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Heute jährt sich das Attentat von Sarajewo

Bayern in den letzten Tagen vor der Katastrophe

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Sarajewo/München – Erst das Attentat von Sarajewo, einen Monat später der Krieg: Die Ermordung des österreichischen Thronfolger-Paars vor 100 Jahren gilt als Auslöser der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Doch zwangsläufig war diese Entwicklung nicht.

Der Münchner Romanist Victor Klemperer hatte am 28. Juni auf der Rückreise von Italien auf dem Gardasee ins damals österreichische Riva übergesetzt. Am Abend saß er mit seiner Frau erschöpft in einem Wirtshaus. Da kam ein Kellner angerannt. „Das Thronfolger-Paar ist in Sarajewo ermordet worden!“, rief er aufgeregt. Klemperers Reaktion war bezeichnend, wie er in seinem Tagebuch notierte. „Ich sagte bedauernd: ,Ach!’ und fügte mit einem entschuldigenden Lächeln hinzu: ,Aber wir haben furchtbaren Hunger.’ Dann fragte ich meine Frau: ,Verstehst Du eigentlich die Erregung des Mannes?’“

Fast niemand hätte am 28. Juni 1914 gedacht, dass ein Doppelmord einen Monat später einen Weltkrieg entfesseln würde. Ein Anschlag auf Angehörige eines Herrscherhauses – das war so ungewöhnlich nicht. „Es hat doch immer politische Morde gegeben“, schrieb Victor Klemperer in sein Tagebuch – und er hatte ja auch Recht. Seit dem erfolgreichen Attentat auf Kaiserin Sissi 1898 gab es kaum ein Jahr ohne spektakuläre politische Morde: „Durchschnittlich fiel pro Jahr ein Staats- oder Regierungschef einem Attentat zum Opfer“, schreibt der amerikanische Historiker David Fromkin.

Zunächst deutete tatsächlich nicht viel daraufhin, dass der Tod Franz Ferdinands und seiner bei Hofe ohnehin nicht angesehenen Gemahlin Sophie ein Kriegsgrund sein würden. Allerdings stellten sich rasch Verbindungen des Attentäters Gavrilo Princip nach Serbien heraus. Und Serbien war nach den Balkankriegen 1912/13 zu einer Regionalmacht an der Südflanke des Habsburger Reiches aufgestiegen und zudem mit Russland verbündet – das erhöhte die Gefahr, dass Österreich, oft als „kranker Mann Europas“ verspottet, sich diesmal nicht mit Protestdepeschen begnügen würde.

Die Schlagzeilen in der „Münchener Zeitung“ beschäftigten sich eine Woche lang mit dem Attentat auf das Thronfolger-Paar, das im April noch mit großem Tamtam auf Staatsbesuch in München gewesen war. Danach ebbte das Interesse langsam ab. Bald stand wieder gewöhnliche Tagespolitik im Vordergrund: Beamten-Petitionen, eine Reichstagsersatzwahl in Coburg, eine Organisationsreform im bayerischen Heer – erstmals mit Maschinengewehr-Kompanien.

Was die Journalisten damals nicht wissen konnten: In den europäischen Herrscherhäusern war der Konflikt zwischen Wien und Belgrad weiterhin das Topthema. Das gilt zuvorderst für die damalige Berliner Politik. Vor allem Kaiser Wilhelm II. drang auf eine energische Reaktion Österreich-Ungarns, wie aus seinen Randnotizen zu verschiedenen Schriftstücken hervorgeht. Als der deutsche Botschafter in Wien, Heinrich von Tschirschky, den Wiener Verbündeten unmittelbar nach dem Attentat bremste, reagierte Wilhelm II. empört: „Wer hat ihn dazu ermächtigt? das ist sehr dumm! geht ihn gar nichts an“, schmierte er an den Rand. Tschirschkys „Beschwichtigungsversuche gegenüber den Österreichern“, schreibt die Historikerin Annika Mombauer, „nahmen daraufhin ein abruptes Ende“. Besonders fatal verlief eine Unterredung am 5. Juli im Potsdamer Schloss, in dem Wilhelm II. und sein Reichskanzler Bethmann-Hollweg Wien „die volle Unterstützung Deutschlands“ zusagten. Das war der berühmte Blankoscheck – „ein Schlüsselmoment in der Julikrise“, wie Mombauer schreibt. Der Streit der Historiker hält bis heute darüber an, ob Deutschland über den Schauplatz Österreich/Serbien hinaus einen Präventivkrieg gegen das bedrohlich aufrüstende Russland anstrebte (wie ihn der deutsche Generalstabschef Moltke schon seit Jahren forderte) – oder ob Europa quasi „schlafwandlerisch“ in den Krieg hineingetorkelt ist. Ein Elitenversagen war es allemal. Und von einer großen Mitverantwortung Deutschlands wird man auszugehen haben.

Mitte Juli herrschte aber zunächst trügerische Ruhe. Sommerferienruhe. Der Kaiser dampfte zwei Wochen zur traditionellen „Nordlandfahrt“ ab, während Österreich auf einen günstigen Moment wartete, unannehmbare Forderungen an Serbien stellen zu können und so einen Kriegsgrund zu provozieren – und nebenbei sollten die künftigen Soldaten noch rasch die Ernte einbringen.

Der günstige Zeitpunkt kam am 23. Juli, als sich französische Regierungsspitzen nach einem Besuch beim Zaren in St. Petersburg just auf der Rückreise auf hoher See befanden. Mit der Übergabe des österreichischen Ultimatums an Serbien wurde der latente Konflikt schlagartig zu einer brandgefährlichen internationalen Krise. Jetzt stieg auch die „Münchener Zeitung“ ganzseitig in der Aufmachung wieder ein. „Die Würfel sind gefallen“, schrieb das Blatt am 24. Juli. „Von der Nichterfüllung oder Erfüllung ihrer Forderungen hängt Krieg oder Frieden ab.“ Einen Tag später orakelte die Zeitung über die „Schicksalsstunde“: „Drohend überkreist der doppelköpfige habsburgische Adler den serbischen Falken.“

Wie überall, so steigerte sich auch in München die Nervosität. Die Menschen strömten zu den Anschlagtafeln der großen Zeitungen, wo die Depeschen „ein halbes dutzendmal täglich“ wechselten, wie der nach München zurückgekehrte Victor Klemperer notierte. „Ich bin schon ziemlich abgestumpft“, schrieb er. „Es wird fortgewurstelt werden, mit Verhandlungen, Friedensreden, ständigen Rüstungen, ewiger Spannung ohne Ausbruch.“

Erboste Gäste demolierten am 26. Juli das Café Fahrig am Karlsplatz, weil sich angeblich die Hauskapelle geweigerte hatte, patriotische Lieder zu spielen. Für Klemperer war der Aufruhr „peinlich“. Der Wirt wehrte sich per Annonce in der „Münchener Zeitung“: Er sei „Reichsdeutscher und Münchner Bürger“ und habe den Krieg 1870/71 mitgemacht, teilte Franz Fahrig mit. In seinem Haus gebe es gewiss keinen „Stammtisch von Serben“. Im Bezirk Ebersberg bemerkte der Pfarrer Kaspar Wurfbaum aus Bruck derweil besorgt, dass die Bevölkerung begann, Lebensmittel zu horten: „In München, aber auch in Grafing, werden durch unnötigen Einkauf von Kriegsvorrat die Lebensmittel in ihren Preisen teilweise wuchermäßig emporgetrieben.“

Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn den Krieg gegenüber Serbien, das das Ultimatum nicht rundum erfüllt hatte. Dann ging es Schlag auf Schlag: Russland reagierte auf den Angriff Serbiens mit einer Generalmobilmachung seiner Armee, Deutschland rief darauf den „Zustand drohender Kriegsgefahr“ aus. Am 1. August um 17.15 Uhr ordnete Kaiser Wilhelm II. „die Mobilmachung der gesamten deutschen Streitkräfte“ an – ein Befehl, den König Ludwig III. am Abend vom Balkon des Wittelsbacherpalais herab verkündete und der sich rasend schnell in Bayern verbreitete. Um halb acht Uhr abends wussten zum Beispiel per „Extra-Blatt“ des „Rosenheimer Anzeigers“ auch die dortigen Bürger Bescheid.

Neben dem Disput über die Kriegsschuld wird man auch zweierlei in Rechnung zu stellen haben: Erstens: Europa war gespalten. Hier der Zweibund Deutschland/Österreich-Ungarn (mit Italien als Wackelkandidaten), dort die Entente (England, Russland, Frankreich). Von einem funktionierenden übergeordneten System, vergleichbar der EU, keine Spur. Zweitens: Die damaligen Handelnden hatten keine Erfahrung mit einem modernen, technisierten Krieg – mit Maschinengewehren, Mörsergranaten, Gas, Panzern und Flugzeugen; die meisten Zeitgenossen verstanden Krieg nicht als Massenvernichtung, sondern dachten in den Kategorien des letzten Krieges – demjenigen von 1870/71, als deutsche Kavallerie (also zu Pferd) bis nach Paris vorgedrungen war.

Anfang August 1914 aber waren die Dämme gebrochen. „Geht es wirklich um Deutschlands Existenz – und es scheint doch darum zu gehen –“, notierte selbst der nationalistischen Fiebers unverdächtige Victor Klemperer am 3. August in sein Tagebuch, „dann muß eben der letzte Mann heraus.“

Dirk Walter

Die gesamte 16-seitige Ausgabe der "Münchner Zeitung", der Vorläufer des Münchner Merkur, finden sie hier als pdf-Datei.

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