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Mehr als 600 Bahnhöfe in Bayern sind noch nicht barrierefrei. Dort fehlen entscheidende Hilfen für Menschen mit Behinderung.

Barrierefreies Bayern

„Endlich Aufbruchstimmung“ für Behinderte

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München – Die Staatsregierung ist zufrieden. Sie sieht sich auf einem guten Weg, Horst Seehofers Versprechen einlösen zu können und Bayern bis 2023 komplett barrierefrei zu machen.

Irmgard Badura, die Behindertenbeauftragte der Staatsregierung, spricht von einer Aufbruchstimmung. Aber sie räumt ein: Die Jahreszahl 2023 ist sportlich – denn die letzten Jahrzehnte ist in Bayern viel zu wenig passiert.

2013 hat Horst Seehofer versprochen, Bayern innerhalb von zehn Jahren barrierefrei zu machen. Was ist seitdem passiert?

Es gibt großen Nachholbedarf in Bayern, betont Irmgard Badura.

Irmgard Badura: Es hat sich eine ministeriumsübergreifende Arbeitsgruppe gebildet. Die großen Themen sind Mobilität und staatliche Gebäude. Außerdem ist die Beratungsstelle erweitert worden. Sie hatte sich bis dahin nur auf barrierefreies Bauen konzentriert, nun sind die Themen Internet und Kommunikation dazugekommen. Es war ein guter Start, das Thema hat endlich Rückenwind bekommen. Es ist eine Aufbruchstimmung zu spüren. Wir, die Beauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderung, müssen nicht mehr so oft darüber diskutieren, ob Barrierefreiheit notwendig ist. Jetzt diskutieren wir, was nötig ist.

War es richtig, eine Jahreszahl festzusetzen?

Irmgard Badura: Die Jahreszahl erhöht den Druck. Hätte Seehofer 2053 gesagt, wären wir jetzt nicht da, wo wir heute sind.

Wie realistisch ist es, ein barrierefreies Bayern bis 2023 zu schaffen?

Irmgard Badura: Der Plan ist sehr sportlich. Aber es ist auch ein Zehn-Jahres-Plan. Wir dürfen nicht erwarten, nach drei Jahren schon so weit zu sein. Es geht nur Schritt für Schritt.

Den Sozialverbänden geht es zu langsam. Sie kritisieren, dass erst 400 der 1040 bayerischen Bahnhöfe barrierefrei sind. 

Irmgard Badura: Wir haben eben großen Nachholbedarf. Die letzten Jahrzehnte ist viel zu wenig passiert. Das können wir nicht in drei Jahren aufholen. Bei jedem Neubau – ob Hochschule oder Museum – gibt es schon lange die Verpflichtung, die Barrierefreiheit mit einzuplanen. Doch an der Umsetzung hapert es noch. Leider gibt es nicht den Schalter, den man einfach nur umlegen muss. Sehr viele Gebäude müssen umgerüstet werden – nicht nur was Zugang und Toiletten angeht. Es müssen auch alle Besprechungs- und Veranstaltungsräume barrierefrei sein. Oft ist geschultes Personal im Eingangsbereich nötig, damit Menschen mit Behinderung gleichberechtigt wie alle anderen Bürger zurechtkommen.

Wären dafür mehr Hilfen oder Anreize für die Kommunen nötig?

Irmgard Badura: Ich habe Seehofer heute noch einmal um finanzielle Anreize für die Kommunen gebeten, die über die Städtebauförderung hinaus gehen. Damit schnell und flächendeckend etwas passiert.

Wie steht es in Schulen und Unternehmen um die Barrierefreiheit?

Irmgard Badura: Bei den Schulen sind die Kommunen in der Verantwortung. In diesem Bereich würde ich mir mehr Herzblut wünschen – dass gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung selbstverständlich wird. Die Kindertagesstätten sind da schon einen Schritt weiter. Allerdings gibt es dort natürlich auch keine Leistungsnachweise. Horst Seehofer hat mir heute noch einmal versprochen, intensiv an die Unternehmen zu appellieren, damit sie in die Barrierefreiheit investieren.

Die Grünen kritisieren, dass Appelle nicht ausreichen. Sie fordern eine höhere Schwerbehindertenquote für Betriebe.

Irmgard Badura: Allein eine Diskussion um die Quote finde ich nicht zielführend. Wir müssen daran arbeiten, dass die Quote, die wir haben, alle erfüllen. Um dahin zu kommen, muss bei vielen Menschen noch eine Barriere im Kopf fallen. Sie müssen lernen, bei Menschen mit Behinderung mehr die Fähigkeiten als die Einschränkungen zu sehen.

Ganz realistisch: Wie barrierefrei wird Bayern 2023 sein?

Ich hoffe, dass wir 2023 nicht mehr über jede einzelne Barriere diskutieren. Wir werden 2023 keineswegs mit allen Gebäuden und Verkehrsmitteln fertig sein. Leider. So lange wir noch Busse mit Hubliften fördern, investieren wir in die falsche Richtung. Wir brauchen Niederflur-Busse, in die auch alte Menschen mit Rollator problemlos einsteigen können. Aber ich bin sicher: Es wird ein Bewusstsein für das Thema in der Bevölkerung geben.

Interview: Katrin Woitsch

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