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Kugelhagel: Ein Mann repariert nach dem Krieg sein durchlöchertes Haus in Sarajevo. An vielen Hausfassaden in der Stadt sind die Einschlaglöcher noch heute zu sehen.

Armut, Flüchtlinge, Politik: Spurensuche in Sarajevo

20 Jahre nach Kriegsende: So zerrissen ist Bosnien heute

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Sarajevo - Vor 20 Jahren endete der Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina. Die Morde und Massaker prägen das Land noch heute: Die Einwohner haben die Städte wieder aufgebaut, doch ihre innere Zerrissenheit konnten sie nicht wieder flicken. Ein Besuch.

Schüsse peitschen durch die schmale, dunkle Gasse irgendwo in Herzegowina. Manchmal einzeln, doch meistens in langen, knatternden Salven. Sie treffen. Menschen straucheln, sacken in die Knie und knallen fast lautlos mit dem Kopf voraus auf das blanke Kopfsteinpflaster. Szenen wie diese hat Alija Vidimlic, 79, schon tausende Male gesehen. Als Gejagter vor über 20 Jahren in den Gassen von Mostar, heute auf einem flimmernden Monitor in seinem Büro. Acht Stunden pro Tag schaut er sich die Grausamkeiten des Krieges an. Freiwillig, immer und immer wieder. Alija Vidimlic will die Gräueltaten in seinem Land nicht vergessen, im Gegensatz zu vielen anderen.

Die einen sprechen von Bürgerkrieg, die anderen von Angriffskrieg

Der Mann mit dem schütteren weißen Haar sitzt in seinem Büro in Mostar an einem schlichten Holztisch. Um ihn herum stapeln sich Videokassetten mit Filmmaterial über den Bosnienkrieg. An drei Wänden, vier Meter hoch. Auf jedem Video klebt ein gelber Sticker. Es sind über 5000. Alija Vidimlic schreibt Fernsehstationen aus aller Welt an, er sammelt jeden Bericht, den er bekommen kann. „Damit sich die nachfolgenden Generationen ein eigenes Bild machen können“, sagt er. „Unsere Politiker erzählen verschiedene Versionen des Kriegs, ihnen darf man nicht glauben.“ Auch 20 Jahre nach Unterzeichnung des Friedensabkommens sprechen die einen von Bürgerkrieg, die anderen von Angriffskrieg. Gegenseitig schieben sie sich die Schuld an über 100 000 Toten zu.

Das Land der Gegensätze: Luxushotels stehen neben Bauruinen.

Willkommen in Bosnien-Herzegowina, willkommen im Land der inneren Zerrissenheit. Dem Staat zwischen Kroatien und Serbien mit 3,8 Millionen Einwohnern, in dem es ausschaut wie in allen Urlaubsregionen Südeuropas. Nur mit mehr grünen Wäldern und weniger Touristen. Hier stehen Fünf-Sterne-Hotels mit glitzernden Fassaden neben Ruinen, moderne Moscheen neben uralten Wohnblöcken mit unzähligen Einschusslöchern, die nie jemand verputzt hat. Der Großteil der Bevölkerung ist arm, und die Ärmsten wohnen in Häusern ohne Elektrizität und Heizung. Auch im Winter, wenn es eiskalt wird mit minus 20 Grad.

Sanila ist ein Wirtschaftsflüchtling

Sanila, 27, lebt in so einem Haus. Sie hat zumindest ein bisschen Strom, der Nachbar ist spendabel. Eine Leitung führt im Freien von seiner Steckdose zu Sanilas Küchenfenster. Sanila hat keinen Schulabschluss und keinen Job, genau wie jeder Zweite in Bosnien-Herzegowina. Dafür einen schwerkranken Mann und fünf Kinder. Sozialarbeiterin Ivana von der Hilfsorganisation „SOS Kinderdörfer weltweit“ hilft Sanila bei der Erziehung. Die Organisation, die sich aus Spenden finanziert, will so verhindern, dass die Kleinsten wegen der sozialen Not aus der Familie genommen werden müssen. Sie federn für rund 500 Kinder in 200 Familien das Gröbste ab. Der Staat zahlt Sanila insgesamt 70 Euro Kindergeld pro Monat, mehr Sozialleistungen gibt’s hier nicht. Die Perspektive: keine.

Für Sanilas Kinder (vorne) war die Flucht nach Europa ein Abenteuer.

Vor drei Jahren findet die Familie einen vermeintlichen Ausweg: Sie geben einem Schleuser ihr letztes Geld. Zu siebt zwängen sich Sanila, ihr Mann und die Kinder in den Laderaum eines weißen Vans und flüchten nach Schweden. Sieben Monate später geht’s mit dem Flieger zurück von Stockholm nach Sarajevo – abgeschoben. Die Augen der Kinder strahlen, wenn sie von der Rückreise erzählen. Sie breiten ihre Arme aus und brummen wie die Triebwerke des Fliegers. Die Heimreise der Wirtschaftsflüchtlinge war für die Eltern ein Drama und für die Kinder ein Abenteuer.

Selma Catic flieht mit Todesangst - und kehrt zurück.

Selma Catic und ihr Vater, der Videosammler Alija Vidimlic vor der Videowand.

Auch Selma Catic, die Tochter von Videosammler Alija Vidimlic, ist schon geflohen und wieder zurückgekehrt. Aber freiwillig. 1992 tobt der Krieg zwischen kroatisch-bosniakischen und serbischen Einheiten in den Straßen Mostars. Warum die Einwohner plötzlich aufeinander geschossen haben, weiß Selma Catic nicht. Während der Zeit des Sozialismus kommen die verschiedenen Ethnien gut miteinander aus, die Gebetsrufe des Muezzin und das Läuten der Kirchenglocken gehört noch heute irgendwie zusammen. In fast jeder Stadt stehen Moscheen, Kirchen und Synagogen eng beieinander. Aber als Jugoslawien Anfang der 1990er-Jahre zerfällt, wird die Multikulti-Gesellschaft zum Pulverfass. Der Krieg bricht aus. Im Oktober 1992 flieht Selma Catic, damals 19, nach England. „Es war wie ein Tierinstinkt“, sagt sie heute.

In England lernt Selma Catic Freunde kennen, bekommt einen Job. Sechs Jahre später, der Krieg ist vorbei, besucht sie die zerbombte Heimat. Eigentlich will sie nur vier Wochen bleiben. Einen Tag vor der geplanten Rückreise spricht der Direktor der örtlichen Musikschule mit ihr. „Alle Lehrer sind tot“, sagt er. „Wenn du kommst, gebe ich dir den Job.“ Selma Catic kommt. „Ich liebe mein Land, trotz allem“, sagt sie mit fester Stimme. Die Frau mit den kurzen schwarzen Haaren rückt ihre Sonnenbrille auf der Stirn zurecht. „Weil es meine Heimat ist.“ Und obwohl sie an der Bürokratie und dem korrupten System manchmal verzweifelt.

Eine richtige Verfassung hat das Land bis heute nicht

Eine eigene Verfassung hat Bosnien-Herzegowina auch heute nicht. Es gilt noch immer der Dayton-Vertrag, der den Krieg nach dreieinhalb Jahren beendete (siehe Kasten). Nicht nur Kritiker sagen, dass er das Land weiterhin spaltet. Das sagen auch die Einwohner selbst, und es ist nicht zu übersehen. Aber das scheint vielen hier egal, bei den Wahlen gewinnen doch wieder die Politiker, die den Stillstand im Land zementieren. Es ändert sich auch deshalb nichts, weil zu viele Jobs am aufgeblasenen Regierungsapparat hängen: Über 60 Prozent des Staatshaushalts gehen für das komplizierte Verwaltungssystem mit einem unüberschaubaren Geflecht aus Kantonen und Gemeinden, für Limousinen und Fahrer drauf. Irrsinn, aber kein Wähler beißt die Hand, die ihn füttert. Für Sozialleistungen bleibt kein Geld übrig.

Absurd: Es gibt drei Sprachen, die identisch sind

Die kyrillschen Schriftzeichen auf dem  Ortsschild sind übersprayt. Ein wirkungsloser Protest.

Bis heute haben sich Bosniaken, Kroaten und Serben auf keine gemeinsame Landessprache einigen können – obwohl sie alle die gleiche Sprache sprechen. Banales Beispiel: Die Warnhinweise auf Zigaretten stehen drei Mal auf der Schachtel. Einmal auf serbisch in kyrillischer Schrift. Und dann jeweils auf bosnisch und kroatisch in lateinischer Schrift. Der Witz: Diese beiden Sprachen sehen völlig identisch aus, Buchstabe für Buchstabe. Ein absurder Streit, bei dem es mehr um Stolz als um Logik geht. In den Schulen wechseln die Lehrer sogar jede Woche zwischen den Schrifttypen. Die Radikalen arbeiten sich an der Absurdität ab: Auf vielen Ortsschildern übersprayen sie die Sprache der Anderen. Ein wirkungsloser Protest.
 
An der Macht sind noch immer die damaligen Konfliktparteien, die kaum zusammenarbeiten, sondern sich gegenseitig blockieren. Es gibt drei gleichrangige Präsidenten: einen kroatischen, einen bosniakischen und einen serbischen. Auch die Schulen sind dreigeteilt. Auf der Straße spielen alle Kinder gemeinsam, aber unterrichtet werden sie getrennt. Im Fach Geschichte hören sie ganz unterschiedliche Versionen der Vergangenheit.

Die Jüngeren wollen weg, nach Europa, nach Deutschland

„Wir leben in keiner echten Demokratie, sondern in einer kollektiven Amnesie“, sagt Amir Omanovic aus Sarajevo, nationaler Leiter der „SOS-Kinderdörfer“. Seine Organisation betreibt in Gracanica und Sarajevo ein Kinderdorf. „Das Fundament und der Mut für Veränderungen fehlt.“ Die Älteren haben sich mit Korruption und Arbeitslosigkeit abgefunden. Die Jüngeren wollen von Politik erst gar nichts wissen. Sie wollen weg, nach Europa, am liebsten nach Deutschland. Sie sind die Wirtschaftsflüchtlinge vom Balkan, über die so oft und so schlecht gesprochen wird. Bis Ende August beantragten heuer 5420 Menschen in der Bundesrepublik Asyl, im Jahr 2014 waren es 8474. Fast niemand durfte bleiben.

"Refugees welcome" - aber niemand will bleiben

Trotz aller Armut: In Bosnien-Herzegowina würden sie liebend gern Flüchtlinge aufnehmen. Vor 20 Jahren sind die Menschen selbst geflohen, sie wissen, wie das ist. Jetzt wollen sie helfen. Wenn sich einmal eine syrische Familie auf ihrem langen Weg ins Land verirrt, wird sie herzlich empfangen. Die Einwohner teilen das Wenige, das sie haben. In vielen Cafés und Geschäften an den Flaniermeilen und in verwinkelten Seitenstraßen hängen weiße Zettel im Schaufenster. Darauf steht das gleiche wie auf den Schildern, die die Helfer am Münchner Hauptbahnhof in die Luft halten. „Refugees welcome“, Flüchtlinge willkommen.

In Bosnien-Herzegowina will nur keiner bleiben.

Sebastian Dorn

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