Vernichtende Kritik am Präsidenten

Der „gefährlichste Ort der Welt“: Gesundheitssystem in Brasilien bricht unter Bolsonaro vielerorts zusammen

  • Anna-Katharina Ahnefeld
    vonAnna-Katharina Ahnefeld
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Brasilien ist derzeit das globale Epizentrum der Corona-Krise. Eine neue Mutante breitet sich aus. Viele sehen Jair Bolsonaro in der Verantwortung.

Brasília - Am vergangenen Dienstag registrierte Brasilien erstmals über 100.000 Corona-Neuinfektionen innerhalb eines Tages. Am Mittwoch überschritt das lateinamerikanische Land die Schwelle von 300.000 Corona-Toten. Am Freitag erzielte Brasilien einen weiteren Tageshöchstwert: 3650 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19. Die Lage ist den von der Deutschen Presse-Agentur angegeben Zahlen zufolge dramatisch. An vielen Orten ist das Gesundheitssystem bereits zusammengebrochen oder am äußersten Limit. Hinzu kommt die besorgniserregende brasilianische Mutante P.1, die sich ausbreitet. Das Land ist aktuell das globale Epizentrum der Corona-Krise. Schwere Vorwürfe werden seit Langem immer lauter. Sie richten sich gegen Brasiliens rechtspopulistischen Regierungschef Jair Bolsonaro.

In einer viel beachteten Studie des australischen Lowy Institutes verglichen Forschende das Corona-Management von 98 Ländern. Auf Platz 98 landete Brasilien. Die katastrophalen Zustände im Land führen Beoabachter:innen unter anderem auf den Umgang des Präsidenten mit dem Coronavirus zurück. Gleich zu Beginn hatte der das Virus verharmlost, Warnende beschimpft, wenig zur Eindämmung unternommen, über Impfungen gespottet und Covid-19 als „kleine Grippe“ bezeichnet - die Pandemie geriet außer Kontrolle. „Wenn er ein bisschen Größe hätte, dann hätte er sich bei den Familien der 300.000 Covid-Toten und Millionen Infizierten entschuldigt. Er ist dafür verantwortlich“, sagte der ehemalige Präsident Brasiliens, Inácio Lula da Silva, kürzlich gegenüber dem Spiegel.

Corona-Krise in Brasilien: Meisten Todesfälle nach den USA im Zusammenhang mit Covid-19

Die bislang meisten Todesfälle im Verlauf der Corona-Pandemie verzeichnen die USA. Doch im Gegensatz zu Brasilien schreiten die Vereinigten Staaten in der Bekämpfung der Pandemie und der Impfung ihrer Bevölkerung voran. Zu Beginn seiner Präsidentschaft versprach Joe Biden seinen Landsleuten 100 Millionen Impfungen in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit. Das Ziel war bereits bei der Hälfte der Tage erreicht, Biden verdoppelte daraufhin die anvisierte Zahl der Dosen. Ganz anders die Situation in Brasilien. „Nach Ansicht der Forschenden, die dies (die Analyse) durchführen, ist dies der größte Zusammenbruch des Gesundheitssystems in der Geschichte Brasiliens“, schreibt Fiocruz, ein brasilianisches Institut für öffentliche Gesundheit.

Doch nicht nur Brasilien steht damit vor einer ernsten Situation. Weltweit spielt das Land in zwei der aktuell größten Krisen der Menschheit eine entscheidende Rolle: In der Klima-Krise und in der Pandemie. Denn die Sorge ist groß, was passiert, wenn sich die brasilianische Mutante ausbreitet. „Brasilien entwickelt sich zur Gefahr für weltweite Corona-Bekämpfung. Wegen hoher Infektionszahlen mit P1 Variante kann P1 sich weiter verändern und eine komplette Escape Variante gegen alle bisherigen Impfstoffe entstehen. In Laborstudien gab es das schon“, twitterte dazu der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach.

Jair Bolsonaro: Sein wissenschaftsfeindlicher Ansatz in der Corona-Pandemie sorgte für Entsetzen

Der bekannte Neurowissenschaftler Dr. Miguel Nicolelis von der Duke University in North Carolina fasste die Lage gegenüber der Huffington Post folgendermaßen zusammen: „Dies ist derzeit wahrscheinlich der gefährlichste Ort der Welt.“ Am Dienstag, eben jenem Tag, an dem Brasilien erstmals über 100.000 Neu-Infektionen vermeldete, richtete sich Jair Bolsonaro an die Bevölkerung. Wie der britische Guardian berichtet, habe der Machthaber sein Corona-Management verteidigt und behauptet, die Menschen würden bald wieder ein „normales Leben“ führen können. Weiter erklärte er seine Ablehnung eines Lockdowns mit der Sorge um Arbeitsplätze und vor „wirtschaftlichem Chaos“. In mehreren großen Städten brachen daraufhin Proteste aus, Menschen riefen „Lügner“ und „Mörder“. Ein Querschnitt dessen, was die Menschen aktuell umtreibt.

Direkt zu Beginn der Corona-Krise sorgte Bolsonaro durch seinen wissenschaftsfeindlichen Ansatz im Umgang der Pandemie für Aufsehen. Viele befürchteten, der Präsident würde die Bekämpfung des Virus nicht auf Platz eins setzten und nicht genug für die Impfstoff-Versorgung der Bevölkerung tun. „Was ich vor mir sehe, ist ein Land, das dem Leben seiner Bürger keinen Wert beimisst“, zitiert die Zeitung den Wissenschaftler und Rundfunksprecher Átila Iamarino. Brasilien geht an vielen Orten des Landes mit dem Kollaps zahlreicher Krankenhäuser buchstäblich der Sauerstoff aus.(aka)




Rubriklistenbild: © Eraldo Peres

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