Wissam Tharun (mitte) und seine Familie stehen als Komparsen in der Gepäckhalle des neuen Berliner Flughafens
+
Wissam Tharun hat mit dem Komparsentag seine Mutter Christin und ihren Freund Steffen überrascht

Berliner Flughafen eröffnet am 31. Oktober

Kurz vor der Eröffnung: Pannenflughafen prüft den Ernstfall

  • Kathrin Braun
    vonKathrin Braun
    schließen

14 Jahre ist der Spatenstich für den Flughafen Berlin Brandenburg (BER) her. Am 31. Oktober soll er tatsächlich in Betrieb gehen. Einen Monat vor der Eröffnung war der Münchner Merkur zu Besuch auf dem neuen Flughafen – der so neu nicht mehr ist.

  • Der Airport „Willy Brandt“ soll am 31. Oktober eröffnen
  • Ursprünglich hätte der Flughafen schon vor acht Jahren in Betrieb gehen sollen
  • Vor der Eröffnung haben Tausende Komparsen den BER getestet

Berlin – „Der Puls einer neuen Generation“ steht auf einer LED-Wand in der Eingangshalle. An ein paar Stellen ist das Display schon defekt. Der Spruch stammt aus einer Daimler-Kampagne vor der Fußball-EM 2012. Vermutlich steht er seit acht Jahren dort.

Die Eingangshalle ist eine kleine Zeitkapsel. Wände, Info-Stände und Check-in-Schalter sind mit dunklem Holz verkleidet. Das galt Anfang des Jahrtausends als modern. Der beige Bodenbelag – fast schon retro. Automaten für den Handy-Check-in gibt es nicht, ebenso wenig Ladestationen für Smartphones. Ein „First Class“-Schild der Lufthansa hat man entfernt, denn das gehört nicht mehr zum Konzept der Airline. Die Schrift hat sich in die Wand eingebrannt. Die Sonne hatte dafür viele Jahre Zeit.

Blick in die Eingangshalle: Holz ist einer der dominierenden Baustoffe

400 Komparsen haben den Flughafen getestet

„Wir werden noch ein paar Dinge nachrüsten müssen“, räumt Roland Böhm ein, der die Inbetriebnahme des Flughafens leitet. Während der Cheftester das sagt, wuseln permanent Menschen an ihm vorbei. Denn am Flughafen herrscht schon Vollbetrieb. Komparsen in grünen Jäckchen tun so, als wollten sie verreisen. Mit allem, was dazugehört: einchecken, Gepäck abgeben, Körperscan. Jeder Komparse hat ein Skript mit der Rolle, die er heute spielen muss. Manch einer muss mit Waffen-Attrappen durch die Kontrollen, andere verlieren eine demente Begleitung. Es gibt sogar Taschendiebe, die von der Polizei allein durch eine Personenbeschreibung gefunden werden müssen.

Für Familie Tharun ist das ein Spektakel. „Mein Sohn hat uns die Reise geschenkt“, sagt Christin Tharun, 41, aus Dresden. „Er ist verrückt nach Flugzeugen und wir reisen sehr viel. Er meinte, wir machen einen Ausflug und plötzlich stehen wir hier und testen den neuen BER – eine tolle Überraschung.“ Die Familie hat gerade ihr Gepäck bekommen, ihr Flug geht in zwei Stunden nach Southampton. Noch hebt hier kein Flieger wirklich ab, stattdessen gibt es eine 20-minütige Busfahrt als Simulation. „Der erste Eindruck vom Flughafen ist super“, sagt Tharun. „Große Parkhäuser, viel Platz, alles gut ausgeschildert.“

Auch Patrick Richter ist Komparse. Tausende hat der Flughafen engagiert, 400 sind heute im Einsatz. Richter studiert gerade sein Skript. „Wir durchlaufen zwei Rundgänge“, erklärt er. „Erst fliegen wir ab, dann landen wir, und dann geht es wieder zu einem neuen Ziel. Nachdem ich gelandet bin, muss ich noch meine Mehrwertsteuer irgendwo zurückverlangen. Ich bin noch am Grübeln, ob das zeitlich alles hinkommt.“ Richter ist nicht das erste Mal hier. Der Berliner studiert Verkehrswesen und war schon mal zu einer Besichtigung da. „Der Flughafen ist schick, alles wirkt gepflegt, aber vielleicht ist er ein wenig klein“, sagt er. „Mich interessiert sehr, wie heute alles funktionieren wird.“

Schalter gefunden: Komparse Patrick Richter hält seinen Boarding-Pass in Händen.

Wenig später steht er unter Zeitdruck. Im „Terminal 1“ stauen sich Komparsen mit Sperrgepäck. Eine Frau läuft mit einem fünf Meter langen Stabhochsprungstab an ihm vorbei. Richter stellt sich an einem Schalter von Easyjet an. „Hier gibt es so viele Schalter von der Airline. Ich bin mir unsicher, wo ich richtig bin. Es ist ein bisschen unübersichtlich. Und wenn ich hier eine halbe Stunde anstehe, wäre ich natürlich froh, wenn ich richtig bin.“

Kurz vor der Eröffnung stehen noch alle Läden leer

Nach knapp einer Stunde haben alle Komparsen eingecheckt, auch Patrick Richter hat seinen Boarding-Pass. Als die Tester den Sicherheitsbereich suchen, fällt auf: Der Weg ist nicht gut genug ausgeschildert. Vielen ist nicht klar, zu welchem Eingang sie sollen. „Das funktioniert noch nicht so gut“, sagt Böhm. Ein neuer Punkt auf seiner Liste, die bis Ende Oktober abgearbeitet sein muss. Im Sicherheitsbereich wird klar, wie viel in den nächsten Wochen tatsächlich noch passieren muss.

Fünf Wochen vor der Eröffnung ist der Duty-Free-Bereich noch Baustelle.

Die Dutyfree-Läden sind Baustellen, von den 111 Cafés, Kneipen und Geschäften ist kaum eines fertig. Etwa 95 Prozent der Mietverträge sind seit 2012 gültig geblieben, in den vergangenen Jahren mussten sich die Shopbesitzer außerhalb des BER über Wasser halten. Manche haben Ausweichflächen an den Flughäfen Tegel und Schönefeld bekommen. Nicht alle Mieter haben aber überlebt. Vor der geplanten Eröffnung 2012 hatten die Besitzer ihre Läden bis ins kleinste Detail geplant, dann platzte der Termin. Die leeren Verkaufsflächen zeigen: Diesmal wollen sie ganz sichergehen.

Das reinste Chaos

Hartmut Schnur, BER-Tester

Ob mit oder ohne Läden. Am 31. Oktober soll der BER starten. Wichtig ist, dass der Betrieb reibungslos läuft. Hartmut Schnur, 73, findet schon jetzt: „Das alles funktioniert grottenschlecht.“ Der Berliner Komparse und sein 80-jähriger Freund Eike sollten nach Grenoble. „Auf dem Boarding-Pass steht das Gate nicht, wir haben erst jetzt erfahren, dass das nur auf den Monitoren angezeigt wird“, sagt Schnur. Als sie kamen, war das Gate schon geschlossen. „Für uns ist das das reinste Chaos. Wir standen erst 20 Minuten bei der Sperrgepäck-Abgabe. Dann kam noch die Polizei für eine Waffenkontrolle vor uns, die hat fast 15 Minuten gedauert. Und auch danach, an der Sicherheitskontrolle, kommt kein Mensch auf die Idee, diejenigen vorzulassen, die gleich abfliegen. Wir waren nicht zu spät, absolut nicht.“

Nicht zufrieden: Tester Hartmut Schnur irrt auf der Suche nach dem Gate umher.

Hartmut Schnur ist sauer, obwohl er in Wahrheit gar keinen Flieger verpasst hat. „Ich finde keine Laufbänder, das Gebäude ist völlig alte Schule. Uns hat sehr interessiert, wie der Flughafen nach mehr als 3000 Tagen Verspätung funktioniert. Aber die zweite Runde machen wir nicht mit, das ist uns zu unorganisiert.“ Wieder eine Notiz auf Böhms langer Liste.

Roland Böhm, ORAT-Projektleiter des BER

Fünf Fragen an Roland Böhm

Roland Böhm leitet das ORAT-Programm des Berliner Flughafens: ORAT (Operational Readiness and Airport Transfer) ist der internationale Begriff für das komplexe Projekt Flughafeneröffnung. Alle denkbaren Szenarien werden vor der Inbetriebnahme durchgespielt. Böhm erklärt, warum der BER nun so weit ist.

Herr Böhm, 9000 Komparsen testen den BER. Was ist am wichtigsten?
Es gibt drei Dinge, die auf jeden Fall funktionieren müssen. Das Wichtigste ist, dass sich die Mitarbeiter hier vom ersten Tag an wohl und sicher fühlen. Sie sollen Selbstbewusstsein bekommen und wissen, dass wir das schaffen. Natürlich müssen wir auch die ganze technische Infrastruktur prüfen. Und es ist wichtig, dass sich alle untereinander abstimmen können: An diesem Flughafen werden 40 bis 50 verschiedene Parteien miteinander arbeiten, zum Beispiel Abfertiger, Airlines und Sicherheitsbehörden.
Läuft alles nach Plan?
Wir sind guter Dinge. Der Flughafen ist in der finalen Probebetriebsphase – das sind also unsere Generalproben. Als wir 2018 mit dem ORAT-Programm angefangen haben, sah unsere Arbeit noch ganz anders aus: Da lag unser Schwerpunkt auf der Überzeugungsarbeit. Bevor wir richtig loslegen konnten, mussten wir den Menschen erst erklären, dass wir diesen Oktober wirklich in den Betrieb gehen werden.
Man sieht immer noch viele Baustellen ... 
Es gab einen sogenannten „Design Freeze“ bis zur Nutzungsphase des Flughafens. Das heißt: Seit 2012 durften wir keine baulichen Veränderungen vornehmen. Es wurde natürlich viel an der Haustechnik umgebaut, aber der Rest war geblockt. Deshalb gibt es hier auch noch keine Check-in-Automaten oder Handy-Ladestationen. Momentan sind wir auch dabei, große LED-Würfel zu bauen, deshalb stehen hier noch Gerüste. Außerdem werden noch alle Mülleimer gegen größere Recycling-Systeme getauscht. 
Die Shops und Cafés sehen auch noch nicht fertig aus – glauben die Mieter nicht an Oktober?
Doch. Aber sie warten bis zum letzten Moment, bis sie möblieren. Wenn ein Laden erst mal fertig ausgebaut ist, muss der auch sauber gehalten und beaufsichtigt werden. Das kostet. Für uns ist das aber ohnehin kein Kriterium, ob wir eröffnen. 
Was kann noch drohen?
Nicht viel. Vor ein paar Wochen haben wir eine Evakuierungsübung durchgeführt – das war der letzte offizielle Nachweis, den wir erbringen mussten. Technisch sind wir seit einem halben Jahr stabil. Wir machen auf alle Fälle im Oktober auf. 

Der lange Weg zum Flughafen Berlin Brandenburg

1991: Kurz nach der Wiedervereinigung entstehen die ersten Pläne für einen zentralen Berliner Flughafen, um Schönefeld, Tegel und Tempelhof zu ersetzen.

2006: Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, Berlins BürgermeisterKlausWowereit sowie Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck setzen den Spatenstich. Der 30. Oktober 2011 wird als Eröffnungstermin festgelegt. Kosten: knapp 2 Milliarden Euro.

2010: Wegen der Pleite einer Planungsfirma wird die Eröffnung auf den 3. Juni 2012 verschoben.

2012: Nur vier Wochen vor der geplanten Eröffnung wird der Termin wieder verschoben. Die Brandschutzanlage funktioniert nicht. Der 17. März 2013 soll der neue Eröffnungstermin sein. Die Liste der Pannen wird aber immer länger: Rolltreppen sind zu kurz, hunderte Bäume falsch gepflanzt, ganze Kabelschächte in Parkhäusern wurden vergessen, in die Lüftung läuft Regenwasser – und der Flughafen ist zu klein für die berechnete Passagierzahl. Der Termin wird erneut verschoben: auf den 27. Oktober 2013.

2013: Auch der 27. Oktober platzt. Es ist von 75 000 Baumängeln die Rede. Die Eröffnung? Auf unbestimmte Zeit verschoben. Geschäftsführer Rainer Schwarz muss gehen. Hartmut Mehdorn, Ex-Bahnchef, soll es nun richten.

2014: Mehdorn verkündet, dass der BER 2017 in Betrieb gehen soll. Die Kosten? Inzwischen mehr als 5 Milliarden Euro.

2015: Der frühere Rolls-Royce-Manager Karsten Mühlenfeld übernimmt nach dem Rücktritt von Hartmut Mehdorn den Chefposten.

2017: Die Eröffnung wird ein fünftes Mal abgesagt. Der neue Flughafenchef Engelbert Lütke-Daldrup will den Flughafen im Jahr 2018 in Betrieb nehmen. Dann einigt man sich aber doch auf eine Eröffnung Ende 2020. Bis dahin übersteigen die Kosten 7 Milliarden Euro.

April 2020: Der TÜV genehmigt alle Sicherheitsanlagen am BER. Einer Eröffnung am 31. Oktober sollte nichts im Wege stehen.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare