Annalena Baerbock (Grüne) bei der Vorstellung ihres umstrittenen Buches.
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Annalena Baerbock (Grüne) bei der Vorstellung ihres umstrittenen Buches.

„Sie verwenden ungern Eigenes?“

Großunternehmen verspottet Baerbock in Werbung - und spendet Riesensumme an CSU

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
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Annalena Baerbock ist nun Gegenstand einer Kampagne - einer Werbe-Kampagne allerdings. Der Spott kommt kurz nach einer Großspende an die CSU.

Berlin/Pullach bei München - Der Begriff „Kampagne“ ist mittlerweile zu einem heiklen Schlagwort im Bundestags-Wahlkampf mutiert. Nun sorgt eine Werbekampagne im Netz für Aufregung: Der in Oberbayern beheimatete Leihwagen-Riese Sixt nimmt in einem neuen Reklame-Motiv Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock aufs Korn. Die Grünen sind beileibe nicht das erste Opfer des Werbespotts aus Pullach bei München. Doch eine fast zeitgleich publik gewordene Parteispende scheint für einige Kritiker der Angelegenheit eine problematische Dimension zu verleihen.

Annalena Baerbock: Grünen-Kandidatin erntet nun auch Werbespott - unter dem Hashtag „Plagiat“

Sixt nimmt in seiner neuesten Werbung auf die seit langen Tagen schwelende Plagiatsdebatte um Baerbock Bezug. „Sie verwenden ungern Eigenes?“ steht auf dem Motiv geschrieben - zu sehen sind daneben eine eher missmutig bis konsterniert dreinblickende Kanzlerkandidatin und ein Modell eines großen südwestdeutschen Autoherstellers. Der Leihwagen-Anbieter selbst versah seine Tweets zum Werbebild mit dem Hashtag „#Plagiat“.

Dafür setzte es im Kurznachrichtendienst teils fünfstellige Like-Zahlen - aber auch empörte Reaktionen. User schrieben unter dem Posting von „Hetze“ und kündigten teils gar an, in Zukunft nicht mehr bei Sixt zu mieten. Die Sixt-Kampagnen werden von der bekannten Agentur Jung von Matt verantwortet. 2017 war sie auch für den CDU-Bundestagswahlkampf zuständig.

Befürworter der Werbe-Kampagne verwiesen nun auf eine langjährige Tradition des Politiker-Spotts bei dem Mietwagen-Anbieter. So war in der Vergangenheit etwa die FDP nach ihrem Bundestags-Ausscheiden 2013 Zielscheibe geworden: „Mehr Sitze als die FDP“ hieß es damals in einer Anzeige für einen Mietwagen. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) war schon in den Fokus gerückt - mit Spott über ihre Frisur und dem Tipp zur Miete eines Cabrios für ein fahrtwindiges Neustyling. Beim damaligen AfD-Chef Alexander Gauland nahm Sixt auch bereits einmal Bezug auf einen heftigen aktuellen Shitstorm.

Sixt-Werbespott für Baerbock: Großspende an die CSU kurz zuvor veröffentlicht

Eine einseitige Fixierung auf die Grünen kann Sixt also wohl eher nicht vorgeworfen werden. Dafür stieß einigen Beobachtern allerdings eine erst kurz vor Kampagnen-Start publik gewordene Großspende übel auf: Der Bundestag weist eine am 6. Juli angezeigte Großspende von Sixt aus - 121.381,16 Euro sind der CSU von Sixt zugegangen. Angesichts der ungeraden Summe möglicherweise nicht als Geld-Überweisung, sondern in Form von Naturalien, sprich Leihwagen-Nutzungen, wie einige Twitter-Nutzer spekulieren.

Allerdings gingen Grüne-Spitzenpolitiker auf den Spott - anders als bei den ursprünglichen Plagiatsvorwürfen - am Wochenende nicht weiter ein. Auch die von Kritikern der Partei monierte großflächige Boykott-Kampagne gegen Sixt war auf Twitter zunächst nicht auszumachen. Vielmehr schien der nordrhein-westfälische Grünen-Landtagsabgeordnete Norwich Rüße einen unausgesprochenen Partei-Konsens auszuformulieren: „Sehen wir es mal so: Wer Sixt kann, kann auch Kanzlerin! Und so eine Werbung muss man einfach mal aushalten können....“, twitterte er. Allerdings: Auf eine nahende Kanzlerschaft deuteten die jüngsten Umfragewerte der Grünen nicht hin.

Baerbock und Grüne im Wahlkampf-Kreuzfeuer: Scholz findet Kritik „ein bisschen übertrieben“

Zu der Aufregung um Baerbock äußerte sich am Wochenende indes auch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Er selbst habe für sich entschieden, „harte Kritik an mir oder meiner Partei nie als Kampagne zu empfinden“, sagte Scholz der dpa. Jeder mache Fehler und im Wahlkampf werde besonders genau geschaut, sagte Scholz. „Trotzdem finde ich die Kritik im Fall von Frau Baerbock ein bisschen übertrieben.“ Nach Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe waren auch Vertreter anderer Parteien der Grünen beigesprungen.

Im Video: Die „optimistische“ Wahlkampagne der Grünen

Die Grünen selbst wollen am Montag in die Offensive gehen - mit ihrer eigenen Kampagne. Um 14.00 Uhr will der Wahlkampfleiter und Politische Bundesgeschäftsführer Michael Kellner die Wahlkampf-Bemühungen in einer Online-Pressekonferenz präsentieren. Die Kampagne werde „frisch und optimistisch sein, mit einem klaren Fokus auf die großen Herausforderungen unserer Zeit“, sagte Kellner der Tageszeitung taz. (fn)

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