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„Ein Quantum Demut“: Büroleiter Reiner Meier, bisher immer im Hintergrund von Horst Seehofer, rutscht jetzt selbst in den Bundestag. Für den Parteichef bringt das ein Personalproblem mit sich

Horst allein zu Hause

91 bayerische Abgeordnete in Berlin

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München - Ein Bayer mehr in Berlin: 91 statt bisher 90 der 630 Abgeordneten im Bundestag kommen aus Bayern. Bei den über die Liste hineingerutschten Politikern gibt es einige Überraschungen.

Es wird einsam um Horst Seehofer. Im Wahl-Triumph verlassen die engsten Mitarbeiter den CSU-Chef – und er mag ihnen nicht mal Vorwürfe machen. Seine wichtigsten Vertrauten in der Landesleitung sind überraschend in die Parlamente gewählt worden. In der Chefetage der Parteizentrale, vierter Stock, wird es auf einen Schlag ruhig. Sein persönlicher Referent Martin Huber war Mitte der Woche nach tagelangem Zittern mit einem Listenmandat knapp in den Landtag gerutscht. In der Nacht auf Montag erwischte es auch den langjährigen Büroleiter des Parteichefs: Reiner Meier ist einer der Listenkandidaten, die dank des hohen CSU-Ergebnisses in den Bundestag kommen.

Die CSU hat elf Abgeordnete hinzugewonnen, besetzt 56 der 91 bayerischen Sitze – 45 sind direkt gewählt, elf über die Liste. Einen ähnlichen Schub gab es zuletzt bei der Stoiber-Kanzlerkandidatur 2002. Die Kämpfe bei einem Parteitag im April selbst um hintere Plätze haben sich also gelohnt. Insgesamt freilich ist das bayerische Gesamtgewicht im Bundestag von 14,46 auf 14,44 Prozent der Abgeordneten minimal gesunken, weil im Reichstagsgebäude künftig 630 Volksvertreter (acht mehr als bisher) sitzen werden.

Einer davon: Seehofers Vertrauter Reiner Meier. Er muss sich sofort Dienstagfrüh ins Flugzeug setzen, auf zur ersten Fraktionssitzung nach Berlin. Meier landet wenige Tage vor seinem 60. Geburtstag damit dort, wo er schon mal war: Im Bundestag arbeitete er schon 2006 als Seehofers Büroleiter. Für einen, der auch Sachgebietsleiter im Landratsamt Tirschenreuth hätte bleiben können, eine wilde Karriere. „Ein Quantum Demut“ verspricht Meier, das hätte sein Chef nicht besser sagen können.

Katrin Albsteiger, Chefin der Jungen Union.

Horst allein zu Hause – und das kurz vor den anstehenden Koalitionsverhandlungen im Bund. Referent und Büroleiter haben bisher Seehofers Termine koordiniert, er vertraute ihnen blind. Was auf seinem Schreibtisch landete, ging vorher über die ihren. „Da passt kein Blatt Papier dazwischen“, sagte Meier mal über ihn und seinen Chef. Einzurechnen ist, dass auch Generalsekretär Alexander Dobrindt vor einer Beförderung steht und dass einige weitere Mitarbeiter derzeit die Parteizentrale verlassen. Meier könne das Mandat leider nicht annehmen, scherzte Seehofer deshalb, „den brauch ich in München“ – gratulierte dann aber herzlich. Ein jäher Jobwechsel ereilt einige weitere Kandidaten. „Äh, ich sag dann mal meinem Chef, dass ich morgen nicht ins Büro komme“, staunt die JU-Vorsitzende Katrin Albsteiger. Ähnliches erwartet die Arbeitgeber der Oberbayern Tobias Zech, Bernd Fabritius und Julia Bartz.

Ewald Schurer, SPD-Bezirkschef Oberbayern

Die SPD bringt über die Bayern-Liste 22 Kandidaten rein, sechs mehr als bisher und weit mehr als zunächst erhofft. Die Genossen hatten heftig um die Plätze gerangelt. Vor allem die Oberbayern fühlten sich (bis heute) benachteiligt. Drei Abgeordnete kommen jetzt zum Beispiel aus der tiefsten SPD-Diaspora Niederbayern. Unter ihnen Parteichef Florian Pronold, der es als persönliche Demütigung empfinden muss, dass er in seinem Wahlkreis Rottal-Inn entgegen dem Landestrend Prozente verlor. Lediglich fünf der 22 Abgeordneten kommen aus dem wesentlich größeren Oberbayern. Darunter ist auch der Kocheler Lokalmatador Klaus Barthel, ein Wirtschaftsfachmann aus der Parteilinken, der ESM und Fiskalpakt gegen die Parteilinie abgelehnt hat. Sechs Oberbayern waren das Ziel von SPD-Bezirkschef Ewald Schurer. Er hatte gehofft, dass der Nachwuchshoffnung aus Fürstenfeldbruck, der Lehrer Michael Schrodi, der Sprung nach Berlin glücken würde. Es klappte knapp nicht – Schrodi ist jetzt der erste Nachrücker. „Das schmerzt“, kommentiert Schurer.

Bayerns Grüne haben noch neun Mandate – eines weniger als vorher. Bei einem Stimmverlust von 2,4 Prozent bayernweit ist man glimpflich weggekommen, so die allgemeine Einschätzung. Landeschef Dieter Janecek ist eines der neuen Gesichter im Bundestag, daneben machen Routiniers wie Claudia Roth und der Verkehrsexperte Toni Hofreiter (München-Land) weiter. Hofreiter könnte in der Fraktion aufsteigen und/oder weiter in der Verkehrspolitik arbeiten – es wird, wegen Pkw-Maut und zahlloser ungeklärter Finanzierungsprobleme, etwa beim Bahnbau, eines der Schlüsselthemen der neuen Legislaturperiode werden. Schmerzlich vermisst werden wird der Energie-Experte Hans-Josef Fell (siehe Seite 9).

Jubel und Entsetzen: Die Bundestagswahl 2013

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Geschrumpft ist auch die bayerische Linke: vier statt bisher sechs Abgeordnete. Ein alter Bekannter aber bleibt: Klaus Ernst, der einst wegen Schröders Agenda-Politik von der SPD abgewanderte Ex-Gewerkschaftler.

Von Christian Deutschländer und Dirk Walter

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