Evangelikale Besucher des Fernseh-Gottesdienstes „Show da Fe“ im Vale do Anhangabau in Sao Paulo, Brasilien
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Evangelikale Besucher eines Fernseh-Gottesdienstes

Bolsonaro setzt auf Gläubige

„Brasilien über allem, Gott über allen“: Wie viel Einfluss haben Evangelikale in Bolsonaros Land?

  • Lisa Kuner
    vonLisa Kuner
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Rund 200 Abgeordnete in Brasiliens nationalen Parlamenten gehören evangelikalen Glaubensgemeinschaften an. Was sind ihre Ziele?

  • Die Regierung Bolsonaro regiert mit Unterstützung von evangelikalen Kirchengemeinden
  • Seit Jahren wächst ihr Einfluss in brasilianischen Medien und der Politik
  • Sie setzen sich für eine konservative Gesellschaftspolitik ein und viele von ihnen streiten die Klimakrise ab

Rio de Janeiro/Brasilien – Homosexualität und Abtreibung sind Sünde, aber Korruption bei Priestern ist in Ordnung - wenn der Pastor Silas Malafaia in seiner Kirche predigt, dann wird es schnell politisch. Seine Kirche, Assembleia de Deus (Versammlung Gottes), gehört zu den größten evangelikalen Freikirchen Brasiliens. Er selbst ist einer von Brasiliens berühmtesten Fernsehpredigern, Multi-Millionär und unterstützt ganz offen die Regierung von Jair Bolsonaro.

Was sind evangelikale Kirchen?

Evangelikale Glaubensgemeinschaften gehen auf die Erweckungsbewegungen zurück. Ein Teil der evangelikalen Gemeinden gehört zu den charismatischen Pfingstkirchen, manche Gemeinden sind sehr bibeltreu. Meist handelt es sich um Freikirchen.

„Der Einfluss von evangelikalen Gemeinden nimmt in Brasilien seit den 80ern stark zu. Inzwischen haben sie immer mehr Entscheidungsmacht in den Parlamenten“, erklärt Andra Dip. „Die katholische Kirche hingegen verliert zunehmend an Macht“. Dip ist Journalistin und hat ein Buch über die Macht von evangelikalen Gemeinden in Brasilien geschrieben. Rund 200 von insgesamt 513 Abgeordneten im brasilianischen Abgeordnetenhaus und Senat gehören evangelikalen Glaubensgemeinschaften an. Die meisten von ihnen sitzen für rechte oder rechtsextreme Parteien im Parlament. Rund 30 Prozent der Brasilianer bezeichnen sich selbst als evangelikal.

Die evangelikalen Gemeinden in Brasilien sind sehr unterschiedlich. Am bekanntesten und einflussreichsten sind die beiden Mega-Kirchen Assembleia de Deus und Igreja Universal do Reino de Deus (Universal Kirche des Gottesreichs). Letzterer gehört auch Brasiliens zweitgrößte Mediengruppe Record mit verschiedenen Fernsehsendern und Zeitungen.

Wahlkampf mit Gott

Präsident Jair Bolsonaro setzt seit dem Wahlkampf auf die Unterstützung der fundamentalen Christen. Mit dem Slogan „Brasilien über allem, Gott über allen“ (Brasil acima de todo, Deus acima de todos) war er angetreten und nach seiner Wahl verteilte er auch wichtige Ministerposten an einige Evangelikale. Für besonders viel Aufmerksamkeit sorgte die Familienministerin Damares Alves, die unter anderem ankündigte, jetzt breche wieder eine Zeit an, in der Jungs Blau und Mädchen Rosa trügen.

Politisch fallen die evangelikalen Abgeordneten meist durch eine konservative gesellschaftspolitische Agenda auf. Dazu gehört die Kriminalisierung von Abtreibungen, die Forderung, die Ehe für alle wieder abzuschaffen oder Hetze gegen die „Genderideologie“. „Außerdem setzen sie sich immer wieder dafür ein, dass Kirchen ihre aktuellen Privilegien behalten“, erklärt Andrea Dip. Kirchen müssen in Brasilien beispielsweise trotz oft hoher Einnahmen keine Steuern zahlen. Aktuell beteiligen sich auch viele evangelikale Abgeordnete an Anti-Impf-Kampagnen oder leugnen den Klimawandel.

Brasilien: Kirche statt Sozialstaat - und die „Theologie des Wohlstands“

Dass die evangelikalen Gemeinden in Brasilien so viel Zuspruch bekommen, hat unterschiedliche Gründe. In vielen Favela übernehmen sie Aufgaben, die der brasilianische Sozialstaat nicht erledigt: „Sie haben klimatisierte Räume, es gibt ein Fußballteam für Kinder und man ist Teil einer Gemeinschaft“, erklärt Dip. Aber arme Menschen sind nicht die einzigen, die sich von Evangelikalen gut vertreten fühlen. Sie erhalten auch viel Unterstützung von Mittel- und Oberschicht. Grund dafür ist laut Dip unter anderem die sogenannte „Theologie des Wohlstands“ nach der es Gläubigen auch finanziell besonders gut gehe.

Dip beobachtet die wachsende Macht der Evangelikalen mit zunehmender Sorge. Bolsonaro hatte zuletzt angekündigt, einen Evangelikalen zum Vorsitzenden von Brasiliens oberstem Gerichtshof zu machen. „Das wäre fatal“, sagt die Journalistin. Ein evangelikaler Richter in dieser Position könnte dafür sorgen, dass viele Gerichtsentscheidungen in Brasilien in Zukunft deutlich konservativer ausfallen.

von Lisa Kuner

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