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Wolf-Joachim Schünemann aus Fürth, verheiratet, drei Kinder, ist der Landeschef der AfD. Der 49-Jährige, der als Beisitzer auch im AfD-Bundesvorstand sitzt, will für den Bundestag kandidieren.

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"D-Mark-Partei" AfD bei Landtagswahl?

München - Wird die „Alternative für Deutschland“ (AfD) bald auch zur Alternative für Bayern? Die junge D-Mark-Partei überlegt ernsthaft, bei der bayerischen Landtagswahl anzutreten.

Eine Partei im Gründungsfieber: Angeblich alle fünf Minuten erhält die AfD derzeit ein neues Mitglied. Bundesweit sind es schon über 12 000, und ein Schwerpunkt der AfD mit dem Hamburger Professor für Volkswirtschaftslehre Bernd Lucke an der Spitze ist Bayern. Dort hat die AfD nach Angaben ihres Landesvorsitzenden Wolf-Joachim Schünemann 2100 Mitglieder. Jedes zehnte Mitglied war vorher in einer anderen Partei aktiv. Auch die CSU hat laut „Spiegel“ schon 220 Mitglieder verloren. Mit der Gründung von Kreis- und Ortsverbänden kommt die junge Partei kaum hinterher. Der designierte Bezirksvorsitzende für Oberbayern, Steffen Schäfer (41) aus Burgrain bei Dorfen, hat in den vergangenen Wochen neun Verbandsgründungen miterlebt: vier Ortsverbände in München, ein Kreisverband Süd für das Oberland, ein Kreisverband Ost für die Region Erding bis Mühldorf. Dazwischen lag noch ein Termin im Kreißsaal – die Geburt seines Babys. Anstrengend, sagt der Inhaber eines Unternehmens für Werttransporte (50 Mitarbeiter) in München.

Es könnte noch anstrengender werden. Dann nämlich, wenn die Partei sich für die Wahlen zum Landtag (15. September) und Bundestag eine Woche später anmeldet.

Am Samstag wird in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung in Ingolstadt abgestimmt. Dass die AfD zur Bundestagswahl antreten wird, ist schon ausgemacht. Das Interesse scheint groß zu sein – es gibt 100 schriftlich eingereichte Bewerbungen, um einen Sitz auf der Bundestagsliste der AfD-Bayern zu ergattern. Die Spitzenkandidatur könnte indes Landeschef Schünemann angetragen werden. Schünemann, ein Versicherungsmakler aus Fürth, ist ein unbeschriebenes Blatt. Er war vorher in keiner Partei aktiv. Er werde sich für einen Sitz im Bundestag bewerben, bestätigt er unserer Zeitung.

Auch die Teilnahme an den Landtagswahlen steht auf der Tagesordnung. Der amtierende Landesvorstand werde in dieser Frage keine Empfehlung abgeben, um die Mitglieder nicht zu beeinflussen, sagt Schünemann. Alle Mitglieder – erwartet werden 800 – dürfen abstimmen. „Wie es ausgeht, ist absolut offen“, sagt Schünemanns Stellvertreter Fritz Schladitz (51) aus Ottobrunn. Der Kaufmann war früher CSU-/FDP-Wechselwähler, wie er sagt, ging 2011 zu den Piraten, aus denen er schnell wieder austrat. Zu chaotisch.

Ausschlaggebend für die Entscheidung am Samstag seien auch taktische Überlegungen, sagt Schladitz: Meistert die AfD in Bayern die Fünf-Prozent-Hürde, bedeutet das Oberwasser für die Bundestagswahl eine Woche später. Geht es schief, wäre der Wahlerfolg im Bund gefährdet.

Gewappnet wäre die AfD-Bayern wohl: Eine Expertenrunde, bestehend aus AfD-Klientel wie Finanzfachleuten, Handwerkern und Rechtsanwälten, hat ein Wahlprogramm ausgearbeitet. Dort sollen nicht nur die AfD-typischen Themen wie etwa die Abkehr vom Euro zu finden sein. Sondern auch landestypische Dinge: ein Bekenntnis zur Heimat, Landwirtschaft, Bildungspolitik. Rechtspopulismus, ein häufig unterstellter Vorwurf, sei nicht zu finden, behauptet Schladitz. Er bestreitet aber nicht, dass die Gefahr besteht – tatsächlich musste die Programmkommission auch abstruse Anträge abwehren, wie etwa den Vorschlag, Hartz IV an Burka-Trägerinnen nur persönlich auszuzahlen.

„Wir sind breit aufgestellt“, sagt der designierte Oberbayern-Chef Schäfer, der für die Teilnahme an den Landtagswahlen wirbt. Der 41-Jährige war früher CSU-Mitglied, aber nur passiv, wie er betont. Danach habe er absichtlich „ungültig“ gewählt. Jetzt ist die Begeisterung für die Parteiendemokratie neu entfacht. Er selbst wird schon morgen wieder stundenlang im Wirtshaus sein. Nicht wegen Vatertag. Vielmehr wird in der „Ebersberger Alm“ der Bezirksverband Oberbayern gegründet.

Sollte die „Alternative für Deutschland“ bei der Landtagswahl antreten? Nutzen Sie die Kommentarfunktion und diskutieren Sie mit!

von Dirk Walter

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