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„Nicht im messbaren Bereich“: Bernd Luckes Erfolg ist derzeit eher begrenzt.

Er glaubt an den Erfolg von ALFA

Bernd Lucke: Sein Leben nach der Talkshow

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München - Er war der Shooting-Star der deutschen Politik: Bernd Lucke ließ keine Talkshow aus, machte die AfD salonfähig. Dann kam der Bruch. Doch Lucke glaubt immer noch an den Erfolg.

Mitte Januar steht Bernd Lucke auf einem Podium im „Nells Park Hotel“ in Trier und wirkt erleichtert. Er begrüßt die Gastgeberin, das Publikum. Er tue das gerne, „weil wir uns hier einmal einem wirklich wichtigen Thema zuwenden, was nicht die Flüchtlingskrise ist“. Das Thema: Energiepolitik im europäischen Verbund. Eine halbe Stunde lang wühlt sich Lucke in Details der Marktregulierung, des „Förderwesens“. Zahlen, Fakten – er ist in seinem Element.

Mal nicht über Flüchtlinge reden. Für Lucke muss es tatsächlich eine Wohltat sein. Die Flüchtlingskrise ist das große Thema der AfD. Der Partei, die er erst gegründet und mit der er vor Monaten gebrochen hat. Im März dürfte sie in drei weitere Landtage einziehen – ohne ihn.

Luckes Problem: Öffentlich gibt es gerade kaum ein anderes Thema. Von seinem Energie-Vortrag erfährt nur, wer auf Youtube das selbstgedrehte Video findet. Abrufe bis gestern Nachmittag: 53. So ähnlich ist es mit allem, was seine Botschaften transportieren könnte. Dabei hat Lucke doch eine neue Partei gegründet: die Allianz für Fortschritt und Aufbruch, kurz: Alfa. Aber wer weiß schon, dass sie am Samstag Bundesparteitag hat?

Bernd Lucke: "Das würde mich von einer großen Last befreien"

Es gab Zeiten, in denen Lucke in jeder zweiten Talkshow auftrat. Nun ist der Wirtschaftsprofessor von der Bühne verschwunden. Und man muss wohl sagen: in der Bedeutungslosigkeit. Er sagt: „Ich werde einfach nicht mehr eingeladen.“

Wer ihn sucht, kann ihn in Brüssel finden. Seit er 2014 Europaabgeordneter wurde, wohnt er dort mit seiner Familie in einer Doppelhaushälfte. Eigentlich hatte er nicht vor, nach dem Machtkampf in der AfD noch mal neu anzufangen. Kurz vor der Parteitagsschlacht im Sommer 2015 wirkte er gelassen. Was passiere, wenn er gegen Frauke Petry verliere? „Das würde mich von einer großen Last befreien“, behauptete er. „Ich hätte endlich mal wieder Zeit für meine Familie.“

Lucke verlor – aber er zog sich nicht zurück. Er habe bei seinen Mitstreitern Aufbruchsstimmung gespürt, sagt er. Er konnte die Niederlage nicht auf sich sitzen lassen, vermuten andere.

Der 53-Jährige beauftragte ein Meinungsforschungsinstitut, die Chancen für eine weitere Partei auszuloten. Die Demoskopen machten Hoffnung: Elf Prozent Wählerpotenzial habe eine konservative Partei rechts der Union, aber mit klarer Abgrenzung zum rechten Rand. Die AfD war da in Umfragen auf drei bis vier Prozent abgerutscht. Den Kampf um die Konservativen könne er gewinnen, glaubte Lucke – und gründete die Alfa. Der AfD bei den Landtagswahlen Stimmen abjagen und so ihren Einzug in die Parlamente verhindern. So stellten sich die Gründer das vor. Wenige Wochen später öffnete die Kanzlerin die Grenzen für Flüchtlinge. Die Stimmung im Land kippte.

Heute geben Meinungsforscher Alfa kaum eine Chance. Von einer „Totgeburt“ spricht Forsa-Chef Manfred Güllner. Die Partei liege derzeit bei Umfragen „nicht im nur ansatzweise messbaren Bereich“, sagt der Chef der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung. Sie finde medial viel zu wenig statt. Wenn sie nicht bald Erfolge vorweisen könne, werde es für Lucke und seine Mitstreiter immer schwerer.

Lucke schiebt das weg: „Wir haben schon antizipiert, dass es keinen Raketenstart geben wird.“ 300 000 Euro hat die Alfa bisher von ihren 2800 Mitgliedern an Beiträgen bekommen. Dazu ein paar Spenden. Das muss reichen für die drei Landtagswahlkämpfe. Zum Vergleich: 2013 gaben CDU und SPD jeweils mehr als 47 Millionen Euro für die Wahlen aus.

Am Konzept als Kraft zwischen Union und AfD hält Lucke eisern fest. Der Wahlwerbespot kommt als gruselige Kochsendung daher. „Wenn Mutti die Rezepte fehlen und wenn die rote Soße stinkt...“, heißt es, während auf dem Herd ein ekliger Eintopf blubbert. „Einheitsbrei schmeckt nicht“, fasst Lucke zusammen. „Scharf rechts schmeckt auch nicht.“ Also: Alfa.

Bernd Lucke ist weiterhin auf Wahlkampftour

An Fleiß mangelt es nicht: Flächendeckend hat die Partei Verbände gegründet. Sogar ein Parteiprogramm gibt es schon. 17 Arbeitskreise haben es über Monate ausgearbeitet. Nun soll es der Parteitag in Ludwigshafen beschließen. Die AfD hat auch drei Jahre nach ihrer Gründung noch keine umfassenden Leitlinien. Und Lucke wäre nicht Lucke, wenn er sich nicht schon tief in die Sachpolitik eingegraben hätte. Mit einem nationalen Vermögensfonds will er das Rentenproblem lösen. Wie, das rechnet der Professor mal eben vor. Frauke Petry beherrscht mit Schusswaffen-Interviews die Schlagzeilen. Lucke beugt sich über sein Modell.

Noch sprechen die Zahlen eine klare Sprache: 9, 12, 17 – das sind die Prozentwerte, die zuletzt für die AfD in Wahlumfragen für Rheinland-Pfalz, Baden Württemberg und Sachsen-Anhalt gemessen wurden. Trier, Mehring, Pirmasens, Kaiserslautern, Steinen – Lucke ist trotzdem auf Wahlkampftour. Mal spricht er vor 30 Leuten, mal vor ein paar Hundert. Er macht einfach weiter. Das eine oder andere Video davon dürfte noch bei Youtube auftauchen.

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