Günther Beckstein verlässt nach 39 Jahren den Landtag.

Günther Beckstein

„Ich musste mir auf die Zunge beißen“

München - Seit seinem bitteren Sturz 2008 war der frühere Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) ein Musterbeispiel an Loyalität. Nicht ein Wort der Kritik an seinem Nachfolger Horst Seehofer kam Beckstein über die Lippen.

Das war nicht leicht, wie er im Interview einräumt.

-Sie haben mehr als Ihr halbes Leben im Landtag verbracht. Fällt Ihnen der Abschied schwer?

Ich war die letzten fünf Jahre im politischen Abklingbecken und bin froh, dass die Zeit jetzt zu Ende geht. Ich hatte viele Höhen und Tiefen – aber ein Leben nur mit Höhen wäre furchtbar. Ich hatte zwei furchtbare Niederlagen: 1987 wollte ich unbedingt Oberbürgermeister von Nürnberg werden und habe verloren – eine Niederlage, die mich bis heute ärgert. 2008 hat mich das Ergebnis der Landtagswahl aus heiterem Himmel getroffen. Wir hatten noch kurz vorher gute Umfragewerte. Ich denke deswegen auch nicht gern an 2008 zurück. Es war aber richtig, aufzuhören und nicht zu warten, bis ich systematisch demontiert werde. Aber 20 Jahre in der Staatsregierung tätig gewesen zu sein, ist ein Geschenk. Ich hatte im Innenministerium und in der Staatskanzlei ganz tolle Mitarbeiter. Das ist etwas, das ich vermisse.

-Wie haben Sie es geschafft, sich fünf Jahre lang die Lippen zuzunähen?

Das habe ich ganz bewusst gemacht, ich habe mich vor und hinter den Kulissen absolut loyal verhalten. Ein Nachfolger muss seinen eigenen Weg gehen, der Vorgänger soll das nicht behindern. Wenn ich was gesagt hätte, wären mir sofort Absichten unterstellt worden – so wie es bei Erwin Huber dann auch geschehen ist. Ich musste mir manchmal auf die Zunge beißen. Manchmal bin ich nach Hause gekommen und meine Frau hat sofort gesehen, dass ich fast am Platzen war, weil ich an dem Tag eigentlich was hätte sagen wollen, es aber nicht getan habe.

-Werden Sie im Wahlkampf aktiv sein oder das Ganze nur beobachten?

Ich habe in der Tat noch eine Reihe von Wahlveranstaltungen. Ich mache aber keine Kundgebungen auf Marktplätzen und in Bierzelten. Ich will nicht Speerspitze der Auseinandersetzung sein. Bei meinen Veranstaltungen geht es eher um das Verhältnis Werte und Politik, Christentum und Politik. Ich habe nach wie vor eine Funktion in der Evangelischen Kirche Deutschlands, das bedeutet eine gewisse Zurückhaltung. Ich mache das in einer Form, dass niemand beleidigt wird.

-Wollen Sie Ihre Memoiren schreiben?

Nein, ganz sicher nicht. Ich habe mein Buch über die zehn Gebote geschrieben, das hatte in Teilen quasi autobiografischen Charakter. Ist die Politik, die ich gemacht habe, mit ethischen Maßstäben vereinbar? Da gibt es gerade in der Innen- und Asylpolitik ein gewisses Spannungsfeld. Ich freue mich, dass das Buch mittlerweile in der vierten Auflage ist. Aber die ganz normalen Memoiren – was habe ich 1984 gemacht und was 1997 – sowas finde ich tödlich langweilig.

Interview: Carsten Hoefer

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