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Schritt für Schritt nach vorn: Natascha Kohnen nimmt sich Zeit, die Bayern-SPD neu auszurichten. 

Neuer Kurs

Die Bayern-SPD ist auf der Suche nach mehr Coolness

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Die Bayern-SPD sucht den Kurs zum Neuanfang. Die Landesvorsitzende Natascha Kohnen hat eine Idee, kämpft aber gegen viele Widerstände. In den Großstädten offenbart sich das ganze Problem.

München – Es ist das sozialdemokratische Thema überhaupt: der Mindestlohn. Natascha Kohnen steht am Rednerpult im Landtag, funkelt böse Richtung CSU und formt die Hand zur Faust. Die Aushöhlung des Mindestlohns drohe, sagt sie, wenn Vorschriften eingeschränkt werden. „Ihr Verhalten ist schlichtweg asozial.“ Das klingt kämpferisch, den ersehnten Ruck wird aber auch diese Debatte nicht auslösen, mit dem die Bayern-SPD aus den chronisch schlechten Umfragewerten kommt.

Dabei drängt die Zeit. Nach dem Bundestagsdebakel – 15,3 Prozent in Bayern – wartet in elf Monaten die Landtagswahl. „Wir haben eine Glaubwürdigkeitslücke“, sagt der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly. Er ist einer der wichtigsten Kommunalpolitiker der Partei, greift aber nur selten in die Landespolitik ein. Die SPD müsse ihr Verhältnis zur Moderne neu justieren und entscheiden, „ob wir Weltverbesserer sein wollen oder Zwangsbegleiter“, sagt Maly. Es geht um die Zukunft der Sozialdemokratie. Doch wie gelingt die Trendwende? Versteht die Partei ihre Wähler überhaupt noch?

Mit der Wahl von Kohnen (50) zur Landeschefin setzte die Basis im Mai ein Zeichen. Aufgewachsen in der Großstadt, zwei Kinder, ehrlich – klingt nach Aufbruch, der „Natascha-Effekt“ verpuffte aber. Manchen geht es zu langsam, dass Kohnen eine Findungsphase durchmacht und ihren Bekanntheitsgrad allmählich steigert. Die muss sie gerade ständig beschwichtigen. Grundsätzlich wolle man künftig „fokussieren, zuspitzen und ein Gefühl vermitteln“. Bei Wohnen, Familie, Digitales. „Wir müssen unsere Identität wiederfinden. Wir müssen beantworten, wie wir leben wollen.“ Visionen statt Klein-Klein – Gerhard Schröder punktete so schon in den Neunzigern.

“Wir schaffen es nur gemeinsam“

„Ich habe die Bereitschaft, voranzugehen“, sagt Kohnen, „aber wir schaffen es nur gemeinsam.“ Das kann als Appell verstanden werden, parteiinterne Widerstände aufzugeben: Manche werfen ihr vor, unsichtbar zu sein. Sie fremdeln mit ihrer neuen sozialdemokratischen Erzählung, die abstrakt klingt. Andere geben der Ex-Generalsekretärin Mitschuld am Absturz.

Die Wahl des Spitzenkandidaten 2018, die offen ist, wird auch zur Wahl des Kurses. Kohnen, der Ambitionen für das Amt nachgesagt werden, liebäugelte mit einem Linksschwenk. Fraktionschef Markus Rinderspacher, ebenfalls denkbarer Kandidat, widersprach. Die SPD gehöre in die Mitte, „links neben der CSU“. Auch sonst knirscht es: Münchens Ex-Oberbürgermeister Christian Ude murrt regelmäßig, und in der Stadt wird versucht, Isabell Zacharias mit einer Kampfkandidatur nach zwei Legislaturperioden aus dem Landtag zu drängen. Sie unterstützt Kohnen offen.

Wutrede zur Flüchtlingspolitik bekam 848.000 Klicks

Die Jusos haben derweil der Landeschefin die Unterstützung im Wahlkampf zugesagt. Man wolle von Tür zu Tür gehen und „zuhören, zuhören, zuhören“, sagt Kohnen – so wie es die CSU gemacht hat. Soziale Medien werden wichtiger. Einmal ist schon ein Erfolg gelungen: Das Video von Kohnens Wutrede im Februar 2016 zur Flüchtlingspolitik wurde 848.000 Mal angesehen. „Blockieren Sie nicht alles und plärren immer nur dazwischen“, schimpfte sie die CSU. Eine Wiederholung des Erfolgs wäre schön. „Man darf nichts erzwingen“, sagt Nürnbergs OB Maly, Kohnen-Unterstützer. Die Kampagne von FDP-Chef Christian Lindner etwa sei gut gewesen, „aber ein Rippchenhemd wird sich deswegen jetzt weder Dieter Reiter noch ich anziehen“.

Besonders auf die Großstädte muss die SPD zuspitzen. Bei der Bundestagswahl blieben in Nürnberg 19,5 Prozent, in München 16,2. Mit Hochburgen der Sozialdemokratie hat das nichts zu tun. Man habe Verluste gerade zu Grünen und FDP, sagt Münchens SPD-Chefin Claudia Tausend. „Es fehlt das Prickelnde, der Coolness-Faktor.“ Neben Stammwählern müsse man bei jungen Leuten und Studenten punkten. „Jede Wahl steht für sich“, sagt Tausend. „Wir müssen den Umbruch jetzt bewältigen.“ Sicher ist das noch nicht.

Lesen Sie auch: SPD nach der Wahl: „Wir stehen an einem Wendepunkt“

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