht habe und das schmerzt mich sehr.“

Baerbock über ihr Buch: „Habe an einigen Stellen nicht genau genug gearbeitet“

Muss sich erst wieder ins richtige Licht rücken: Annalena Baerbock ist deutlich vom Kurs auf das Kanzleramt abgekommen.

Besonders ins Kontor geschlagen haben dürften die schon angesprochenen Vorwürfe bezüglich Plagiats- und Urheberrechtsverletzungen in ihrem Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“, dessen Veröffentlichung kurz vor der Wahl ihr zweifellos einen Push hatte verschaffen sollen. „Ich habe da an einigen Stellen nicht genau genug gearbeitet“, gesteht Baerbock ein, die zuletzt auch mit der Nutzung eines rassistischen Ausdrucks negative Schlagzeilen schrieb.

Grundsätzlich beschäftige sie sich mit den Rückschlägen im Wahlkampf: „Es gibt gute Tage und Tage, an denen man denkt, Mensch, hätte besser laufen können.“ Aber Baerbock gibt auch zu bedenken: „Wir sind keine Roboter. Ich mache Politik als Mensch, aus der Lebenswirklichkeit der Menschen heraus. Und dabei möchte ich bleiben.“

Baerbock kann sich mit Nachteilen für Nicht-Geimpfte anfreunden

Umso mehr muss es Deutschlands zweite Kanzlerkandidatin nach Angela Merkel wurmen, dass durch die Flutkatastrophe zwar die Folgen des Klimawandels für jeden offengelegt wurden, ihrer Partei aber allenfalls ein minimaler Aufschwung in der Sonntagsfrage gelang. Dabei ist der Umweltschutz doch seit jeher die Paradedisziplin der Grünen. Doch dieses Thema haben nun eben auch die anderen Parteien verstärkt für sich entdeckt - zumindest im Anschluss an die Katastrophe.

Bei einem anderen derzeit alles übertrahlenden Thema nimmt Baerbock die gleiche Position wie die politische Konkurrenz ein. Nachteile im öffentlichen Leben für Bürger, die sich einer Impfung gegen Covid-19 verweigern, sieht sie als gerecht an: „Wenn alle ein Impfangebot bekommen haben, ist jedenfalls nicht auszuschließen, dass Geimpfte mehr Dinge tun können als die, die sich trotz der Möglichkeit nicht impfen lassen. Es kann ja nicht sein, dass die Freiheitsrechte aller eingeschränkt werden, weil sich ein Teil nicht impfen lassen will.“

Zugleich richtete die Mutter zweier Töchter einen Appell an Bund und Länder: „Wir müssen jetzt, wo das Impftempo nachlässt, die Anstrengungen verstärken.“ Dazu hat Baerbock auch bereits konkrete Ideen - die aber nicht neu sind: „Mit mobilen Impfteams und Impfangeboten direkt in Stadtteilzentren und Hochschulen, auf Marktplätzen und vor Supermärkten erreichen wir unentschlossene Menschen am besten.“

Baerbock plant Anpassung der Sprache in Gesetzestexten

Apropos erreichen: Die Co-Chefin der Grünen will künftig auch in Gesetzestexten jeden und jede abholen. Deshalb verspricht sie im Tagesspiegel, dass die entsprechenden Bücher und Schriften in geschlechtergerechte Sprache angepasst werden sollen. „Ich will Politik für alle Menschen machen und das bedeutet, auch alle mit anzusprechen - und nicht nur mit zu meinen“, betont Baerbock, die darauf verweist, dass Sprache auch ausgrenzen könne.

Es habe sich bereits einiges getan: „Sprache verändert sich - heute reden wir zum Beispiel eher von ‚Ärztinnen und Ärzten‘ und nicht nur von ‚Ärzten‘, weil sonst im Kopf nur das Bild eines Mannes auftaucht.“ Daraus müsse die Gesellschaft lernen: „So ist es auch in vielen anderen Bereichen. Wenn ich weiß, dass bestimmte Begriffe einzelne Personen oder Gruppen verletzen, dann sollte man versuchen, die Dinge anders auszudrücken, aus Respekt.“ (mg)

Rubriklistenbild: © Christophe Gateau/dpa

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