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Streit ums Mandat: Bernd Lucke verlässt die Alternative für Deutschland, sein Mandat im Europaparlament will er allerdings behalten.

Heute tritt er aus der AfD aus

Lucke: Die Geister, die er rief

München – Bernd Lucke verlässt heute die AfD: Er habe zu spät realisiert, wohin sich die Partei bewegt, sagt der Gründer. Wirklich? Zu Beginn schien der Wirtschaftsprofessor nicht ganz so zimperlich.

Bernd Lucke ist keiner, der sich sonderlich kurz fast. Legendär sind die ellenlangen E-Mails, die der Professor auch gerne mal mitten in der Nacht schreibt. Auch für sein Austrittsschreiben braucht Lucke mehr als eine dicht bedruckte Seite, ehe er „In Trauer, Dankbarkeit und neuer Hoffnung“ schließt. Die neue Führung wolle die AfD in einer Weise verändern, für die er nicht stehe. „Ich habe sicherlich Fehler gemacht und zu den größten gehört zweifellos, dass ich zu spät erkannt habe, in welchem Umfang Mitglieder in die Partei drängten, die die AfD zu einer Protest- und Wutbürgerpartei umgestalten wollen“, schreibt der abgewählte Vorsitzende.

Die Frage lautet jedoch: Wie viel hat sich Lucke verändert und wie viel seine Partei? Tatsächlich war der Parteigründer selbst lange Zeit nicht ganz so zimperlich, wenn es darum ging, auch am rechten Rand auf Stimmenfang zu gehen. „Grundsätzlich ist es gut, wenn jemand uns wählt und nicht die NPD“, hatte Lucke beispielsweise im Mai 2013 in einem Interview erklärt. „Ohne uns gäbe es die Gefahr, dass enttäuschte Wähler, die eigentlich gar nicht rechts sind, aus Protest extremistische Parteien wählen.“ Unserer Zeitung erklärte im März 2014, er sei „eigentlich kein Liberaler“.

Der „Spiegel“ wertete zu Beginn dieses Jahres zahlreiche interne Mails des AfD-Vorstands aus. Um gegen ein Rettungspaket für Zypern vorzugehen, schlug Lucke damals vor, vor dem Finanzministerium zu demonstrieren. „Da bleiben wir, bis die Polizei uns wegträgt oder Wasserwerfer einsetzt oder andere kamerataugliche Operationen vornimmt.“ Im Juli 2013 schrieb Lucke demnach an den heute von ihm kritisierten Alexander Gauland: „Wir müssen noch einmal einen Tabubruch begehen, um Aufmerksamkeit zu kriegen. Das machen wir, indem wir Herrn Sarrazin vereinnahmen. Das kann uns viel Aufmerksamkeit, Kritik der linken Presse und viel Zuspruch in der Bevölkerung einbringen.“ Thilo Sarrazin feierte damals mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ große Erfolge.

Dass Lucke Verbündete am rechten Rand suchte, berichten ehemalige Mitstreiter. In Hamburg arbeitete er eng mit Jens Eckleben zusammen. Eckleben war Landesvorsitzender der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheit“, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Wie viele andere lief er unter Lucke zur AfD über. Die ehemalige „Freiheit“-Funktionärin Eva Kahlmann ist eine seiner Assistentinnen als Europaabgeordneter. Lucke äußerte sich meist vorsichtig, aber strategisch nahm er vieles in Kauf. Als sich der ehemalige Fußballer Thomas Hitzlsperger als schwul outet, sagt Lucke: „Ich hätte es gut gefunden, wenn Herr Hitzlsperger das Bekenntnis zu seiner Homosexualität mit einem Bekenntnis verbunden hätte, dass Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind.“ Selten wurde Lucke so hart.

Inzwischen fährt Lucke klar einen anderen Kurs. Er wirft Petry „ein Staubsaugermodell“ vor. „Nach dem Motto: Wir nehmen alle mit, die bei uns sein wollen – egal, was sie vertreten.“ So wie er früher. Die größten Erfolge feierte seine Partei just dort, wo Petry und Gauland das Sagen haben. Vielleicht zögert Lucke auch deshalb mit der Gründung einer neuen Partei.

Der Streit jedenfalls geht weiter. Lucke will sein Mandat im Europaparlament behalten. Es gehöre der AfD, findet Petry. Reihenweise laufen ihr dieser Tage die Mandatsträger davon. Im Europaparlament sind es fünf von sieben, im Bremer Rathaus drei von vier – und das nur wenige Wochen nach der Wahl. In Bayern sind bisher mehr als 200 von 3000 ausgetreten, darunter einer von zwei Münchner Stadträten. Der zweite, es ist der Landesvorsitzende André Wächter, gilt als Wackelkandidat. In den nächsten Tagen plant er eine Pressekonferenz.

Mike Schier und Til Huber

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