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Putzfrauen rangieren bei Schwarzarbeit weit oben.

Schwarzarbeit in Deutschland

Boom der Schattenwirtschaft

Berlin - In Deutschland floriert die Schwarzarbeit: Neben Bauarbeitern sind es vor allem Haushaltshilfen, die häufig am Finanzamt vorbei abrechnen. Wirtschaftsforscher fordern eine Legalisierung der Schattenwirtschaft. Sie sehen das Potenzial für hunderttausende neue Vollzeitjobs.

Der typische Schwarzarbeiter ist männlich, 18 bis 29 Jahre alt und verdient weniger als 1500 Euro im Monat. Fast ein Drittel der Schwarzarbeiter in Deutschland hat keine Berufsausbildung. Lehrlinge, Schüler und Studenten arbeiten am häufigsten schwarz, auch Hausfrauen und Rentner führen die Statistik an.

Nach aktuellen Zahlen, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Berlin vorgelegt hat, erreicht die Schwarzarbeit in Deutschland alarmierende Dimensionen: Jeder fünfte Bürger räumte in einer Umfrage freimütig ein, im letzten Jahr selbst schwarzgearbeitet zu haben - und zwar durchschnittlich 6,5 Stunden pro Woche für einen Stundenlohn von knapp 9 Euro.

Umgekehrt gab jeder Dritte zu, für Arbeiten ohne Rechnung bezahlt zu haben - im Schnitt 1000 Euro. Ein schlechtes Gewissen haben nur wenige: 80 Prozent betrachten Schwarzarbeit als Kavaliersdelikt und verweisen auf ihre private Situation und die hohe Steuerbelastung, die ihnen keine andere Wahl ließen.

Vor allem im Haushalt werde Schwarzarbeit von der Bevölkerung "weitgehend akzeptiert", sagt IW-Expertin Karen Horn. Nirgendwo blühe die Schattenwirtschaft stärker als im Hausbau und bei Dienstleistungen im Haushalt. Angefangen von der Putzhilfe über die Hausaufgaben-Betreuung und den Babysitter bis hin zu Pflegerinnen und Chauffeuren: Berechnungen des Kölner Instituts belegen, dass 4,5 Millionen deutsche Haushalte derzeit Hilfskräfte beschäftigen, die zu 95 Prozent nicht angemeldet sind. Dem Finanzamt und den Sozialkassen entgehen dadurch Monat für Monat Milliardeneinnahmen.

"Haushaltshilfen sind entweder Luxus oder pure Notwendigkeit", meint Expertin Horn und verweist auf die Zahlen: Tatsächlich sind es besonders ältere Alleinstehende (38 Prozent) und Paare ohne Kinder (28 Prozent), die sich Hilfe im Haushalt leisten - die einen, weil sie gebrechlich sind und dringend Unterstützung brauchen, die anderen, weil sie sich als kinderlose Doppelverdiener einen Putz- oder Bügelservice locker leisten können. Familien mit zwei oder drei Kindern machen nur zehn Prozent der Kundschaft aus, obwohl sie häufiger auf Hilfe angewiesen sind.

Wirtschaftsforscher wittern ein enormes Potenzial: "Wenn es gelingt, diese illegalen Jobs aus der Schmuddelecke herauszuholen und den Markt für Familien-Dienstleistungen generell anzukurbeln, dann könnten in Deutschland mehrere Hunderttausend legale Arbeitsplätze entstehen", schätzen die Fachleute. Die Rechnung ist simpel: Derzeit arbeiten in Deutschland 4,4 Millionen Haushaltshilfen am Finanzamt vorbei. Selbst wenn jede Kraft nur 5 Stunden pro Woche arbeiten würde, wären dies insgesamt mehr als 1 Milliarde Arbeitsstunden pro Jahr. Im Schnitt zahlen die Haushalte ihren Hilfen 8,83 Euro pro Stunde. Rein rechnerisch ergebe sich daraus ein Potenzial für 590 000 Vollzeitstellen mit einem Jahreseinkommen von jeweils rund 15 500 Euro, so das IW.

Um Privatpersonen den Weg aus der Schwarzarbeit zu ebnen, dringt die Wirtschaft auf eine Reihe von Reformen. Die größte Hürde sind nach wie vor die hohen Kosten: Für viele Haushalte sei es "unmöglich", aus ihrem Nettoeinkommen den Bruttolohn einer Putzfrau zu finanzieren. Institute wie das wirtschaftsnahe IW fordern niedrigere Steuern und Abgaben, um die Schwarzarbeit einzudämmen.

Holger Eichele

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