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Fingerzeig für die Genossen: Eindringlich warb SPD-Chef Sigmar Gabriel in Nürnberg für die Große Koalition. Die bayerischen Sozialdemokraten sind mit dem ausgehandelten Koalitionsvertrag offenbar zufrieden.

SPD-Chef in Nürnberg

Die Basis applaudiert Gabriel

Nürnberg - Sigmar Gabriel rast durch die Republik, um seine SPD von der Großen Koalition zu überzeugen. Auf Regionalkonferenzen, gestern erstmals in Bayern, warnt er davor, das Bündnis jetzt noch platzen zu lassen. Seine Aussichten sind sehr gut.

Nach drei Minuten gibt er einen Warnschuss ab auf seine Kritiker. „Du sitzt mir gegenüber, schüttelst den Kopf“, schnappt er ins Publikum, „melde Dich nachher mal“. Da ist kurz Ruhe wie in einer Schulklasse, wenn der Lehrer einen zur Nacharbeit verdonnert. Sigmar Gabriel, Bundesvorsitzender der SPD, macht in diesem Moment klar: Ihr könnt euch mit mir anlegen, ich bin bereit zur Debatte, aber leicht wird es nicht.

Gabriel sitzt in Nürnberg vor hunderten Parteifreunden. Er ist eingeflogen, hat extra eine Maschine gechartert, um für seine Große Koalition zu werben. Eben war er in Kamen, NRW, bald muss er weiterjetten nach Berlin, an diesem Sonntagabend in Franken aber wirkt er hoch konzentriert. Meist leise, manchmal locker, redet er der Basis ins Gewissen, schmeichelt und stichelt. „Unser ganzer Laden redet über Deutschlands Zukunft. Das ist Sozialdemokratie.“

Politiker wissen: Wo ganze Läden mitreden, ist das in der Theorie toll, aber in der Praxis sehr mühsam. Weil es kaum planbar ist, weil sich gern Querulanten das Mikro greifen, weil oft Randaspekte das große Ganze überlagern. Gabriel aber muss sich nun zwei Wochen am Stück in der ganzen Republik diesem Prozedere stellen. Jetzt Nürnberg, nächsten Sonntag München, dazwischen viele andere. Er will die skeptische Basis überzeugen, beim Mitgliederentscheid für eine Große Koalition zu stimmen.

Wie nötig es ist, dass Gabriel sich diesen Schweinsgalopp antut, zeigt der Andrang der Basis. In Nürnberg stehen schon zwei Stunden vorher die Genossen vor der Tür des winzig erscheinenden Saals. Sie treiben den Veranstaltern Schweiß auf die Stirn, weil der Platz hinten und vorne nicht reicht. Eigenhändig schleppen die Mitglieder Stühle in den Saal, bis der letzte Fluchtweg zu ist. 400 wollen mitreden, stehen notfalls drei Stunden lang. Irgendwie wird Gabriel dann nach vorne durchgeschoben auf die winzige Bühne, wo zwei Wasserflaschen warten, das Mikrofon und die gleiche schlechte Luft wie überall.

Eigentlich könnte er sich zurücklehnen. Seit dem Wochenende sind zwei repräsentative Umfragen auf dem Markt, die eine dicke Mehrheit pro Vertrag vorhersehen. 75 Prozent Ja, sagt zum Beispiel Infratest-dimap (für die ARD) voraus. Das wären dann sogar mehr als im Rest der Bevölkerung, wo laut dieser Umfrage zwei Drittel für die Große Koalition sind. Zum Vergleich: Ein Bündnis aus Union und Grünen wollen nur 17 Prozent, eine Koalition aus SPD, Linken und Grünen 14 Prozent.

Doch Risiken bleiben, sagen führende SPDler hinter vorgehaltener Hand. Die Bayern stehen dabei auf der roten Risiko-Liste. Der traditionell eher linke Landesverband diskutiert emsig, die Jusos bekräftigen pünktlich zu Gabriels Auftritt landesweit: Wir sind dagegen.

Florian Pronold will seine Bayern-SPD trotzdem hinter die Koalition kriegen. Die negative Stimmung „hat sich gedreht, seit der Koalitionsvertrag auf dem Tisch liegt“, beteuert er. Und warnt eindringlich vor einem Nein: „Die Bevölkerung hätte kein Verständnis, wenn sich die SPD nach diesem Vertrag verweigert.“ Mit anderen Worten: Bei einer Neuwahl wählen die uns nie wieder.

Auch in Nürnberg zeichnet sich ab, dass die Argumentation zieht. Gabriel redet nicht lang und bekommt viel Beifall. Er nimmt den Genossen die Angst vor dem Bündnis: „Nach der ersten Großen Koalition wurde Willy Brandt Kanzler.“ Er erzählt, was erreicht wurde, ganz vorne Mindestlohn und Rente mit 63 für langjährige Beitragszahler. Gabriel sagt, „die Waagschale des Erreichten ist verdammt voll“, in manchen Punkten sei sogar mehr drin, als man mit den Grünen schaffen hätte können.

Der erste Redner nach Gabriel sagt unter Beifall: „Da habt ihr gut verhandelt.“ Der zweite, ein krächzender Gewerkschafter, beendet sein langes Korreferat mit dem Dank: „Du hast einen guten Job gemacht.“ Es folgen Basismitglieder, die mit teils zitternder Stimme raten: „Wir sollten es versuchen.“ Als einer am Mikro rügt, die SPD habe zu wenig erreicht, geht ein genervtes Raunen durch den rappelvollen Saal. Der Freund mit dem Kopfschütteln meldet sich nicht mehr.

Am 14. Dezember soll feststehen, wie die 475 000 Mitglieder abgestimmt haben. Gabriel weiß, dass da auch sein Job dranhängt. Bei einem Nein wird der komplette Parteivorstand gehen müssen. Einmal noch beschwört er die Nürnberger Freunde. „Keiner kriegt uns klein. Außer wir selber machen das.“

Von Christian Deutschländer

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