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Zeugen berichten von dramatischen Momenten vor Protasewitsch-Festnahme: „Er geriet in Panik“

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Eine Spürhund inspiziert das Gepäck eines Ryanair-Flugzeuges. Belarussische Behörden hatten das Flugzeug auf dem Weg von Athen nach Vilnius zur Landung gebracht.
Eine Spürhund inspiziert das Gepäck eines Ryanair-Flugzeuges. Belarussische Behörden hatten das Flugzeug auf dem Weg von Athen nach Vilnius zur Landung gebracht. © -/dpa

Der Blogger Roman Protasewitsch soll schnell gewusst haben, was ihm nach der Notlandung in Minsk bevorstand. Das berichten mehrere Augenzeugen aus dem Flugzeug.

Minks - Schnell soll dem regimekritischen Blogger Roman Protasewitsch klar gewesen sein, dass die erzwungene Notlandung des Ryanair-Flugs FR4978 ihm galt. Das berichtete ein Augenzeuge dem griechischen TV-Sender Mega. „Als ich hörte, dass das Flugzeug nach Weißrussland zurückkehrt, sah ich seine Reaktion. Er legte die Hände über den Kopf, als wüsste er, dass etwas Schlimmes passieren würde“, sagte der Grieche Nikos Petalis dem Sender per Videoschalte aus Vilnius.

Protasewitsch habe Panik erfasst. Er selbst sei in der Nähe des Aktivisten gesessen. Dieser habe verängstigt gewirkt. „Man hat ihn angesehen und gedacht, irgendetwas ist nicht in Ordnung mit ihm.“ Den Passagieren sei lediglich mitgeteilt worden, dass die Maschine in Minsk notlanden müssen. Ohne weitere Informationen mussten sie dann eine Stunde im Flieger ausharren.

Berichte über Protasewitsch-Festnahme: Oppositioneller Blogger „geriet in Panik“

Eine weitere Passagierin, Monika Simkiene, beschrieb die Situation ganz ähnlich: Protasewitsch „geriet in Panik“. Er habe sich umgedreht und gesagt, ihm drohe die Todesstrafe. Als er nach der Landung gemerkt habe, dass seine Festnahme bevorstehe, sei er aber plötzlich „sehr ruhig“ geworden.

Andere Mitreisenden berichteten, wie der junge Mann noch an Bord der Maschine seine Taschen leerte und einige Gegenstände seiner Freundin anvertraute, die wenig später allerdings ebenfalls am Flughafen von Minsk festgenommen wurde. "Er hat nicht geweint, aber es war ihm anzusehen, dass er sehr große Angst hatte", sagte der Passagier Edvinas Dimsa. "Man kann sagen, dass er gesprungen wäre, wenn ein Fenster in dem Flugzeug offen gewesen wäre."

Berichte über Protasewitsch-Festnahme: EU-Sondergipfel berät über Sanktionen

Behörden in der autoritär regierten Republik Belarus hatten das Flugzeug auf dem Weg von Athen in die litauische Hauptstadt Vilnius nach Minsk umgeleitet und zur Landung gezwungen. An Bord war der vom belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko international gesuchte Blogger Roman Protasewitsch. Über den Vorfall und mögliche Sanktionen gegen Belarus soll bei einem ohnehin geplanten EU-Sondergipfel beraten werden, der am Montagabend beginnt.

Die Boeing wurde nach Informationen der auf die Flugverfolgung spezialisierten Internetseite Flightradar24 über belarussischem Gebiet, kurz vor der Grenze zu Litauen, abgefangen. An Bord der Ryanair-Maschine saßen Berichten zufolge auch Agenten des belarussischen Geheimdienstes KGB, .

Protasewitsch-Festnahme in Minsk: Blogger gilt als scharfer Kritischer von Lukaschenko

Unter dem Vorwand der Bombendrohung wurde der Ryanair-Flieger zur außerplanmäßigen Zwischenlandung in Minsk gezwungen, abgefangen von einem Kampfjet des Typs MiG-29, der auf Geheiß des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko aufgestiegen war. Es ist ein beispielloser Vorgang, der international massive Proteste und Sanktionsandrohungen zur Folge hat.

Protasewitsch ist seit Langem ein scharfer Kritiker von Lukaschenko, der Belarus seit 1994 mit eiserner Hand regiert. Mit 17 wurde der Regierungsgegner schon einmal festgenommen, weil er zwei Lukaschenko-kritische Gruppen im russischen sozialen Netzwerk Vkontakte betrieben hat. Er sei damals so schwer zusammengeschlagen worden, dass er drei Tage lang Blut im Urin hatte, berichtete der Aktivist damals. "Sie haben mir gedroht, mir ungelöste Mordfälle zur Last zu legen."

Video: Erzwungene Landung: Kritik und Sanktionen für Belarus

Seit 2019 lebt Protasewitsch im Exil, in Polen und in Litauen. Damals begann er für den einflussreichen oppositionellen Nachrichtenkanal Nexta zu arbeiten, der derzeit bis zu 1,2 Millionen Leser hat. Dem Kanal kam eine zentrale Rolle bei den Massenprotesten gegen die von massiven Betrugsvorwürfen begleitete Wiederwahl Lukaschenkos im vergangenen Jahr zu.

Im November wurde gegen Protasewitsch ein Haftbefehl ausgestellt. Das Regime legt ihm zu Last, an "terroristische Aktivitäten beteiligt" gewesen zu sein. Auf Terrordelikte steht die Todesstrafe, die in Belarus auch weiter vollstreckt wird. Aufruf zu Massenprotesten kann mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden. (AFP/dpa/fmü)

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