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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Vorstellung der neuen Biografie über ihren Vorgänger Gerhard Schröder.

Die wichtigsten Aspekte im Überblick

Die Basta-Bombe: Merkel stellt Schröder-Biografie vor

München - Er brachte die SPD zurück ins Kanzleramt, er war der „Genosse der Bosse“, ein Raufbold, der die Agenda 2010 durchzog. Eine neue Biografie verrät nun viele spannende Details über Gerhard Schröder – ein Überblick.

Vor zehn Jahren war die Gerd-Show vorbei. Sie endete mit einer „testosteronen Explosion“ in der sogenannten Elefantenrunde nach der Bundestagswahl im Jahr 2005. Das schreibt Gregor Schöllgen. Der renommierte Historiker hat eine neue, die bislang umfassendste Biografie über Gerhard Schröder vorgelegt. Basta-Kanzler, Putin-Versteher, Agenda-Erfinder – viele Etiketten sind dem Sozialdemokraten, der von 1998 bis 2005 die Republik Rot-Grün regierte, bereits angeklebt worden.

Seine Zeit im Zentrum der Macht wurde oft und grell ausgeleuchtet. Doch die privaten Dokumente und Akten des Kanzleramtes blieben im Dunkeln, ebenso wichtige Etappen der Familiengeschichte. Diesen Schatz durfte Schöllgen, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Erlangen, nun heben.

Es ist ein sattes Werk geworden: über 1000 Seiten stark, im Grundton wohlwollend. Am Dienstag stellte Angela Merkel die Biografie in Berlin vor – ihr Vorgänger saß dabei. Wie war das noch mal, am Wahlabend 2005, als Schröders Karriere zu Bruch ging und Merkels Stern aufstieg? Wir haben die wichtigsten Aspekte aus Schöllgens Buch zusammengefasst:

DIE ELEFANTENRUNDE

Schröders krawalliger Auftritt am Abend der Bundestagswahl 2005 hat längst einen festen Platz in der Politik- und Fernseh-Historie. Offen stellte der SPD-Boss nach seinem fulminanten Endspurt den Sieg von Angela Merkel infrage, die recht verdattert Schröders Ego-Nummer verfolgte. Hatte der Genosse einen sitzen? Alkohol habe keine Rolle gespielt, dafür verbürgen sich im Buch Schröders Vertraute, die den Wahlabend mit ihm verbracht haben. In jenem Moment habe sich der Frust über die gegen ihn geführte Kampagne, wie Schröder es sah, aus Medien, Teilen der SPD, Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG), PDS und Gewerkschaften Bahn gebrochen. Hätte er kühlen Kopf bewahrt, wäre vielleicht eine geteilte dritte Kanzlerschaft mit Merkel drin gewesen. Doch bei Schröder, der sich aus kleinen Verhältnissen hochkämpfen musste, kam der „Bürgerschreck“ durch. Ihr SPD-Widersacher habe eben eine „bourgeoise Attitüde“, aber keinen „klassischen bürgerlichen Kern“, wie Merkel es im Gespräch mit dem Biografen festhält. Respekt habe sie vor Schröder immer gehabt. Der sei einer der „besten Wahlkämpfer, die Europa gesehen hat“.

DIE SPD UND DIE AGENDA 2010

Das gewaltige Reformwerk bleibt – neben dem Heraushalten Deutschlands aus dem Irak-Krieg – Schröders Vermächtnis. In den wichtigen Momenten aber versäumte er es, seine Partei mitzunehmen, die SPD-Seele zu streicheln. War die Aufgabe des Parteivorsitzes (den Franz Müntefering übernahm) am 6. Februar 2004 der Anfang vom Ende? Aus Sicht seiner Nachfolgerin, die Schröders Schritt für „blanken Irrsinn“ hält, ist da was dran. „Niemals sollte es eine Trennung von Kanzlerschaft und Parteivorsitz geben“, sagt Merkel im Gespräch mit Schöllgen. Wer den Vorsitz abgibt, „verliert die Demut vor der Partei“. Schröder tickte anders. Seit Ende 2002 war ihm klar, dass er tun müsse, was er seit den Tagen als Juso-Chef am besten kann: Er ging volles Risiko. „Hier beginnt das, was als große Leistung in die Geschichtsbücher eingehen wird: In der Erkenntnis, dass ihn dieser Einsatz das Amt kosten kann, geht der Mann aufs Ganze, davon überzeugt, dass es für das Land, dem er dient, keine Alternative geben kann“, schreibt Schöllgen. Als im Mai 2005 die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen verloren ging, zog Schröder das Ding mit „Münte“ durch.

Neuwahlen. „Franz, was ist? Schaffen wir das?“, so das Archiv. Antwort Münteferings: „Ich bin nicht sicher.“ Bis Bundespräsident Horst Köhler nach acht Wochen Prüfung einwilligte, litt Schröder: Ein Gefangener seiner Entscheidung sei er gewesen. Erstmals musste der Kanzler ein Schlafmittel nehmen, weil er nächtelang keine Ruhe fand. Die vorgezogene Bundestagswahl verlor er. Aber wäre zehn Jahre nach dem Machtverlust die Zeit nicht reif für eine Aussöhnung zwischen Schröder und seinen Genossen? Ein Anfang wurde zum 70. Geburtstag des Ex-Kanzlers vor zwei Jahren gemacht. Das Verhältnis bleibt jedoch bis heute getrübt. Weggefährten glauben, Schröder habe die SPD immer geliebt: „Aber er hat es ihr nie gezeigt.“ Ist Schröder verbittert? Ganz und gar nicht, meint Schöllgen. „Er ist mit sich im Reinen.“ Seine Stimme habe wieder Gewicht. Doch nicht alle sehen das so. Der Sozialphilosoph Oskar Negt, Freund und Mentor des Altkanzlers, gibt zu bedenken: Schröder trage die Agenda wie einen „Stein, der in seiner Seele hängt“.

DER GEGNER LAFONTAINE

Offen gibt Oskar Lafontaine zu, was ihn seit seinem Rücktritt als SPD-Chef und Bundesfinanzminister im März 1999 antrieb – Rache! „Ich wollte Schröder stürzen“, erzählt der spätere Linksparteichef. Mit dem starken PDS-Ergebnis sei es Lafontaine 2005 gelungen, Schröder die Kanzlerschaft zu nehmen, sagt Gregor Gysi im Rückblick. Für Lafontaine war es indes ausgleichende Gerechtigkeit. In der Wahlnacht sei die Rivalität von ihm abgefallen: „Jetzt war ich innerlich frei.“ Seitdem gab es zwischen beiden kein Wort, keinen Handschlag, keine Geste.

PUTIN UND DAS GELD

Neben dem Rauchen teurer Zigarren (Cohiba) und Fotoaufnahmen im teuren Mantel (Brioni) hing Schröder, dem „Genossen der Bosse“, das Wort vom „lupenreinen Demokraten“ ewig nach. Gemeint war Putin. Doch gesagt hatte es Schröder gar nicht, sondern nur die Frage von ARD-Talker Reinhold Beckmann bejaht. An der Antwort sei nichts zu beanstanden, findet Schöllgen. Der Kanzler hätte vor laufender Kamera den Kreml-Chef kaum brüskieren können. Einen Aufschrei gab es, als Schröder zwei Wochen nach dem Auszug aus dem Kanzleramt an die Spitze des Aufsichtsrates der Ostsee-Gas-Pipeline-Gesellschaft Nord Stream wechselte, in der die russische Gazprom das Sagen hat. Zu Unrecht, glaubt der Biograf. Das sei niemals ein „Dankeschön“ für politisches Entgegenkommen des Kanzlers gewesen. Schröder sei anfangs gar kein Verfechter der Pipeline gewesen, habe sogar von den Finnen überzeugt werden müssen. Wie viel Schröder seitdem für den Job kassiert, bleibt offen: „Schröder stellt sicher, dass die Honorierung im mittleren Bereich eines vergleichbaren deutschen Aufsichtsrates liegt.“

DAS IRAK-MISSVERSTÄNDNIS MIT GEORGE W. BUSH

Der damalige US-Präsident George W. Bush glaubte nach einem Besuch Schröders am 31. Januar 2002 in Washington, der Kanzler unterstütze ein mögliches militärisches Vorgehen gegen Saddam Hussein. Bush schrieb das 2010 in seinen Memoiren. Schröder widersprach, Bush sage „nicht die Wahrheit“. Schöllgen hat nun die Aktenvermerke des Kanzleramtes einsehen können. Es gab an jenem Tag zwei Gespräche zwischen Bush und Schröder. Eines im kleinen Kreis, ein anderes bei einem größeren Abendessen. Die Akten lassen Raum für Interpretationen, „auf beiden Seiten“: Bush konnte den Kanzler durchaus so verstanden haben, dass der mit seinen Kriegsplänen gegen den Irak einverstanden sei. Umgekehrt ging Schröder davon aus, dass es solche Pläne nicht gab und man sich im Feld „theoretischer Debatten“ bewege. Am Ende zogen die USA mit der Lüge von den angeblichen Massenvernichtungswaffen in den Krieg. Wäre im Irak am Ende doch eine „smoking gun“ von Hussein gefunden worden, hätte er selbst zurücktreten müssen, glaubt Schröder.

DER UNBEKANNTE VATER

Über Schröders Vater Fritz, Jahrgang 1912, war bislang wenig bekannt. Mit 21 wurde der Hilfsarbeiter wegen schweren Diebstahls zum ersten Mal verurteilt. Fünf Jahre später stand er wieder vor dem Kadi: Mit einem Maler brach er bei einem Metzger ein, klaute Kleidung. Die Quittung: Das Landgericht Magdeburg brummte ihm neun Monate Haft auf. Die Polizeifotos von 1938 zeigen viel Ähnlichkeit mit dem Sohn: „Augen blau, Haare dunkelbraun, Nase gradlinig“, wurde im Protokoll vermerkt. Am rechten Unterarm war Schröders Vater tätowiert – eine Frauenbüste mit Blumenzweig. Im Frühjahr 2001 sah der Kanzler zum ersten Mal ein Foto von ihm als Soldat der Wehrmacht – es stand seitdem auf seinem Schreibtisch im Kanzleramt. Fritz Schröder fiel am 4. Oktober 1944 an der rumänischen Front und wurde in Ceanu Mare beerdigt. 40 Jahre später blickte Schröder erstmals auf das Grab.

DIE HARTE KINDHEIT

Schröder wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie wohnte in einer Bruchbude, von Schröder und seinen Geschwistern „Villa Wankenicht“ genannt. Der Bub packte früh mit an: 50 Pfennig pro Stunde verdiente er beim Rübenziehen und Kühemelken. Zwei Jahre nach dem Tod von Fritz heiratete Schröders Mutter Erika den zweiten Mann ihrer Schwiegermutter Klara – diese blieb aber „Oma Schröder“ für den kleinen Gerd. „Eine abenteuerliche Konstellation, in die Gerhard Schröder da hineinwächst“, schreibt der Biograf. Mit Stiefvater Paul Vosseler, „einem klugen und politischen Menschen“, kam er gut klar, Schläge gab es keine. Die Mutter ging 14 bis 16 Stunden am Tag Putzen, war trotz aller Härten für die Kinder die liebevolle „Löwin“. Sie starb am 6. November 2012 mit 99 Jahren.

DIE FRAUEN

Viermal sagte Schröder Ja, dreimal ging es schief. Die dritte Frau an seiner Seite wurde 1984 Hiltrud „Hillu“ Hampel. Über Jahre waren die beiden das Traumpaar der Politik und auf den Sofas der TV-Studios. Hillu gab Rat und traute sich selbst jedes Ministeramt zu – bis die Firma Schröder 1996 Konkurs anmeldete. Sie schmiss ihn raus, weil er eine Andere hatte. Die Scheidung wurde für den Anwalt Schröder teuer: „Weitgehend abgetragen wird der Berg erst mit Einnahmen, die Schröder nach dem Auszug aus dem Verkauf seiner Memoiren erzielt.“ Wie 2014 bekannt wurde, zahlte der Hannoveraner Unternehmer Carsten Maschmeyer für die Rechte zwei Millionen Euro inklusive Umsatzsteuer.

Schröder heiratete die Andere. Doris Köpf, eine Journalistin, wurde seine vierte Frau, enge Beraterin und spielte bei der Agenda 2010 eine wichtige Rolle. Nach Schröders Abgang machte sie selbst Karriere in der Politik, sitzt für die SPD in Niedersachsen im Landtag und ist Migrationsbeauftragte des Landes.

Daheim geht es auf und ab. Hält es der Ex-Kanzler aus, „nur“ Brote zu schmieren, Hausaufgaben mit den adoptierten Kindern zu machen und mit dem Hund Gassi zu gehen? Im März dieses Jahres wurde das Ehe-Aus verkündet – doch Doris und Gerd rauften sich zusammen. „Es war vom Start weg eine große Liebe, keine zweite Partnerin hat auf die beruflichen Entscheidungen so eingewirkt wie sie“, erklärt Schöllgen.

Gregor Schöllgen: „Gerhard Schröder. Die Biographie“. DVA, München, 1040 Seiten; 34,99 Euro.

Gregor Schöllgen diskutiert am 10. November, 18 Uhr, im Münchner Institut für Zeitgeschichte, Leonrodstraße 46b, mit dem ehemaligen Bundesminister Jürgen Trittin (Grüne) und „SZ“-Journalist Nico Fried über sein Buch; Telefon 089/ 12 68 80.

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