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„Kämpfen können wir.“ Aber in den Umfragen hilft es nicht. Natascha Kohnen bei einem Bierzeltauftritt.

Volkspartei im Freistaat auf Rekordtief

„Kein Lamentieren“ - so kämpft die Bayern-SPD gegen den Wahltrend

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Bayerns SPD sinkt von Tief zu Tief - und muss weiterkämpfen bis zur Wahl. Die Partei ringt um Erklärungen für das Abrutschen auf 11 Prozent. Spitzenkandidatin Natascha Kohnen wird bisher nicht infrage gestellt.

München - Umfragetief? Dafür hat die Abgeordnete Diana Stachowitz keine Zeit. Sie ist im Wahlkampfmodus, in ihrem Stimmkreis unterwegs. Münchner Norden, genauer: Hasenbergl, einer der schwierigsten Stadtteile für die etablierten Parteien. „Ich bin gerne da, wo es schmerzt“, sagt sie. Vier von fünf Menschen, die sie voll Elan an der Bushaltestelle zwischen grauen Wohnblöcken anspricht, winken ab. Kein deutscher Pass, nicht wahlberechtigt. Nächster Tatort des Stimmenfangs: eine Eckkneipe. Bierseligkeit um 15 Uhr.

Immerhin, die Menschen haben Zeit, erzählen von ihren Mieten. Sozialer Wohnungsbau, eines der Themen der SPD. Ob sie denn zur Wahl gehen? Nur wenn Stachowitz ihnen eine Wohnung für weniger Geld besorge. Stachowitz lacht, zieht weiter. Entmutigt wirkt sie nicht. „50 Prozent der Wähler sind noch unentschlossen. Wir müssen zu den Menschen, dann kann das Ergebnis schon werden“, sagt sie.

Rinderspacher fordert „Kampfaufruf, kein Lamentieren“

Kann es wirklich noch werden angesichts von 11 Prozent im „Bayerntrend“? Durchhalteparolen fehlen der SPD nicht. „Was wir wirklich können, ist kämpfen“, sagt Spitzenkandidatin Natascha Kohnen. „Einen Kampfaufruf, kein Lamentieren“, will Fraktionschef Markus Rinderspacher. Doch erklären können die Genossen ihre Lage nicht.

Allenfalls Ansätze gibt es. Der Sturz könnte mit den diffusen Signalen in der Asylpolitik zusammenhängen, dem Top-Thema. Kohnen ließ Seenotretter ehren, die Bundesvorsitzende Andrea Nahles warnte zeitgleich davor, grüne Haltungen zu kopieren. Mit eigenen, ursozialdemokratischen Themen dringt Kohnen wenig durch. Bezahlbarer Wohnraum dominiert weder in München noch Berlin die Agenda. Kohnen hofft jetzt auf die Großdemonstration am Samstag in München, tritt dort auf. Auch die Anti-CSU-Demo soll wiederholt werden. Doch da reden viele.

Kohnen gilt als perfekter Söder-Gegenentwurf

Kohnen als Person zieht viel weniger, als ihre Strategen vor Monaten hofften. Jung, urban, attraktiv, alleinerziehend, als Biologin Quereinsteigerin in der Politik - ein perfekter Söder-Gegenentwurf. Die große Medienwelle blieb aber aus, stattdessen rückte die Grüne Katharina Schulze in den Fokus: noch jünger, frecher, lauter.

Mitunter hakt es sogar an organisatorischen Details. Der Stern wollte ein großes Kohnen-Porträt schreiben, bekam aber zunächst wochenlang keinen Termin. Ende August erschien dann eine mittelfreundliche Geschichte im Magazin. Kohnen wirke „wie eine von Idealismus durchtränkte Rektorin einer Gesamtschule“, steht darin.

Partei-Granden stehen hinter der Spitzenkandidatin

Intern stellt sie keiner infrage. Rinderspacher, selbst mal als Spitzenkandidat gehandelt, sagt glasklar, auch er stünde jetzt bei 11 Prozent. „Natascha macht einen hervorragenden Job.“ Er raunt nichts anderes abseits der Kameras. Der umtriebige Landtagsabgeordnete Florian von Brunn, der gegen sie in einer Urwahl verloren hatte, bleibt ebenso loyal. Er sucht die Ursachen vor allem in Berlin: „Die GroKo, die Art, wie Martin Schulz abgegangen ist oder abgegangen wurde.“ Die SPD müsse sich „aus ihrer Ergebenheitshaltung in der Großen Koalition lösen“.

Nur einen Rat gibt er Kohnen: „Wir müssen mehr in den Konflikt gehen und in den großen Debatten mehr in den Medien präsent sein.“ Er fände gut, wenn sie sich „als stellvertretende Bundesvorsitzende öfter zu Wort melden würde“.

Kein großer Kommunikationswechsel geplant

Freitagfrüh will sich der Landesvorstand zu einer Krisenrunde zusammenschalten. Rinderspacher rät nicht zum großen Kommunikationswechsel, das werde als „hektischer Aktionismus“ ausgelegt. Man müsse den Leuten einfach klarmachen, „dass es die wichtigste Wahl seit den 40er-, 50er-Jahren ist“, dass es nicht um Spiegelstriche gehe, sondern ums Ganze, um Demokratie und Zusammenhalt.

Zurück im Wahlkampf, Hasenbergl. Über Genossin Kohnen möchte Diana Stachowitz gar nichts sagen. Sie halte sich bewusst in der zweiten Reihe. Knochenarbeit an der Basis, das sei ihr Ding. Das Thema Migration sieht sie von einer ganz anderen Seite. In Teilen ihres Stimmkreises liegt der Ausländeranteil bei 90 Prozent. Besonders Deutschtürken gelten als SPD-affin, ihre Wahlbeteiligung ist aber unterdurchschnittlich. Nächste Station ist deshalb ein türkischer Supermarkt. Ja, Stachowitz darf Infomaterial hinterlegen. Nur ein kleines Erfolgserlebnis. Aber für Bayerns SPD geht es um jede Stimme.

Im Interview spricht Natascha Kohnen darüber, wie sie gegen die schlechten Umfragewerte der SPD angehen will.

Aglaja Adam, Christian Deutschländer

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