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„Betreuungsgeld – ein totgerittenes Pferd“

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Der Streit um das Betreuungsgeld wird zunehmend schärfer. © dpa

München - Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist fertig. Wie weit Befürworter und Gegner voneinander entfernt sind, erläutert die Landesvorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), Elfriede Schießleder.

Das Betreuungsgeld ist auf der Zielgeraden – für den Katholischen Frauenbund ein Grund zum Jubeln?

Nein, wirklich nicht. Das Betreuungsgeld ist mittlerweile ein Pferd, das man totgeritten hat.

Wieso?

Wir haben derzeit ein Gemetzel an Ideologien um die bessere Erziehungsform, um die Qualität der Erziehung, um die Rolle der Familie und der Frauen, das allen nur schadet.

Was hätten Sie sich denn gewünscht?

Unser Verband ist immer für eine wirkliche Familienförderung

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Elfriede Schießleder Vorsitzende des Katholischen Frauenbunds in Bayern. © Haag

eingetreten. Dazu gehört aber mehr als nur eine kurzfristige finanzielle Ausstattung, es geht um das große Ganze. Wer erzieht – also in der Regel die Frau –, läuft bei der Rentenanwartschaft klar in eine Falle. Und natürlich ist auch der Ausstieg aus dem Beruf eine Falle, was Geld und Karriere anbelangt.

Also braucht es was?

Familien brauchen Entscheidungsfreiheit: Für manche Frauen ist es gut, zu Hause zu bleiben, für manche ist es gut, im Beruf zu bleiben und für manche ist Teilzeitarbeit das Beste. Wir erwarten ein kreativeres und weiter reichendes Angebot. Drehen Sie doch mal die Frage rum: Welcher Mann würde für 100 Euro im Monat seinen Beruf aufgeben?

Sollten die Mittel für das Betreuungsgeld also besser in den Ausbau von Kitas fließen?

Es ist tödlich, das eine gegen das andere auszuspielen.

Aber das Betreuungsgeld ist doch im Zusammenhang mit dem Kita-Ausbau erfunden worden!

Das war ja der Geburtsfehler. Entweder betreibe ich Familienförderung – dann brauche ich echte Wahlfreiheit, oder ich schaffe ein Trostpflaster, das noch nicht mal ein Trost ist.

Ministerpräsident Horst Seehofer kämpft wild entschlossen für das Betreuungsgeld. Regiert er an den Frauen vorbei?

Ich denke, er hätte vielleicht mehr mit uns Frauen sprechen sollen.

Hat er das nicht?

Nicht mit dem Katholischen Frauenbund, den ich hier vertrete. Ich kann nur sagen: Ich habe große Furcht, wir könnten uns in dieser ideologisierenden Debatte jetzt so zerfleischen, dass auf Jahre eine wirkliche Familienförderung unmöglich wird. Ich verstehe auch nicht, warum Herr Seehofer an dieser Koalitionsvereinbarung über das Betreuungsgeld von vor drei Jahren so festhält. Inzwischen hat sich vieles geändert – gerade im Unterhaltsrecht. Als Frauenbund wünschen wir uns Wiedereingliederungsmaßnahmen in den Beruf. Und mehr Anerkennung für die Kompetenz von Erziehungsleistung. Hier muss man mehr als nur in Geld denken.

Wer wird die 100 oder 150 Euro Betreuungsgeld denn Ihrer Meinung nach in Anspruch nehmen?

So wie es sich jetzt abzeichnet, ist es eine Unterstützung für sozial etablierte Familien. Wenn ich es mir leisten kann, zu Hause zu bleiben und vom Gehalt meines Ehepartners zu leben, ist es ein Zuckerl obendrauf. Und wenn ich Verwandte habe, die mir das Kind tagsüber abnehmen, dann ist es ebenfalls ein Zuckerl. Aber die, die eigentlich der Förderung bedürfen, sind ausgeschlossen, weil es auf die anderen staatlichen Förderungen angerechnet wird.

Also ist der Ausschluss der Hartz-IV-Empfänger falsch?

Natürlich ist das falsch! Es mag juristisch richtig sein, aber von der Intention her, Familienleistung zu fördern, ist es grundfalsch.

Was sollte man also mit dem Geld besser machen?

Auf bundespolitischer Ebene die Rentenanwartschaften anheben. Und landespolitisch vermisse ich eigene Anreize.

Zum Beispiel?

Als ich 1979 geheiratet und zwei Jahre später das erste Kind geboren habe, da gab es noch Ehestands- und Familiengründungsdarlehen von jeweils 5000 D-Mark als Landesleistungen. Die sind völlig verschwunden.

Interview: Monika Reuter und Claudia Möllers

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