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Baerbocks Dauermisere: Grüne kündigen „Manöverkritik“ an - pikante Thesen werden laut

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Von: Florian Naumann

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Annalena Baerbock beim Grünen-Parteitag Mitte Juni.
Annalena Baerbock beim Grünen-Parteitag Mitte Juni. © Felix Zahn/photothek.net/www.imago-images.de

Was läuft falsch in Annalena Baerbocks Wahlkampf? Bei den Bundestags-Grünen kursieren erste Thesen - doch auch Vorwürfe gegen eine externe „Gruppe“ werden laut.

Berlin - Hoffnungsvoll gestartet - und schon Anfang Juli wieder ganz weit weg vom Kanzleramt gestrandet? Die Bundestags-Wahlkampagne der Grünen ist mächtig ins Stocken geraten: Die jüngsten Umfragen sehen einen Vorsprung der Union im zweistelligen Bereich. Und auch von den wohlgesetzten Plänen der Partei - Fokussierung aufs Inhaltliche und zivilisierter Umgangston - ist immer weniger zu erleben. Nun könnten die Grünen-Wahlkämpfer mit sich in Klausur gehen. Erste Thesen zu den Ursachen der Misere kursieren derweil auch schon. Dabei rückt Baerbocks eigenes Team ins Blickfeld - und eine mysteriöse externe „Gruppe“.

Baerbock im Kreuzfeuer: „Manöverkritik“ könnte folgen - interne Zweifel an Team der Kanzlerkandidatin?

Anlass zu einer gründlichen Aufarbeitung gibt es reichlich: Seit Tagen wird nicht etwa das Grünen-Wahlprogramm debattiert, sondern eine Copy-Paste-Affäre ihrer Kanzlerkandidatin Baerbock - die sich an Flops um nicht beim Bundestag deklarierte Weihnachtsgelder und Lebenslauf-Kosmetik reihte. Unterdessen liegen die Nerven scheinbar zunehmend blank. Auf die Vorhaltungen der Urheberrechtsverletzung reagierte die Partei eher dünnhäutig mit „Rufmord“-Vorwürfen. Während (intern) im Saarland und (extern) in NRW heftig und in häufig wenig erbaulichem Tonfall die Fetzen fliegen.

Baerbock geht nun erst einmal in Urlaub - Zeit für die Familie sei geplant, schon seit längerem, teilten die Grünen mit. Die Ursachensuche läuft aber wohl weiter. Auf die Frage, wie in den vergangenen Wochen im Wahlkampf der Kanzlerkandidatin mehrere Fehler passieren konnten, sagte Parteigeschäftsführer Michael Kellner am Freitag: „Manöverkritik machen wir intern. Das würde ich jetzt nicht übers ‚Morgenmagazin‘ machen.“

Möglich scheint indes, dass dabei Baerbocks eigenes Team in den Fokus gerät. Es seien „nicht die Strukturen innerhalb der Parteizentrale“ für die Probleme verantwortlich, „sondern die Missachtung dieser Strukturen“ durch Mitarbeiter Baerbocks, zitierte die Welt einen parteiinternen Kritiker. Zu diesen Vertrauten zählen dem Bericht zufolge unter anderem Ehemann Daniel Holefleisch, aber auch Kampagnensprecher Andreas Kappler und Cem Özdemirs früherer Büroleiter Michael Scharfschwert. Auch bei den Eklats um Weihnachtsgeld und Lebenslauf hatte die Grünen-Parteizentrale bereits auf Baerbocks Büro verwiesen.

Grüne: Vorwürfe gegen Baerbock „aufgebauscht“? Sogar Konkurrenz genervt - „geht um Zukunft dieses Landes“

Wenig umstritten dürfte sein, dass die Vorwürfe um Petitessen einen eher unverhältnismäßig großen Raum im Wahlkampf einnehmen - zumal ja auch die Konkurrenten Armin Laschet (Stichwort: Würfel-Affäre) und Olaf Scholz (Stichworte: Wirecard und Cum-Ex) persönlich nicht vollends ohne Fehl und Tadel sind.

Selbst die Konkurrenz sprang Baerbock in der Plagiats-Debatte bei. Am Freitag betonte auch Linke-Chefin Susanne Hennig-Wellsow noch einmal ihr Befremden. „Ob eine Kanzlerkandidatin ein Buch braucht, weiß ich nicht, aber dass wir nur noch darüber reden, finde ich wirklich bedenklich“, sagte Hennig-Wellsow am Freitag dem Spiegel. „Es geht nicht um Fußnoten in Büchern, es geht um die Zukunft dieses Landes.“ Co-Chefin Janine Wissler sagte Merkur.de mit Blick auf die Dauerdebatte um Baerbock und das schwierige Standing von Frauen in der Politik: „Jeder Versprecher wird als Inkompetenz ausgelegt.“

Ähnlich äußerte sich am Freitag auch Kellner. Kritik sei völlig legitim, betonte er, „nur wir sehen eben auch, dass da auch Kleinigkeiten aufgebauscht werden“. Als der Vorwurf der Urheberrechtsverletzung im Raum stand, sei es der Partei darum gegangen, ein Stoppschild zu setzen. 

Laut Welt wird diese These aufgebauschter Kleinigkeiten auch in der Grünen-Bundestagsfraktion weithin vertreten. Allerdings gebe es auch ein anderes Lager - das zwar ebenfalls eine Kampagne gegen Baerbock und die Grünen erkennen will, aber auch darauf verweist, dass es vor der Bundestagswahl eben gelte, personenbezogene Fehler und Ungenauigkeiten zu vermeiden. Auch von einer „Überforderung der Bundesgeschäftsstelle“ sei teils die Rede.

Annalena Baerbock: Plagiatsvorwürfe treiben immer schillerndere Blüten - wollte eine „Gruppe“ Habeck installieren?

Unterdessen scheinen die Plagiatsfunde in Baerbocks Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ immer schillerndere Blüten zu treiben. So hat der Plagiatsjäger Stefan Weber laut einem Bericht der Bild mittlerweile auch Passagen aus einem Gastbeitrag eines Parteifreunds Baerbocks entdeckt - aus einem Text Jürgen Trittins für die Frankfurter Rundschau. „So eine Dreistheit und Dummheit habe ich in 14 Jahren Tätigkeit noch nie gesehen“, echauffierte sich Weber in einem Tweet.

Ein Kollege Webers befeuerte in einem Gespräch mit dem Portal t-online.de allerdings auch Mutmaßungen, es könne sich um eine gezielte Kampagne gegen Baerbock handeln. „VroniPlag“-Gründer Martin Heidingsfelder berichtete, er sei von einer „Gruppe eher aus dem rechten Lager“ kontaktiert worden um Baerbocks Lebenslauf nachzuspüren, einmal im Mai; am Mittwoch dann erneut. Es habe sich um Leute gehandelt, „die Kampagnen starten können“.

Ziel sei es gewesen, Robert Habeck statt Baerbock als Kanzlerkandidat ins Rennen zu bringen. Heidingsfelder lehnte nach eigenen Angaben ab - und urteilte auch harsch über die laufende Plagiatssuche: Das Vorgehen trage „Züge des amerikanischen Wahlkampfs und die Beteiligung ist in meinen Augen eines Plagiatsjägers unwürdig“. Weber bekräftigte unterdessen, er habe keine Auftraggeber und werde für diese Plagiatssuche auch nicht bezahlt.

Baerbock will „lächeln“: Eigentor unter Zeitdruck?

Baerbock selbst bleibt vorerst gelassen - und denkt auch nicht daran, für Habeck das Feld zu räumen. „Lächeln oder Zähne zeigen?“, fragte eine Journalistin der Zeitschrift Brigitte sie im Interview am Donnerstag in einem Berliner Kino. Die Grünen-Chefin antwortete ohne Zögern: „Lächeln.“ Außer Zweifel steht, dass die Grüne ihren Kontrahenten selbst reichlich Munition lieferte. Eine mögliche Erklärung für die Plagiats-Problematik findet sich in ihrem Buch. Dort dankte Baerbock ihrer Lektorin, „zumal mit der Entscheidung der Kanzlerkandidatur im April plötzlich alles ganz schnell gehen musste“.

Vor ihrem Urlaub bemühte sich Baerbock jedenfalls auch noch einmal um etwas inhaltlichen Input für den Wahlkampf. In einem Interview mit der Funke Mediengruppe regte sie einen „großen Klima-Anpassungsfonds auf Bundesebene“ an, „über den diejenigen, die durch wetterbedingte Katastrophen ihr Hab und Gut verloren haben, entschädigt werden“. Viele Menschen seien dagegen nicht versichert. Das zumindest ist fraglos ein größeres Problem als Formulierungsklau bei Parteikollegen. (fn mit Material von dpa und AFP)

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