Nach dem Wahldebakel

„Berechnung und Gier“: So hart urteilt die Presse über Theresa May

Das internationale Medienecho auf die Abstimmung in Großbritannien ist verheerend. Der Ausgang zeige Theresa Mays persönliches Scheitern, so der Tenor.

Sie sei Premierministerin aus Zufall, vertrete keine eindeutigen Meinungen, sei nicht authentisch. Nach Ansicht der großen internationalen Blätter hat Theresa May nun die Quittung für ihre Politik bekommen.  Auch die britischen Medien reagierten bereits unerbittlich in ihrer Berichterstattung. 

In unserem Live-Ticker zur Neuwahl in Großbritannien halten wir sie über den aktuellen Stand auf dem Laufenden.

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Welches Desaster! Es ist ein Desaster für Theresa May, die den Wählern doch Stärke und Festigkeit versprochen hatte, und für die Partei. Vor einem Jahr hatte David Cameron mit der Abstimmung über einen Brexit aufs falsche Pferd gesetzt; der Ausgang ist bekannt, er verlor und musste zurücktreten. Jetzt könnte seine Nachfolgerin derselbe politische Schicksalsschlag treffen. Die Entscheidung für Neuwahlen trifft sie in jedem Fall wie ein Bumerang! Keine gute Idee! Zwei Premierminister, zwei Entscheidungen, die ihnen den Boden unter den Füßen wegzogen.“

„Süddeutsche Zeitung“: „May versuchte, die Wähler mit Slogans abzuspeisen. Sie behandelte sie nicht wie Erwachsene. Bezüglich der Verhandlungen mit Brüssel über den Austritt aus der EU hat May gesagt: „Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal.“ Ein Leser der „Financial Times“ griff diese Aussage auf, als er den wohl treffendsten Leserbrief des Jahres formulierte: „Sir, ich befinde mich in meinem achten Lebensjahrzehnt und finde, dass dieser Wahlkampf der erste ist, der Grund zur Erwägung eines neuen Slogans gibt: ,Kein Premierminister ist besser als ein schlechter Premierminister.' Stehe ich damit allein?“ Die Antwort lautet: nein.“

„Periode des Durcheinanders steht bevor“

„The Times“ (Großbritannien): „Die Hoffnungen der Konservativen auf eine substanziell vergrößerte Mehrheit im Parlament sind in der vergangenen Nacht mit einer überwältigenden Zurückweisung durch Wähler in Universitätsstädten bis hin zu Labour-Hochburgen zerschlagen worden. Mit dieser Wahl sollte Theresa Mays Führung ihrer Partei und des Landes zementiert werden, und der Europäischen Union sollte versichert werden, dass sie es bei den bevorstehenden Brexit-Verhandlungen mit einem starken und stabilen Partner zu tun hat. Doch nichts dergleichen wurde erreicht.

Nun steht eine Periode des Durcheinanders bevor. Die Märkte werden entsprechend negativ reagieren. Europa wird mit Bestürzung zuschauen. (...) Die Folgen für die politische Stabilität, die Großbritannien dringend bräuchte und für die Brexit-Verhandlungen, die in zehn Tagen starten sollen, können kaum überschätzt werden. So ist es nun zum Beispiel wenig wahrscheinlich, dass es im Parlament noch eine Mehrheit dafür gibt, dass Großbritannien den gemeinsamen europäischen Binnenmarkt verlässt.“

„Geht sie? Oder geht sie nicht?“

„Le Figaro“ (Frankreich): „Geht sie, geht sie nicht? Diese Frage treibt alle um an diesem Morgen, nach den (...) für Theresa May fatalen Wahlen. Es ist nunmehr klar, dass die von der Premierministerin geführte konservative Partei keine absolute Mehrheit im Parlament haben wird. Ihre Fähigkeit, eine „feste“ Regierung zu leiten, wird bezweifelt. Und dieses persönliche Scheitern stellt ihre Position in Frage.“

„De Tijd“ (Belgien): „Mit der schmerzhaften Wahlniederlage streut die britische Premierministerin Zweifel nicht nur an ihrer Zukunft, sondern auch hinsichtlich der Brexit-Verhandlungen mit Brüssel. Der Ruf nach ihrem Rücktritt wird laut. Zum zweiten Mal in Folge verpassen sich die britischen Konservativen ein Eigentor. 2016 schoss sich David Cameron in den Fuß, indem er das Referendum über die EU-Mitgliedschaft ansetzte und es dann verlor. Ein Jahr später setzte Theresa May vorgezogene Neuwahlen in der Hoffnung an, eine große Mehrheit als Rückendeckung für die Brexit-Verhandlungen mit Brüssel zu bekommen. Die wäre erforderlich, damit sie nicht zur Geisel von ein paar Dutzend radikal anti-europäischer Tories wird, für die jedweder Kompromiss unannehmbar ist. Auch dieses Vorhaben ist missglückt.“

„Welch schrecklicher Fehler von Theresa May“

„Dagens Nyheter“ (Schweden): „Oh, oh, oh. Welch schrecklicher Fehler von Theresa May, eine völlig unnötige Wahl auszurufen. Jetzt schon schärfen ihre Parteifreunde die Messer und spekulieren darüber, wer die Führung übernehmen soll. Auf Großbritannien wartet eine chaotische politische Zukunft.“

„Sydsvenskan“ (Schweden): „Die Wahl ist noch nicht fertig ausgezählt, aber mit nur noch wenigen zu verteilenden Sitzen ist nun klar, dass Theresa Mays konservative Tories die (absolute) Mehrheit unmöglich erreichen können. Das ist eine Katastrophenwahl für May und bedeutet, dass ihr Versuch, die Unterstützung der Bevölkerung für den EU-Austritt, den Brexit, zu sichern, misslungen ist.“

„Jyllands-Posten“ (Dänemark): „Am Freitagmorgen zeichnet sich ein Bild von einem britischen Wahlergebnis, das zunächst mehr politische Verlierer als Gewinner bedeutet. Jedenfalls sind - neben dem großen konservativen Rückgang - mehrere politische Zusammenbrüche in Großbritannien auf dem Weg.“

„May vertrat keine eindeutigen Meinungen“

„Rzeczpospolita“ (Polen): „Theresa May hat einen spektakulären Fehler begangen. Obwohl sie bis 2019 hätte regieren und die Verhandlungen zur Trennung von Brüssel beenden können, ist sie der Versuchung erlegen, vorzeitige Wahlen auszuschreiben, um die Mehrheit im Parlament zu festigen. (...) Jetzt könnte sie, wie die Exit Polls zeigen, ohne alleinige Mehrheit der Konservativen an der Spitze einer wackeligen Koalition landen oder sogar in die Opposition übergehen. (...)

So wie ihr Vorgänger David Cameron, der sicher war, das Referendum zum EU-Verbleib zu gewinnen, hat May ihr Ziel verfehlt. Sie hat vergessen, dass sie nicht die neue Margaret Thatcher ist, sondern eher Premierministerin aus Zufall: Als die Brexit-Befürworter mit Boris Johnson an der Spitze im vergangenen Jahr nicht die Verantwortung für das Land übernehmen wollten, griffen die Konservativen nach May, weil sie keine eindeutigen Meinungen vertrat und niemandem übermäßig im Weg stand.“

„Scheinheiligkeit, Berechnung und Gier“

„Dennik N“ (Slowakei): „Theresa May befürwortete vor dem Referendum einen Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union. Dennoch akzeptierte sie dann aber nicht nur den Posten einer Premierministerin, die den Brexit vorbereiten und aushandeln sollte, sondern machte sogar Druck für die harte Version des Ausstiegs. Aus professioneller Sicht lässt sich das anerkennen, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass zumindest ein Teil der Wähler darin Scheinheiligkeit, Berechnung und Gier nach Macht sieht. Also einen Mangel an Authentizität - gerade etwas, über das man sich bei ihrem Rivalen von der Labour-Partei nicht beschweren kann.“

dpa

Rubriklistenbild: © Screenshot Twitter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Trumps Tochter Ivanka schmiss Bannon raus – der will sich rächen
Es ist nach Plan gelaufen. Donald Trumps Tochter Ivanka soll diejenige gewesen sein, die Donald Trumps Strategieberater, Stephen Bannon, aus dem Weißen Haus schmiss. Das …
Trumps Tochter Ivanka schmiss Bannon raus – der will sich rächen
Bekannter Bürgerrechtsanwalt in China vor Gericht gestellt
Kanzlerin Merkel und Außenminister Gabriel hatten sich bei Besuchen in Peking von dem Anwalt über die Menschenrechtslage in China aufklären lassen. Jetzt wird Jiang …
Bekannter Bürgerrechtsanwalt in China vor Gericht gestellt
Entscheidung über Abschiebung islamistischer Gefährder
Abschieben, festsetzen, überwachen: Für den Umgang mit islamistischen Gefährdern mangelt es nicht an Möglichkeiten. In der Praxis laufen sie aber oft ins Leere. Zwei …
Entscheidung über Abschiebung islamistischer Gefährder
USA ordnen ihre Afghanistan-Strategie neu
Seit 16 Jahren kämpfen US-Soldaten in Afghanistan. Der Erfolg ist umstritten. Donald Trump war einer der größten Kritiker der US-Operation am Hindukusch. Er ließ sich …
USA ordnen ihre Afghanistan-Strategie neu

Kommentare