Presse schießt sich auf Grüne ein

„Es ist vorbei, Annalena!“ Nach Buch-Debakel fordert selbst die „taz“ Baerbock zum Rückzug auf

Die Plagiats-Affäre um Annalena Baerbock wird immer mehr zum Problem für die Partei. Sogar linksgerichtete Zeitungen wie die „taz“ schreiben die Grünen-Kandidatin mittlerweile ab.

Berlin - Die Debatte um abgeschriebene Passagen in ihrem Buch „Jetzt: Wie wir unser Land erneuern“, sorgen für ein Umfrage-Tief der Grünen. Zuerst war aus dem Lager der Partei von einer gezielten Kampagne die Rede, doch die Kritik der Medien wird immer größer. Sogar linksgerichtete Zeitungen, die den Grünen vermeintlich etwas näher stehen, stimmen mit ein.

In ihrem Kommentar mit dem Titel „Es ist vorbei, Baerbock“ schreibt die taz-Autorin Silke Mertins: „Wenn Baerbock also etwas am Klima und der Zukunft der kommenden Generationen liegt, dann sollte sie ihre Kandidatur so schnell wie möglich an Habeck abgeben. Sieht sie es nicht ein, dann liegt es jetzt bei den einflussreichen Parteigranden ihr klarzumachen: Es ist vorbei, Annalena! Vielleicht wäre sie eine gute Kanzlerin geworden, doch dafür müsste sie zuerst ein hohes Ergebnis für ihre Partei erreichen. Sie kann diese Wahlen nicht mehr gewinnen, dazu ist ihre Glaubwürdigkeit zu stark beschädigt.“

Die Kommentatorin analysiert das Scheitern der grünen Kanzlerkandidatin aus ihrer Sicht so: „Wieder einmal wollte die Kanzlerkandidatin größer erscheinen, als sie ist. Und dieses Mal fehlt ihr sogar die Einsicht, erneut Fehler gemacht zu haben. Baerbock ist an ihrem eigenen Ehrgeiz gescheitert.“ Wenn es so weiter gehe, lande die Partei noch da wo sie in 2017 war: unter 10 Prozent.

Kommentare in anderen Medien sind ebenfalls nicht zimperlich im Umgang mit Annalena Baerbock.

Tagesspiegel wirft Baerbock Naivität im Wahlkampf vor

Im Tagesspiegel heißt es: „Die Stimmung im Land, nach Merkel, nach Corona und wegen der Klimakrise, hätte einen Wechsel herbeiführen können.“ Annalena Baerbock hätte laut dem Kommentator eine Chance gehabt, Kanzlerin zu werden, „vielleicht sogar eine Regierungschefin wie Neuseelands Jacinda Ardern.“ Dafür hätte die Kanzlerkandidatin der Grünen aber vorausahnen müssen, was kommen würde. „Sie hätte wissen müssen, wie sie Armin Laschet angreifen kann. Sie hätte, vor der Kandidatur, Steuerzahlungen und Lebenslauf leisten beziehungsweise korrigieren müssen, um gewappnet zu sein. Hätte.“

„Tritte in Debatten gehören dazu“: Süddeutsche Zeitung erkennt Problem der Grünen

Auch die Süddeutsche Zeitung erkennt ein eklatantes Problem bei den Grünen: Zu viele Komplexe Themen und ein zu sauber geführter Wahlkampf, denn der sei „kein Salon“. „Tritte in Debatten gehören dazu - schon um die Standfestigkeit der Bewerber zu erproben. Den allermeisten Menschen fällt es schwer, abzuwägen etwa zwischen Emissionszertifikaten und Energiegeld - wohingegen zu Schummeln und Nebeneinkünfte-Vergessen jeder eine Meinung hat. Deshalb ist es für Baerbock gefährlich, wenn nun permanent Themen hereindonnern, die sich vorzüglich zur Reduktion von Komplexität eignen.“

Stuttgarter Nachrichten sieht Fehler beim Wahlkampfteam: „Wer in die erste Reihe tritt, wird schonungslos durchleuchtet“

Die Stuttgarter Nachrichten stellen die Frage: „Ist Annalena Baerbock nur ein Opfer frauenfeindlicher Kommentatoren?“ Ihre Antwort: „Mitnichten – und es ist von ihr nicht klug, sich als solches zu präsentieren. Zum einen muss ihr klar gewesen sein, was passiert, wenn sie sich um die Kanzlerinnenschaft bewirbt.“ Es müsse klar sein, dass wer in die erste Reihe tritt, schonungslos durchleuchtet wird. „Dazu kommt, dass Frauen, die sich stark exponieren, oft eine besondere Form der Ablehnung entgegenschlägt. Das ist schlimm und gehört bekämpft – aber es ist Realität.“ In dem Kommentar heißt es weiter, dass Baerbock ein Wahlkampfteam um sich sammeln hätte müssen, das hochprofessionell agiert. „Das Lebenslauf und Nebeneinkünfte vor Bekanntgabe der Bewerbung checkt, das alle am Buch Beteiligten auf korrekte Zitierregeln einschwört. Und das nicht wie ein getretener Hund auf die Kritik an diesen Versäumnisse reagiert. Die Kampagne der Kandidatin im Umgang mit den eigenen Schwächen ist bislang fast ebenso mies wie die ihrer Gegner.“ (md)

Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

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