1. Startseite
  2. Politik

Bayerns beliebteste Politikerin vor ungewisser Zukunft

Erstellt:

Von: Mike Schier, Christian Deutschländer

Kommentare

null
Als sie kam, hieß der Chef Alfons GoppelBarbara Stammist seit 2008 BayernsLandtagspräsidentin

Sie gilt als soziales Gewissen der CSU und als eine der beliebtesten Politikerinnen des Freistaats: Barbara Stamm, mütterliche Präsidentin des Landtags, kandidiert zwar wieder, muss aber trotzdem um ihren Wiedereinzug bangen.

München – Die Präsidentin ist aufgewühlt. Man hört es nicht an der Stimme, streng wie immer führt Barbara Stamm am vergangenen Donnerstag die Sitzung. Aber zu sehen ist es. An ihrem Platz schiebt sie die schwere Glocke hin und her. Mit zitternden Händen ordnet sie ein paar gelochte Blätter in der Mappe vor sich. Stamm, 73, durchlebt einen heiklen Tag: Vermutlich zum letzten Mal leitet sie eine Plenarsitzung. Zum letzten Mal vor dem Einzug der AfD. Vor ihrem Auszug.

Stamm kandidiert wieder am 14. Oktober, niemand würde ihr das Präsidentenamt nehmen – doch das Wahlrecht und die Krise der CSU machen ihren Wiedereinzug über die Liste in Unterfranken unwahrscheinlich. Oft schon zitterte sie in Wahlnächten bis zum Morgen, diesmal bräuchte sie ein Wunder. In der CSU ist Stamm eine moralische Autorität, Bayerns beliebteste Politikerin, vor Ort haben sich die Funktionäre aber nie durchgerungen, ihr ein Direktmandat zu geben.

Ja: Es ist eine Ära. Seit 1976 sitzt Stamm im Parlament. Der Ministerpräsident hieß Alfons Goppel. Markus Söder ist der siebte Amtsinhaber, den Stamm erlebt. Was ihr heute durch den Kopf geht? Sie ringt nach Worten, erzählt von der Zwischenphase, mitten im Wahlkampf zu stehen, aber natürlich die Realität zu sehen, ihre Chancen und die CSU-Werte. Sie spricht von der Ehre, dem Landtag vorzustehen, „wissend, dass es das letzte Mal ist“.

Die letzte Sitzung läuft ein bisschen wie immer. Der Grüne Sepp Dürr, engagierter und respektloser Zwischenrufer, kräht von hinten Grobheiten zum Rednerpult. Stamm schaut streng. Vergeblich. Sie hebt die Hände zu einer mäßigenden Geste. Vergeblich. Sie unterbricht und knöpft sich Dürr am Mikrofon vor: „Ich bitte Sie ganz herzlich, dass Sie sich so verhalten, wie es sich für einen Parlamentarier in diesem hohen Haus gehört.“ Dürr wird leiser, grummelt vor sich hin.

Was von den zehn Jahren als Präsidentin bleibt, entscheidet sich eh nicht an diesem Pult. Zwei große Problemlagen sind es, die sie jenseits der Sitzungen zu bewältigen hatte: die Verwandtenaffäre vor fünf Jahren. Sie suchte nach ihrer Rolle zwischen mütterlicher Schutzmacht der Abgeordneten und der Instanz für Aufklärung. Die zweite Bewährungsprobe ist noch offen: Übergibt die Präsidentin einen Landtag, der für den Einzug der AfD gerüstet ist? Sind Abgeordnetenrecht, Verhaltensregeln, Hausordnung streng genug? Ist die üppige Altersversorgung transparent?

Es ist kurios: Viele im Landtag haben Zweifel, ob die Hausaufgaben erledigt wurden. Aber fast alle sagen, am besten würde mit dem nächsten, schrilleren Landtag eine Präsidentin Stamm fertigwerden.

Auch interessant

Kommentare