Die Bombe an den Bundeskanzler

- München - Zur Belohnung schenkte der Kanzler dem Buben eine goldene Uhr. "Werner Breitschopp. Zur Erinnerung, Bonn, 1. 4. 1952. Adenauer", steht auf der Rückseite. "18 Karat. Sie funktioniert noch immer", sagt der 64 Jahre alte Breitschopp. Er und sein Freund Bruno Beyersdorf waren damals Helden. Am 27. März 1952 hatten sie in München ein an Konrad Adenauer adressiertes Paket nicht zur Post, sondern zur Polizei gebracht. Als man es dort am Abend öffnete, explodierte eine Bombe. Ein Feuerwehrmann starb, drei Polizisten wurden verletzt.

<P>Zur selben Zeit verhandelte in Den Haag eine deutsche Delegation mit Vertretern Israels über Wiedergutmachung für Mord und Folter im Zweiten Weltkrieg. Vielen passte das nicht - in Deutschland und in Israel. Stunden zuvor, am späten Nachmittag des 27. März, verlässt ein Mann mit Hut den Südeingang des Hauptbahnhofs. "Er kam auf uns zu mit dem Paket, drum herum Zeitungspapier", erzählt Werner Breitschopp, damals zwölf Jahre alt. "Wir sollten es zur Post in die Leopoldstraße bringen." Die Kinder wundern sich. "Im Hauptbahnhof gab's doch auch eine Post." Drei Mark gibt ihnen der Mann. Viel Geld für die zwei, die sonst Windschutzscheiben für einen Kaugummistreifen wienern. Der Mann sagt, er habe es eilig. Dann verabschiedet er sich.</P><P>"Er kam auf uns zu mit dem Paket, drum herum Zeitungspapier."<BR>Werner Breitschopp</P><P>Auf der Bayerstraße schauen die Buben sich um. Der Mann folgt ihnen. "Das kam uns komisch vor", sagt Breitschopp. Die beiden Kinder glauben sich zu erinnern. An eine andere Bombe. Kurz zuvor. "Lausbuben haben ja dauernd so Fantasien", meint Breitschopp. Am Straßenbahnhäuschen auf dem Stachus, dort, wo heute der Brunnen ist, entscheiden sie sich. Sie geben das schuhkartongroße Paket einem Schaffner. Der entfernt das Zeitungspapier und sieht den Adressaten. "An dem Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer, Bundeshaus Bonn", steht da in schlechtem Deutsch. "Kurz darauf hat uns ein Polizei-Mercedes mit dem Paket ins Präsidium an der Ettstraße gebracht", sagt Breitschopp.</P><P>Der 22 Jahre alte Polizeireporter Friedrich Merz betritt die Funkstreifenzentrale des Präsidiums um halb sechs. Ein Polizist zeigt auf das Paket und albert herum: "Wir haben hier eine Höllenmaschine." Die Beamten schütteln das Paket. "Ich hab's auch in der Hand gehabt", erzählt Merz, heute 73 Jahre alt. Die Polizisten suchen nach einem Spezialisten. Nach mehreren Anrufen ist klar: Der ist im Urlaub.</P><P>"Irgendwann kam der Reichert in die Funkzentrale", erinnert sich Merz. Karl Reichert, Vater von drei Kindern, ist Brandmeister der Münchner Berufsfeuerwehr, kein Sprengstoffexperte. Er fragt nach einem geeigneten Raum, um das Paket zu untersuchen. Reichert trägt es in den Keller. Drei Polizisten gehen voran, Merz und ein anderer Reporter hinterher. Die Treppe hinunter. Durch einen schmalen Gang.</P><P>"Hinter meinem Namen stand wahrscheinlich immer noch ein roter Punkt."<BR>Bernhard Gnirs</P><P>In einem Luftschutzkeller legt Reichert das Paket auf einen Rohrstutzen. Er schneidet behutsam die Kordel durch. Horcht. Wickelt das Papier ab. Schaut. Zieht ein blaues Buch aus einem Schuber. "Wer schickt dem Bundeskanzler ein Brockhaus-Lexikon, Band L-Z?", fragt Merz. Reichert fordert die Polizisten und Reporter auf, den Raum zu verlassen. Dann klappt er den Deckel auf.<BR>"Ich war noch nicht ganz aus der Tür, da kam schon die Explosion", berichtet Merz. Die Wucht der Bombe ist gewaltig. Sie reißt Reichert beide Unterarme ab. Überall ist Qualm. Merz ist unverletzt. Hastet nach oben. Später am Abend, als er seinen Artikel für die erste Seite des Münchner Merkur schreibt, erfährt er: Reichert ist tot.</P><P>In Zürich taucht ein Schreiben auf. Eine nationalistische "Organisation der jüdischen Partisanen" bekennt sich zu dem Attentat in München - und zu einem weiteren auf den deutschen Delegationsleiter bei den Wiedergutmachungsverhandlungen in Den Haag. Die Politik schweigt. Die Polizei tappt im Dunkeln, fast ein Jahr lang. Am 1. März 1953 übernimmt der Münchner Polizei-Inspektor Bernhard Gnirs den Fall. Monatelang verhört er Zeugen und Verdächtige, kombiniert Aussagen und Indizien.</P><P>Dann fällt ihm der verstümmelte Finger auf. "Einer der beiden Buben hatte dieses Tätermerkmal genannt", erinnert sich der heute 83-Jährige. Der Täter muss ein illegal in München lebender Jude sein, den er schon verhört hat, da ist sich Gnirs sicher. Der Name: Josef Kronstein. Seine Angehörigen verstricken sich in Widersprüche. Gnirs findet bei ihnen Kleidung, die zu dem Mann mit dem Paket passt. Kronstein sei außerdem "Angehöriger einer rechtsradikal jüdischen Organisation", schreibt Gnirs in seinem Bericht an die Staatsanwaltschaft.</P><P>Im August 1953 zieht sich das Netz zu. Doch dem Verdächtigen gelingt die Flucht. "Er wusste, was los war", vermutet Gnirs. Zunächst geht Kronstein nach Neapel, dann nach Tel Aviv. Ob er heute noch lebt, weiß der Inspektor nicht.</P><P>1996 fährt Gnirs mit seiner Frau nach Tel Aviv. Der Zollbeamte am Flughafen hat eine Namensliste. Es gibt Probleme. Strenge Verhöre. Gnirs sagt: "Hinter meinem Namen stand wahrscheinlich immer noch ein großer roter Punkt."</P><P>Bis heute ist das Adenauer-Attentat eines der größten Mysterien der deutschen Kriminalgeschichte. Die Akten waren jahrzehntelang unter Verschluss. Die Presse erhielt aus politischen Gründen kaum Informationen. Auf die Verhandlungen in Den Haag hatte die Bombe an den Bundeskanzler keinen Einfluss: Am 10. September 1952 unterzeichneten Konrad Adenauer und der israelische Ministerpräsident David Ben Gurion das Wiedergutmachungsabkommen.</P><P>Buch-Tipp: Henning Sietz, "Attentat auf Adenauer", Siedler-Verlag, 19,90 Euro.</P>

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