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„We are so angry“ – wir sind so ärgerlich, sagen Schüler. Hier bei einer Demo am Freitag.

Schulpolitik

Die Baustellen von „König Ludwig“

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    Dirk Walter
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München - Seit 2008 ist Ludwig Spaenle Minister. So hart wie zuletzt war es selten. Stellenstreichungen, G9-Ärger, arbeitslose Junglehrer – wird die Schulpolitik wieder zu einer schwärenden Wunde der CSU?

Die Säulenhalle des Bayerischen Landesdenkmalamts ist völlig überfüllt. Schlechte Luft. Und ein arg verspäteter Neujahrsempfang. Doch Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle hält eine ordentliche Rede. Ein Heimspiel für den gelernten Historiker. Und freundlicher Applaus. Endlich mal wieder.

Nach dem Empfang gibt es Kartoffelsuppe. Alle stehen an. Spaenle nicht. Er belässt es am Freitag Mittag bei einigen Schluck Bier. Man kann es auch so sehen: Er will jetzt nicht unbedingt die Suppe auslöffeln, die ihm andere einbrocken. Die vergangenen zwei Wochen waren hart. Erst gab das Kultusministerium offenherzig zu, dass 830 Lehrerstellen gestrichen werden. Der Fakt steht schon seit 2012 in den Haushaltsplänen. Und zugestimmt haben alle – auch Ministerpräsident Horst Seehofer. Dennoch musste sich Spaenle von Seehofer („Kommunikationskatastrophe“) zusammenstauchen lassen. Fast zeitgleich der nächste Nackenschlag. CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer plauderte darüber, dass er die Lehrer gerne nachmittags und in den Ferien an den Schulen sähe.

Es war der Tag, an dem der Realschullehrerverband Oberbayern seinen Neujahrsempfang ausrichtete. Die Vorsitzende Kerstin Haferkorn hörte Kreuzers Aussagen im Autoradio. Lehrer seien doch jetzt schon nachmittags an den Schulen. „Weiß das die Politik nicht?“, fragt sich die Realschul-Direktorin aus Prien entgeistert.

Nicht nur die Realschullehrer sind entsetzt – auch die konservativ gesinnten Philologen, die sich im Streit um die Lehrerstellen unverhohlen an der Seite der SPD zeigen. Pure Provokation – Philologen und SPD sind wie Feuer und Wasser. Aber die Lehrer pochen nun darauf, dass keine einzige Stelle gestrichen wird – ungeachtet des Schülerrückgangs. So stehe es ja auch im „Bayernplan“, dem Wahlprogramm der CSU.

Problem: Bis heute kann Spaenle nicht richtig beantworten, wieviele Lehrerstellen nun in den Wissenschaftsbereich wandern. Die Zahlen schwanken zwischen 120 und 371. Die genaue Zahl hänge an den Anträgen auf Teilzeit und Altersteilzeit fürs neue Schuljahr – beides sei im Februar nicht abzusehen, berichten Insider. Der Minister kämpfe „wie ein Löwe“. Deshalb sei sein Ansehen im Hause gut. Aber eine Stellengarantie für die begabten, aber zu Hunderten arbeitslosen Junglehrer, wie es die Lobbyistenverbände fordern? Aus Sicht des Ministeriums undenkbar.

Die Lehrerstellen sind eine Baustelle – das Gymnasium ist eine zweite. Just an diesem Freitag lärmen 300 Gymnasiasten vor dem Ministerium. „Bildung krepiert, weil König Ludwig regiert“, heißt es auf einem Protest-Schild. Die Schüler ärgern sich über eine verpatzte Mathe-Klausur. Sie seien „Versuchskaninchen, sagt ein Schülersprecher. Um das zu illustrierten, haben sich einige Mädchen Karnickelohren aus Plüsch angesteckt.

„Spaenle raus“, skandieren die Schüler – er solle aus dem Ministerium kommen und sich zeigen. Doch der Minister ist gar nicht da. Für ihn nimmt ein hoher Beamter Protest-Briefe entgegen. Sie würden alle beantwortet, versichert er.

Ludwig Spaenle ist kein Hardliner. Er ist persönlich sehr umgänglich. Seine Reden sind gefürchtet – manchmal kann man kaum folgen. „Evaluation“ ist Spaenles Lieblingswort. Doch immerhin hat es Spaenle in seinen fünf Jahren als Minister geschafft, die Schullandschaft zu beruhigen. Wenigstens soweit, dass die Schulpolitik für den Wahlerfolg der CSU 2013 kein Hindernis mehr war. Das war schon mal anders.

Doch kaum zusätzlich zum Wissenschaftsminister befördert, überrollten Spaenle Probleme. Statt zu gratulieren, sandten die bayerischen Unis ihrem neuen Minister einen Brandbrief – via Presse. So viele Missstände tauchten auf einmal auf, dass man gar nicht mehr nachvollziehen konnte, warum so viele Studenten unbedingt in Bayern studieren wollen. Den Unis hat Spaenle noch keine schlüssige Antwort geliefert. Wie er auch in der Kunstaffäre Gurlitt – die eigentlich sein Metier wäre – anderen den Vortritt ließ, etwa dem agilen Justizminister Winfried Bausback.

Bei Seehofer sitzt der Frust tief. In der CSU raunen sie, nur der Rücksicht auf den Münchner Kommunalwahlkampf habe Spaenle den Verbleib auf seinem Posten zu verdanken. Doch hat Seehofer auch gegenüber Krisenministern wie Beate Merk erstaunlich viel Geduld bewiesen. Fachliche Fehler werden eher verziehen als Illoyalität. Aber viele Patzer darf sich Spaenle nicht mehr leisten. Er ist Minister auf Bewährung. Das gebrochene Wahlversprechen nahm Seehofer persönlich. „Denkt an das Schicksal der FDP“, schärft der Parteichef derzeit immer wieder ein. Die gebrochenen Wahlversprechen der Liberalen von 2009 legten den Keim für die Niederlage 2013. Das soll sich für die CSU nicht wiederholen.

Dabei ist Spaenle fleißig. Diese Woche war er wieder in Franken unterwegs. Sechs Termine an einem Tag. Aufstehen um Viertel vor sechs, nachts um halb zwölf war er wieder daheim. Aber Fleiß allein reicht nicht. Richtige Pflöcke hat Spaenle noch nicht eingeschlagen. Langsam greift dieser Eindruck auch bei seiner treuesten Klientel, den Lehrern, um sich. Wer bei der Bildung was erreichen wolle, sagt einer, der wende sich doch direkt an Seehofer, nicht an Spaenle, der ohnehin nichts entscheiden dürfe. „Es ist völlig nachvollziehbar, dass der Ministerpräsident Dinge abschließend beurteilt“, sagt Spaenle dazu tapfer.

Es ist nur so, dass sich Horst Seehofer herzlich lange Zeit lässt mit der Terminfindung. Ein Gespräch mit den Lehrerchefs gab es noch nicht. Und schon ewig wartet Philologenchef Max Schmidt auf eine G9-Besprechung. Schmidt, genervt: „Irgendwann brauch’ ich’s dann auch nicht mehr.“

Spaenle sitzt auf einer Bierbank im Innenhof des Denkmalamts. Leicht hängende Schultern. Aber das ist kein Zeichen von Frustration. Spaenle sitzt immer so da. „Keine Stelle geht ans Finanzministerium zurück“, versichert er. Dann bricht er auf – zur Münchner CSU, deren Chef er ist. Es ist OB-Wahlkampf. Noch eine Baustelle.

Wie er es denn finde, dass sich bei seiner letzten Rede im Landtag keine Hand der CSU-Fraktion zum Applaus gerührt habe? Spaenle antwortet ungerührt. „Ich habe einen milden Beifall festgestellt.

von Dirk Walter und Mike Schier

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