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Hermann Borchert (links) und Mathias Grasel (rechts) verteidigen die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe vor Gericht.

NSU-Prozess in München

Sie stellen Zschäpe als Opfer dar: Anwälte schüren bei ihr Hoffnung auf baldige Freiheit

Beate Zschäpes Verteidiger verstanden sich gut darauf, juristische Feinheiten so herauszuarbeiten, dass die mutmaßliche Terroristin nicht zwingend mit einer Inhaftierung bis ins hohe Alter rechnen muss.

München - Beate Zschäpe scheint regelrecht erleichtert zu sein, als ihre Verteidiger Hermann Borchert und Mathias Grasel ihr Plädoyer beenden. Sie lacht ungezwungen, plaudert scherzend mit den Verteidigern ihres einstigen Weggefährten Ralf Wohlleben. Hofft die 43-Jährige womöglich auf baldige Freiheit? Sollten sich ihre Verteidiger durchsetzen können, winkt Zschäpe diese nämlich: Maximal zehn Jahre Haft fordern Borchert und Grasel für ihre Mandantin.

Während die Strafmaßforderung der Bundesanwaltschaft mit lebenslanger Haft, Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung einer Inhaftierung bis ins hohe Alter gleichkäme, könnte Zschäpe nach dem Wunsch ihrer Verteidiger bald freikommen. Sie sitzt schon fast sechseinhalb Jahre in Untersuchungshaft. Wenn sie wie gefordert maximal zehn Jahre Haft bekommt, wäre sie spätestens Ende 2021 frei - bei guter Führung womöglich noch früher.

Etscheidend wird am Ende, wie das Gericht die zentrale Frage des Prozesses bewertet: Kann Zschäpe als Mittäterin an den zehn NSU-Morden, zwei Bombenanschlägen und mehr als einem Dutzend Überfällen verurteilt werden, obwohl sie an keinem Tatort war? Die Bundesanwaltschaft sagt ja, weil Zschäpe Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Rückhalt gesichert habe. Die Verteidiger dagegen bewerten die zentrale Frage gegenteilig. Zschäpe könne für eine Brandstiftung und wegen Beihilfe zu verschiedenen Überfällen verurteilt werden, nicht aber wegen der Gewalttaten.

Anwälte argumentierten fundiert

Die bislang oft kritisch beäugten, von manchen gar belächelten Borchert und Grasel argumentieren gerade am letzten Tag des Plädoyers äußerst fundiert. Immer wieder zitiert Grasel aus höchstrichterlichen Schuldsprüchen. Alle diese Urteile haben gemeinsam, dass sie hohe Maßstäbe für eine Mittäterschaft verlangen - für Grasel und Borchert sind diese bei Zschäpe nicht erfüllt.

Nachdem vor allem Borchert zunächst die Bundesanwaltschaft scharf angriff, stellen die beiden Verteidiger Zschäpe zum Abschluss des Plädoyers gar als Opfer dar. Sie hätte sagen können, was sie wollte, niemand hätte ihr Glauben geschenkt, sagt Borchert. Dabei seien ihre behauptete Distanzierung von der rechten Szene und ihre Entschuldigung bei den NSU-Opfern glaubwürdig. Grasel glaubt, weil Böhnhardt und Mundlos 2011 gestorben seien, könnten ihre Taten auch nicht mehr bestraft werden. "Der Rechtsstaat wird es aushalten müssen, dass es Verbrechen gibt, für die die eigentlichen Täter nicht mehr belangt werden können." Auch er sieht Zschäpe in der Opferrolle: Sie dürfe nicht unter dem großen Druck der Öffentlichkeit "nach dem Motto, die Letzten beißen die Hunde" als letzte Überlebende des Trios verantwortlich gemacht werden.

Plädoyers sollen im Juni beendet sein

Ob die beiden Vertrauensanwälte von Zschäpe - sie hat noch drei andere Verteidiger, mit denen sie nicht mehr spricht - sich allerdings durchsetzen, ist zweifelhaft. Denn schon vor dem Beginn des Prozesses im Mai 2013 war eine Grundsatzentscheidung getroffen: Damals ließ das Gericht um Richter Manfred Götzl die Anklage unverändert zur Hauptverhandlung zu. Damit gab Götzl schon vorab zu erkennen, dass auch er eine Mittäterschaft für möglich hält, obwohl Zschäpe keine Morde selbst beging.

Überraschend könnte das Urteil Götzls und seiner Kammer nun doch bald fallen. Ab der kommenden Woche sollen die Verteidiger der angeklagten vier mutmaßlichen NSU-Helfer ihr Plädoyer halten. Spätestens im Juni dürften dann alle Plädoyers beendet sein. Sobald es soweit ist, kann das Gericht sein Urteil fällen. Dann wird Zschäpe wissen, ob ihre Hoffnung auf eine absehbare Freilassung berechtigt war - oder ob sie doch erst als sehr alte Frau wieder aus dem Gefängnis kommen wird.

AFP

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