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Simone Fleischmann. 

Merkur-Interview mit Simone Fleischmann

BLLV-Präsidentin: „Flüchtlingsflut - das klingt so negativ“

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München - Die Präsidentin des bayerischen Lehrerverbandes BLLV, Simone Fleischmann, kritisiert die Wortwahl der Politiker in der Flüchtlingsdebatte. Hier lesen Sie das vollständige Interview mit dem Münchner Merkur.

Die Flüchtlingspolitik ist seit Monaten das überragende Thema. Merken Sie das auch an den Schulen?

Ja. Alle Stimmungen, die es in der Gesellschaft gibt, spiegeln sich wie in einem Brennglas in der Schule. Das gilt gerade auch für die Flüchtlingspolitik. Man sollte fremdenfeindliche Tendenzen unter einem erzieherischen Aspekt auch in der Schule problematisieren. Ausländerfeindliche Sprüche dürfen nicht einfach stehen gelassen werden.

Das heißt, Lehrer sollten über die Flüchtlingspolitik in der Schule diskutieren?

Ja. Wann, wenn nicht jetzt? Lehrer müssen diese Freiheit haben. Für die Flüchtlingsthematik muss in den Schulen Zeit sein. Dann muss der Pythagoras eben einmal eine Stunde warten. Wir brauchen bei diesem Thema Tiefgang. Klar, dass das natürlich Schulstunden kostet.

Wer sollte das tun? Der Sozialkundelehrer?

Nicht allein. Das Thema ist derart vielfältig, das kann nicht ein einzelner Lehrer leisten. In der Grundschule bietet sich ein emotionaler Zugang an. Woher kommen die Flüchtlingskinder, zeige mir die Länder mal auf der Karte, welche Geschichten haben Flüchtlingskinder – das ist für die Grundschüler ein kindgerechter Zugang. An den weiterführenden Schulen kann man stärker Fakten diskutieren. Der Klassenleiter an der Mittelschule sollte die Flüchtlingspolitik zum Tagesthema machen, die Lehrer an Realschulen und Gymnasien könnten im Team vorgehen. Da könnte sich das Lehrerkollegium zusammen setzen und einen Plan aufstellen, wer was wann durchnimmt. Ich bin sicher, dass das an vielen Schulen schon passiert. An dem Thema kommt doch niemand vorbei.

Sie kritisieren das „Wording“ mancher Politiker. Was meinen Sie damit?

Flüchtlinge als Schwemme, Gefahr, Problematik – all diese Wörter sind negativ besetzt. Wir haben unsere Mitglieder darüber informiert, welche begrifflichen Ausdrucksweisen wir uns von unseren Kolleginnen und Kollegen wünschen würden. Das wurde nicht nur positiv aufgegriffen.

Die BLLV-Führung als Sprachpolizei?

So ähnlich.

Welche Begriffe schlagen Sie denn vor?

Lehrer sollten nicht von Flüchtlingsproblematik sprechen, sondern von Flüchtlingsthematik. Sie sollten von der Integration der Kinder in die Schulen sprechen, nicht davon, wie man die auch noch in der Schule mitschleppen kann.

Der Begriff Flüchtlingskrise?

Darf man nicht sagen. Flüchtlingsthematik ist besser. Die Gesellschaft muss aufpassen, wie sie mit dem Thema umgeht. Wenn jeder Krise sagt, Schwemme oder gar Lawine, dann ist das negativ belegt. Auch Flüchtlingsflut – das klingt so negativ.

Verzeihung, aber klingt das nicht nach einem Maulkorb-Erlass?

Nein, das ist nicht beabsichtigt. Ich habe einfach Angst, dass nur die negativen Gefühle und Botschaften rüberkommen, wenn Flüchtlinge nur als Problem thematisiert werden. Ich bin der Meinung, dass wir als Lehrer mit absoluter Achtung und hohem Respekt vor diesen Menschen auftreten sollten. Wir als Schule haben eine Vorbildfunktion. Da ist es wichtig, dass sich die Lehrer nicht im Ton vergreifen. Sie sind Vorbild bei der Spracherziehung. Würden die Lehrer ständig von Flüchtlingslawine reden, dann sagen das ihre Schüler bald auch.

Sind Sie zufrieden, wie die Flüchtlings-Integration an den Schulen in Bayern läuft?

Die Staatsregierung hat die Forderung der Opposition und auch des BLLV getoppt und 168 Millionen für die Integration von Flüchtlingskindern an den Schulen bereit gestellt. Das ist ein absolut positives Signal, da kann ich nur den Hut ziehen. Hinzu kommt, dass diese 1076 Planstellen nicht erst zum September kommen.

Sondern?

Jetzt schon ab Januar. Das gab es noch nie.

Aber es gibt die Lehrer gar nicht.

Da müssen wir kritisch einhaken. Jetzt muss ein Plan her, wie das Geld verteilt wird an die Regierungen und einzelnen Schulen. Im Moment gibt es den nicht. Da ist das Kultusministerium gefordert. In der Tat ist der Markt für Junglehrer an den Grund- und Mittelschulen leergefegt. Aber es gibt den arbeitslosen Realschul- und Gymnasiallehrer, den die Grundschulen liebend gern anstellen würden.

An den Grundschulen verdienen sie aber weniger.

Das stimmt, aber dafür haben sie eine Anstellung bis mindestens 2019. Das Ministerium wird auch Lehrer, die im Februar in Pension gehen wollen, zum Weitermachen überreden müssen. Wichtig wäre auch, Teilzeitkräfte für Zusatzstunden zu gewinnen.

Wie viele Flüchtlingskinder verträgt eine normale Klasse?

Das muss der Schulleiter vor Ort entscheiden. Er oder sie weiß genau, dass die Klasse A vielleicht drei aufnehmen kann, die Klasse B vier, die Klasse C aber eher keines. Eine pauschale Zahl kann man deswegen nicht nennen. Im Moment gehen viele Flüchtlingskinder ohnehin in eine Übergangsklasse, die nur aus Flüchtlingen besteht. In Bayern gibt es nun schon über 500, und es werden laufend mehr. Die Ü-Klasse ist für den Übergang richtig, aber langfristig müssen die Flüchtlingskinder in ein Sprachbad getaucht werden, also mit deutschen Kindern zusammensitzen. In den Kindergärten gibt es ja auch keine Ü-Gruppen.

Sie sollen also in die Regelklassen.

Ja. Allerdings kann die normale Lehrerin nicht drei Flüchtlingskinder, die kein Deutsch kennen, quasi nebenher auch noch unterrichten. Da hilft kein Durchwurschteln. Da müssen wir Zusatzkräfte in die Klasse schicken – Psychologen, Dolmetscher, Sozialpädagogen, multiprofessionelle Teams. Der Ministerpräsident sagte mir, es müsse unbedingt kreative, unbürokratische und flexible Lösungen geben – das zitiere ich jetzt permanent.

Das Gespräch führten Dirk Walter und Bettina Bäumlisberger.

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