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Warum Brasilien in der Energiewende so viel weiter ist als Deutschland - und der Preis dafür enorm ist

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Von: Lisa Kuner

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Talsperre des Itaipú-Stausees
Talsperre des Itaipú-Stausees © Lisa Kuner

Während Deutschland über Windräder streitet, haben Länder wie Brasilien die Energiewende schon fast hinter sich. Aber die Kosten dafür sind hoch. 

Brasilien - Wasser, so weit das Auge reicht – der Itaipú-Stausee im Süden von Brasilien an der Grenze zu Paraguay ist riesig. Bei maximalem Stauvolumen erreicht der aufgestaute Paraná-Fluss eine Fläche von knapp 1500 Quadratkilometern und ist damit 2,5 so groß wie der Bodensee. „Itaipú“ ist aus der Sprache der Guarani Indigenen abgeleitet und bedeutet so viel wie „Der Stein, der singt“. Seit den 80ern ist Itaipú in Betrieb und bis heute produziert weltweit kein Kraftwerk mehr Energie: Die Energie, die dort gewonnen wird, deckt 75 Prozent des Strombedarfs von Paraguay und 17 Prozent des Bedarfs von Brasilien. Knapp 100.000 Gigawatt Stunden an grüner Energie sind das im Jahr.

Auch aufgrund solcher Megakraftwerke ist Brasilien Deutschland in Sachen C02-armes Energiesystem um einiges voraus: 2020 deckte das Land 83 Prozent seines Stromverbrauchs mit erneuerbaren Energien. Zum Vergleich: Deutschland feierte sich im vergangenen Jahr dafür, dass es 46 Prozent seines Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen decken konnte. Der größte Teil von Brasiliens grüner Energie kommt aus Wasserkraft – mehr als 60 Prozent werden daraus gedeckt, jeweils knapp zehn Prozent machen Windenergie und Biomasse aus, Solarenergie hingegen spielt zurzeit noch eine untergeordnete Rolle.

Die größten Wasserkraftwerke der Welt

Grüner Strom und Erdölgewinnung in Brasilien - Gleichzeitig eines der größten Erdöl-Unternehmen der Welt

„Diese Ausgangssituation führt dazu, dass Brasilien den Entwicklungsschritt der Energiewende, wie sie zurzeit in Europa diskutiert wird, überspringt“, erklärt Camilla Oliveira, Projektmanagerin Lateinamerika und Industrie beim Thinktank Agora Energiewende. „Die Energiegewinnung für Strom ist schon grün“. Aber Brasilien steht trotzdem vor verschiedenen Herausforderungen: Zum einen steigt der Energiebedarf dort stetig an, gleichzeitig betreibt Brasilien mit Petrobras aber für die Treibstoffgewinnung noch eines der größten Erdöl-Unternehmen weltweit.

All diese grüne Energie hat auch ihre Schattenseite. Besonders deutlich zeigt sich die, wenn man auf Großprojekte wie Itaipú schaut: Bis heute streiten sich Expertinnen und Experten darüber, ob das energetische Großprojekt die sozialen Folgen und Umweltschäden, die es mit sich brachte, wert ist. Für den Bau des Riesenprojekts Itaipú wurden damals 40.000 Menschen umgesiedelt, hauptsächlich Guarani Indigene. Außerdem lebten schätzungsweise 35.000 Tiere auf der jetzt überfluteten Fläche. In Deutschland, wo Windkraftanlagen wegen einzelner nistender Vögel oder Fledermäuse nicht gebaut werden, ist es heute undenkbar, dass Projekte unter solchen Bedingungen umgesetzt werden.

Großprojekt Wasserkraftwerk in Brasilien: Zwischen energetischer Sicherheit und sozialen Folgen

In der neueren Geschichte hat vor allem ein weiteres Großprojekt rund um einen Staudamm für kontroverse Diskussionen gesorgt – der Staudamm Belo Monte, der am Fluss Xingu im Bundestaat Pará auf einer zu großen Teilen von Amazonasregenwald bedeckten Fläche entstanden ist. Von 2011 an wurde dort gebaut, 2019 war das Kraftwerk dann vollständig in Betrieb. Kritiker mahnten schon seit der Planungsphase die Umweltschäden auf der einen Seite, und die sozialen Folgen auf der anderen an. Wie im Brennglas kann man die an der ehemaligen Kleinstadt Altamira sehen: Durch den Staudamm sollten auch Arbeitsplätze entstehen, weshalb Altamira innerhalb weniger Jahre von 20.000 auf knapp 150.000 Einwohner wuchs. Als Erfolg kann das allerdings kaum gewertet werden, Altamira wurde aufgrund vieler sozialer Konflikte und Verbrechen bald zur gefährlichsten Stadt des Landes. Außerdem wurde dort unter anderem ein großes Netzwerk von Frauenhändlern entdeckt und der Drogenhandel explodierte.

Rekord in der Stromerzeugung – das Wasserkraftwerk Belo Monte liefert zwar große Mengen an grüner Energie, aber es ist bis heute umstritten:

Solche Kosten möchte Brasilien in Zukunft für grüne Energie nicht mehr in Kauf nehmen. Die maximale Kapazität von Wassergroßkraftwerken in Brasilien ist erreicht, da sind sich die Expertinnen und Experten einig. Hinzu kommt, dass die Verfügbarkeit von Wasser in riesigen Wasserreservoiren aufgrund des Klimawandels auch immer weniger sicher ist – durch ausbleibenden Regens kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Engpässen in der Stromversorgung. 

Technologien der Zukunft: Brasilien steht noch vor großen Herausforderungen

Um die Energieversorgung fit für die Zukunft zu machen, liegen vor Brasilien also noch einige Herausforderungen. „Wichtig ist jetzt, dass wir beispielsweise auf die Dekarbonisierung der Industrie schauen“, sagt dazu Camilla Oliveira von Agora Energiewende. Das bedeutet, dass in Zukunft auch die Industrie ohne fossile Brennstoffe auskommen sollte. Denn anders als in der Energieversorgung, setzt Brasilien hier oftmals noch auf Erdöl: Bisher sind erst 18 Prozent der industriellen Produktion in Brasilien elektrifiziert, dieser Anteil soll in Zukunft steigen.

„Aber diese Energiewende muss anders aussehen als in Europa“, sagt Camilla Oliveira. Statt einfach Prozesse aus europäischen Ländern oder den USA zu kopieren, müsste Brasilien analysieren, was eigentlich Sinn mache und welche komparativen Vorteile das Land habe. „Beispielweise gehören unsere erneuerbaren Energien zu den günstigsten weltweit“, erklärt sie. Wachsen sollen in den kommenden Jahren die Kapazitäten in Wind- und Solarenergie. Die Gesellschaft für Entwicklungszusammenarbeit (GIZ) fördert dafür beispielsweise aktuell die Ausbildung von Fachkräften in diesem Bereich. Oliveira sieht außerdem ein großes Potential für grüne Wasserstoff-Technologien in Brasilien. „Brasilien hat eigentlich so viele Vorteile gegenüber europäischen Ländern, aber wir nutzen sie noch nicht gut genug aus“, sagt die Wissenschaftlerin. „Es gibt noch große Skepsis in Bezug auf die Vorteile der Energiewende und das Land setzt weiterhin auf Erdöl und Erdgas, anstatt Industrie und Transport konsequent auf den Ausbau der erneuerbaren Energien auszurichten.“ Allerdings habe eine Diskussionen begonnen, denn in grüne Technologien zu investieren, kann mittelfristig sowohl für wirtschaftlichen Aufschwung als auch für Arbeitsplätze sorgen.

Anschluss ans Energienetz

Aus manchen brasilianischen Perspektiven mag diese Diskussion wie reine Utopie wirken: In einigen Gegenden Brasiliens ist die aktuelle Herausforderung noch immer nicht grüne Energie, sondern erstmal überhaupt einen Zugang zu einem stabilen Stromnetz zu schaffen. Gerade in der Amazonasregion hat rund eine Million Menschen gar keinen Zugang zum Stromnetz. Sie beziehen sie darum oft aus umweltschädlichen Dieselgeneratoren. Zusätzlich gibt es in Brasilien viele Haushalte am Existenzminium, mehr Geld für grünere Energie können sie nicht bezahlen. „Die Frage der Energiewende ist darum in Brasilien noch viel mehr als in Europa eine Frage der wirtschaftlichen Entwicklung und der sozialen Gerechtigkeit“, erklärt Oliveira. „Eine erfolgreiche Energiewende muss auch dazu beitragen, die soziale Ungleichheit zu beseitigen“. (Lisa Kuner)

Lesen Sie auch: Für eine Seefahrtnation ist die Reduzierung der Transportemissionen der erste Schritt in Richtung grüner Zukunft, schreibt Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen.

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