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Blick aufs Mittelmeer: Franz Maget auf der Terrasse in seinem neuen tunesischen Zuhause. Sein Haus in München hat er aufgegeben.

Bayerisches SPD-Urgestein als Diplomat in Tunesien

Franz Maget: Neuanfang in Afrika

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Er war im Ruhestand, gut versorgt. Dann packte ihn die Unruhe. Franz Maget, einst Bayerns wichtigster SPD-Politiker, begann ein neues Leben in Tunesien. In einem Land, in dem er kein Wort verstand. Wir haben ihn besucht.

Aus der Ferne ruft der Muezzin zum Gebet, aber der muss jetzt warten. Denn aus der Nähe ruft Franz Maget. Ein scharfes „Hey!“, quer über den Fußballplatz. Das ist universell verständlich und meint ungefähr: Deckt endlich eure Gegenspieler enger, holt euch den Ball zurück! Der Muezzin ruft noch immer, da hat Maget den Ball schon erobert und leitet den Konter ein zum 4:3.

Ein kleiner Fußballplatz ein Stück außerhalb von Tunis, grüner Kunstrasen auf Beton, Grätschen reißen Schürfwunden. Hier kicken Tunesier und Europäer, sie verständigen sich in einem Kauderwelsch aus Französisch, Arabisch und Deutsch. Taktikschulungen lohnen sich da eher nicht, aber nach jedem Foul umarmen sie sich zur Entschuldigung herzlich. Wer wissen will, ob Franz Maget, 63 Jahre, in seinem neuen Leben gut angekommen ist, sollte hier zuerst nachschauen.

Fußballtruppe in Tunis: Franz Maget, Fan des TSV 1860 München (stehend, 3.v.r.), und seine Hobby-Mannschaft.

Das Spiel endet, 5:6 oder 6:6, so genau hat keiner mitgezählt, und Maget humpelt, in der abendlichen Kühle fröhlich dampfend, zu seinem Auto. „Die Fußballmannschaft hab ich schnell gefunden“, sagt er. „So was hilft.“ Gegen Heimweh. Um Anschluss zu finden. Beides ist wichtig in Magets neuem Leben als Diplomat in Afrika.

Seinen Lebensabend wollte er in Münchner Cafés verbringen

Er hat sich vor gut einem Jahr da reingestürzt, zusammen mit seiner Frau Dorle. „Mal was Verrücktes“, sagte er damals, und es war nicht übertrieben. Denn eigentlich war der langjährige Politiker in allen Ehren, so weit das für einen Sozi in Bayern halt möglich ist, 2013 in den Ruhestand verabschiedet worden. Nach 23 Jahren im Landtag, nach zwei Spitzenkandidaturen für die SPD 2003 und 2008, nach einer geordneten Übergabe in seiner Partei und einem würdevollen Ausklang als Landtags-Vizepräsident. Er hatte eine üppige Pension aus seiner Karriere und öffentlich ein Versprechen abgegeben, den Lebensabend ohne Krawatte zu verbringen, am liebsten in Münchner Cafés.

Einst war Franz Maget der wichtigste Politiker der SPD in Bayern. Zwei Mal trat er als Spitzenkandidat an.

Dann die spektakuläre Wende, der Neuanfang, der Freunde und selbst die zwei Kinder ins Staunen versetzte. Maget hörte von den Stellen als „Sozialreferent“ an 25 deutschen Botschaften im Ausland. Das sind Posten für Quereinsteiger, nicht Karrierediplomaten. Aufgabe: den Aufbau der Zivilgesellschaft zu stützen, zu beraten, Kontakte und Austausch zu pflegen. Maget bewarb sich. Ob er es ernst meine, fragte die Fachabteilung der Bundesregierung etwas irritiert zurück: „Sie sind eine ungewöhnliche Bewerbung.“

Ja, er meinte es ernst mit seinen damals 61 Jahren. Sie boten ihm Tunis an. Maget gab sein Haus in München auf, kaufte ein kleines Auto und rollte am 15. Januar 2016 in Genua auf die Fähre nach Tunesien. Er hat jetzt keinen Dienstwagen mehr, weder Fahrer noch Sekretärin. Er hat Vorgesetzte und ein Türschild an Raum 2.15, das ihn als „Soz-1 Hr. Maget“ ausweist. „Ich bin jetzt Tarifbeschäftigter“, sagt er trocken. Die Pension wird ihm dafür gekürzt.

Aus karrieristischer Sicht ist das, was sich in Raum 2.15 abspielt, ein Rückschritt, eine freiwillige Selbstverzwergung. „Ach was“, sagt Maget heiter. „Karriere ist für mich ein Lebensweg. Nicht eine Stufenleiter nach oben. Das ist ein Seitenschritt.“ Vielleicht ist es auch ein Signal an andere, die aus dem Immer-mehr-immer-höher-Wahn des Berufslebens raus wollen. Maget sagt, er habe sich „pudelwohl, sauwohl“ gefühlt im Ruhestand, „das war nicht gespielt, ich war frei“. Trotzdem hat ihm was gefehlt in seinem Leben.

Hat er es gefunden in Afrika, in seiner ersten langen Zeit im Ausland? Maget lenkt seinen Dacia vom chaotischen Parkplatz des Fußballfelds in den noch chaotischeren Straßenverkehr von Tunis. Unaufgeregt rollt er hier durch, ohne Gehupe. Höchstens nimmt er mal landestypisch eine Ampel bei Kirschgrün. „Es war ein radikaler Neuanfang“, erzählt er. „Weil ich alles aufgegeben habe. Da, wo ich mich sicher bewegt habe, bin ich weggegangen.“

Er lernt Französisch: „Ich wäre fast verzweifelt an mir.“

Nein, Maget romantisiert nicht. „Am Anfang war’s hart“, erzählt er. Alles war fremd, er hatte Heimweh. Und Zweifel. Sein Schul-Französisch hakt, ist 50 Jahre her. Er musste wieder Unterricht nehmen, haderte mit dem Gedächtnis. Es ist hart, jenseits der 60 eine Sprache neu zu lernen. „Ich wär’ fast verzweifelt an mir. Ich lese Vokabeln, schreib’s auf, lese, schreibe. Und am nächsten Tag – ist es weg.“ Auf Arabisch kann er nur Bitte und Danke. Anfangs, wenn Anrufer in Raum 2.15 auf Arabisch das Gespräch eröffneten, legte er auf, ratlos, vielleicht beschämt. Inzwischen gibt es eine Mitarbeiterin, an die er zumindest durchstellen kann.

Brenzlige Lage in Tunesien: In dem nordafrikanischen Land herrscht immer noch der Ausnahmezustand.

Wer ihn ein Weilchen begleitet durch Tunesien, merkt schon: Die Verständigung klappt, weil guter Wille da ist und ein Lächeln. Ein Abstecher auf den Hügel, wo die Reste Karthagos liegen, er will’s nur schnell zwei Minuten zeigen. Ein bisschen Französisch, die Hand auf dem Herzen und eine Verbeugung – so öffnen sich für ihn die Pforten sogar ohne Eintritt. Auch er versteht die Tunesier. Als die Kassenwärter aufgeregt „voiture, voiture!“ rufen, reagiert er schnell – läuft seinem geparkten Auto hinterher, das gerade den Hügel runterzuckelt, und legt doch noch einen Gang ein.

Sie haben ihn freundlich aufgenommen in ihrem Land. Trotzdem ist nicht klar, ob seine Arbeit am Ende wirken wird. Tunesien ist ein Staat auf der Kippe. Der Arabische Frühling nahm hier 2011 seinen Anfang. Die Nachbarländer stürzte die Welle ins Chaos oder trieb sie in die Fänge der Radikalen. In Tunesien formte sich eine junge, fragile Demokratie. Es gibt Parteien, Gewerkschaften, Menschenrechte. Die meisten Tunesier leben einen liberalen Islam. Kopftücher sind im Straßenbild in der Hauptstadt selten, eine Burka sieht man fast nie. Es ist anders als im autoritär regierten Ägypten, das auch zu Magets Aufgabengebiet zählt, wenngleich er nur sporadisch und vorsichtig nach Kairo reisen kann.

In Tunesien gilt immer noch der Ausnahmezustand

Doch noch immer gilt in Tunesien der Ausnahmezustand. Terroranschläge auf Strandhotels und ein Museum zerstörten 2015 den Rest an Tourismus. Die Wirtschaft wächst kaum, die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Vier von zehn jungen Akademikern landen auf der Straße. Beobachter sagen, die Lage sei brenzlig, die Geduld der jungen Menschen mit ihrer Demokratie schwinde. Als neulich Kanzlerin Angela Merkel in Tunis auftrat, sagte sie: „Die Erwartungen waren hoch. Teils vielleicht auch zu hoch.“

Magets Arbeit mit der sehr deutschfreundlichen Zivilgesellschaft, sein zartes Werben und Stützen von Verbänden und Gewerkschaften, ist hier womöglich wichtiger als irgendwo sonst. „Hier entscheidet sich, ob es uns gelingt, zu der arabischen Welt eine Brücke zu schlagen“, sagt er. Kollegen vor Ort erzählen, dass der Münchner mit seiner ruhigen, freundlichen Art, nie großkotzig, sich leichter tue als andere Neulinge in der Diplomatie. Er gibt hier nicht den weltläufigen Nebenbotschafter, sondern ordnet sich ein in die Hierarchie. Der Umgang mit Kollegen ist herzlich, „Hallo Franzl“, ruft ihm ein Abteilungsleiter zu. Der Austausch mit Botschafter Andreas Reinicke ist respektvoll, aber sehr freundlich.

In seinem früheren Berufsleben: als Fraktionschef der SPD im Landtag mit Ministerpräsident Horst Seehofer.

Ein neuer Tag in Tunis. Maget steuert seinen Allrad-Dacia Richtung Stadtgrenze, durchs Künstlerdorf Sidi Bou Said mit seinen berühmten weißblau getünchten Häuschen. Noch ein paar Kilometer weiter ist seine Mietwohnung. Es ist auch so ein Stück Tunesien: Eigentlich wunderschön, mit großartigem Blick über den Hang aufs Mittelmeer. Aber bei näherem Hinschauen ist das Haus voll klemmender Türen und kleiner Probleme. In der winzigen Küche hängt eine Art arabischer Zwergkronleuchter mit schiefer Glühbirne, die ein kaltes Licht macht wie in einer Imbissbude. Die Möbel sind alt, neulich stellte die Vermieterin auch noch ungefragt vier, nun ja, offensiv gemusterte Stühle in jede Ecke des Wohnzimmers. Ein Staubwölkchen steigt auf, als Maget die Sitzpolster berührt.

„Du darfst hier nix zu genau anschauen, sonst ist es kaputt“, feixt er. Und kaputt heißt: warten. Nachdem er neulich die Dusche zu genau angeschaut hatte, wartete Franz Maget neun Wochen auf den Klempner. „Du hast dich von der Terrasse blenden lassen“, schimpfte seine Frau mal.

In einem halben Jahr wird Franz Maget dann mal wieder vor einer Entscheidung stehen. Hängt er noch ein Jahr dran? Bis zur Altersgrenze, 65 Jahre und vier Monate, dürfte er in Tunis bleiben. Er hat sich noch nicht festgelegt. Nur wie es irgendwann danach weitergeht, ahnt er. Er wird zurück nach Bayern kommen. „Dann sage ich noch mal: Jetzt aber echt Ruhestand.“ Kurze Pause, er lacht. „Bis mir was Neues über den Weg läuft.“

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