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Alles super? So richtig überzeugt sieht Horst Seehofer doch nicht aus. Rechts seine Ministerin Ilse Aigner.

Kein "Daumen hoch" für Seehofer

Bayern kommt bei Studie schlecht weg - CSU sauer

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München - „Maut und Mittelmaß statt Laptop und Lederhose“: Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey lässt Bayern nicht gut dastehen. Die Staatsregierung ärgert sich - und zweifelt Daten an.

Nicht alle Sprüche von Horst Seehofer haben eine lange Halbwertszeit, aber seine Wutrede von vor zwölf Jahren ist topaktuell. Es gebe Sachen, die könne man nicht an irgendwelche Kommissionen und Berater delegieren, spottete er im Sommer 2003. „Da kann man nicht McKinsey, McDonald’s oder McRürup beauftragen, das muss die Politik selbst erledigen.“

McRürup und McDonald’s sind diesmal unschuldig. Auf McKinsey aber hat Seehofers Staatsregierung einen dicken Hals. Mit der Veröffentlichung ihrer Studie zu Bayerns angeblicher Mittelmäßigkeit erbost die Unternehmensberatung die CSU. Mehrere Minister werfen den Beratern vor, für „Bayern 2025“ mit alten Zahlen gerechnet zu haben und neue politische Entscheidungen auszublenden. „Schlaue Studien von McKinsey sind Theorie, Vollbeschäftigung und Zukunftsinvestitionen sind die Praxis – und auf die kommt es an“, sagte Wirtschaftsministerin Ilse Aigner unserer Zeitung.

Die Kernthesen von Mc-Kinsey: Bayern soll sich nicht an den klassischen Kennzahlen aus dem ersten Semester Volkswirtschaft orientieren, sondern an seiner Zukunftsfähigkeit arbeiten. Die Zahl der Unternehmensgründungen sei zu gering, die Durchlässigkeit des Bildungssystems müsse steigen, die Wirtschaft müsse mehr auf Digitales und Ressourcen-Einsparung setzen. Sonst drohe im Freistaat ein Verlust von 30 bis 40 Prozent der Stellen.

Im Selbstjubel gewohnten Bayern ist die Studie ein Tiefschlag. Nun wollen die Ministerien zurückschlagen. Aigner lässt die Studie gerade in ihrem Ministerium prüfen. Ihre Beamten werfen McKinsey Schwachstellen vor. Zum Beispiel fällt auf, dass eine der Pisa-Schulstudien beigezogen wurde – von 2006. Es gebe „konzeptionelle Mängel“, urteilen die Fachleute intern. Die klassischen Kennzahlen seien unterbewertet, Gründungen zu unpräzise erfasst, auch nicht die Wachstumsmärkte für den Export. „Dass wir noch Hausaufgaben haben, wissen wir“, sagt Aigner. Aber die Staatsregierung gehe die Probleme auch längst an – mit der Strategie „Bayern Digital“, der Gründerinitiative und dem kürzlich beschlossenen Wachstumsfonds.

Der zweite für die Digitalisierung zuständige Minister greift McKinsey noch schärfer an. „Ich würde politische Programme nicht auf veralteten Studien aufbauen“, lästert Finanzminister Markus Söder. Der Breitbandausbau zum Beispiel gehe viel schneller voran als in der Studie unterstellt. „Das scheint mir eher retrospektiv zu sein und nicht mehr auf dem Stand der Arbeit der Staatsregierung.“

In der CSU gibt es auch Lob für McKinsey. „Ich finde es ganz gut, wenn eine unabhängige Studie uns aufrüttelt, bevor wir uns da in Bequemlichkeit einrichten“, sagt der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses im Landtag, Erwin Huber. Die Partei müsse sich mit der Kritik „ernsthaft beschäftigen“.

Intern aber rumort es. Halblaut ärgern sich Minister auch über die Grundsatzkommission der CSU unter Führung von Markus Blume, weil McKinsey dort eine Kurzfassung der Studie präsentieren durfte. „Ich bin nicht mit jeder Zahl der Studie einverstanden“, sagt Blume, „aber ich lese heraus: Bayern kann sich aus einer Position der Stärke auf neue Herausforderungen einstellen“, das tue die CSU schon auf allen Ebenen.

Die Opposition nimmt die Daten immerhin erfreut auf. „Die Jubel-PR der Staatskanzlei und die Selbstbeweihräucherungs-Statistiken der CSU vernebeln den Verantwortlichen das Hirn für die sozialen Realitäten“, spottet die SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen. In Wahrheit seien die großen sozialen Fragen Bayerns ungelöst. Der frühere Grünen-Chef Dieter Janecek fordert mehr Visionen in der CSU-Politik, mehr „Laptop und Lederhose statt Maut und Mittelmaß“. Die Studie zeige die Handlungsfelder richtig auf. Til Huber

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