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Warum noch immer Menschen wie Sklaven arbeiten - nicht nur in Brasilien

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Von: Lisa Kuner

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Ein „Ziegelfeld“ in Bangladesch. Auch in dem südasiatischen Land ist moderne Sklaverei ein Problem.
Ein „Ziegelfeld“ in Bangladesch. Auch in dem südasiatischen Land ist moderne Sklaverei ein Problem. © Joy Saha/www.imago-images.de

„Moderne Sklaverei“ ist kein rein fiktionales Problem aus Netflix-Filmen. Das Phänomen ist bittere Realität - auch, aber nicht nur, in Brasilien.

São Paulo – Zunächst sah für den 18-jährigen Mateus alles nach einer tollen Chance aus. Nach der Chance, Geld für sein ersehntes Studium zu verdienen. Zusammen mit anderen jungen Männern zieht er in die Millionenmetropole São Paulo. Doch schnell wird ihm klar: Irgendetwas stimmt nicht. Der Chef behält die Personalausweise der Gruppe ein, einen Arbeitsvertrag sehen die Männer nie.

Dann behauptet der Chef noch, die Gruppe habe hohe Schulden für Fahrt und Unterbringung bei ihm. Die Männer versuchen sich zwar zu wehren. Doch schnell wird ihnen klar, dass sie der Willkür vollkommen ausgeliefert sind. Die Geschichte von Mateus ist seit November im Netflix-Drama „7 Gefangene“ zu sehen. Der Film ist zwar Fiktion. Das Problem moderner Sklaverei und ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse in Brasilien* dagegen ist real.

Brasilien: Schockierende Fälle moderner Sklaverei

Seit 1888 ist Sklaverei in Brasilien illegal. Das bedeutet aber nicht, dass Zwangsarbeit nicht mehr stattfindet: Erst vergangenen Oktober wurden 16 paraguayische Staatsbürger im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul aus einer geheimen Zigarrenfabrik gerettet. Sie wurden dort in einer Art Bunker festgehalten und sollen teilweise mehrere Monate kein Tageslicht gesehen haben. Und das ist kein Einzelfall. In den vergangen 25 Jahren wurden 55.000 Menschen in Brasilien aus Arbeitsverhältnissen gerettet, die an Sklaverei erinnerten. Die meisten von ihnen in ländlichen und abgelegen Gebieten.

Ihre Situation ist dabei sehr unterschiedlich: 2020 etwa wurden 39 Menschen aus einem sklavenähnlichen Verhältnis in einer illegalen Goldmine gerettet. Einer der größten Vorfälle ereignete sich vor knapp fünf Jahren: Im Jahr 2017 hatte der Fall von 111 Arbeitern Aufsehen erregt. Sie waren beim Ausbau des internationalen Flughafens Guarulhos, São Paulo, eingesetzt worden .

Ausbeutung und sklavereiähnliche Zustände: Haushaltsangestellte besonders gefährdet

Während solche Fälle und die spektakulären Rettungsaktionen viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, ist aber auch eine andere Gruppe von Arbeiterinnen und Arbeitern besonders gefährdet: Haushaltsangestellte. Ihre Tätigkeiten sind besonders schwer von öffentlicher Seite zu überwachen. Und dass sie ohne geregelten Arbeitsvertrag im Einsatz sind, ist in Brasilien keine Seltenheit.

Auch dafür gibt es im Land erschreckende Beispiele: Madalena Gordiano wurde als Achtjährige von einer Familie im Bundesstaat Minas Gerais beim Betteln gefangen genommen. Sie arbeite dann für knapp 40 Jahre für die Familie, die sie als ihr Eigentum betrachtete: Ohne Lohn, ohne Bildung. Ein Nachbar zeigte ihre Peiniger schließlich an. Als die 46-jährige aus dem Haus eines Universitätsprofessors befreit wurde, konnte sie kaum sprechen.

Frauen weltweit besonders oft betroffen

Fast überall ist Sklaverei heute illegal. Trotzdem ist die Anzahl der Menschen in Zwangsarbeit erschreckend. Weltweit sind ungefähr 40 Millionen Menschen Opfer von moderner Sklaverei. Zu diesem Schluss kommen Untersuchungen der Internationalen Arbeitsorganisation. Allein in Brasilien sollen rund 400.000 Menschen unter Bedingungen moderner Sklaverei arbeiten.

Tendenziell sind Frauen häufiger Opfer von moderner Sklaverei. Rund 71 Prozent aller Menschen, die weltweit in Zwangsarbeit leben, sind weiblich. Während Männer besonders häufig für schwere, körperliche Arbeit versklavt werden, werden Frauen oft zu Sexarbeit gezwungen oder als Hausangestellte ausgebeutet. Als besonders risikoreich wird die Situation von Kindern eingeschätzt. Weltweit soll rund jede vierte Person, die in Sklaverei lebt, minderjährig sein.

UN wollen Sklaverei abschaffen

Eigentlich gehört es zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen Kinderarbeit in all ihren Formen bis 2025 und Sklaverei bis 2030 zu beenden. Im Moment sieht es aber nicht aus, als werde das gelingen. Zu moderner Sklaverei zählen Zwangsarbeit und Arbeitsverhältnisse, in denen Menschen bedroht werden, aber auch solche in denen sie körperlich oder psychisch genötigt oder missbraucht werden.

Eine weitere Form von moderner Sklaverei ist Menschenhandel. Anders als man vermuten könnte, bedeutet Menschenhandel nicht automatisch, dass Menschen in andere Länder verschleppt werden. Im Gegenteil: Die meisten Fälle von Menschenhandel finden innerhalb von einzelnen Staaten statt, oft verlassen die Betroffenen dabei nicht mal ihre Region.

Moderne Sklaverei in Lateinamerika

In afrikanischen oder asiatischen Staaten leben besonders viele Menschen in als Sklaverei eingestuften Arbeitsverhältnissen. Aber auch in Lateinamerika ist moderne Sklaverei ein fortdauerndes Problem. Viele Länder stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie in Brasilien. Laut der Nichtregierungsorganisation Global Human Rights Defense ist beispielsweise Kolumbien ein Land*, in dem immer wieder Frauen zu Sexarbeit gezwungen werden. Gerade die bewaffneten Konflikte in der Region hätten dazu geführt, dass Menschen in Kolumbien einem besonders hohen Risiko ausgesetzt sind, Opfer von Sklaverei zu werden.

Gemeinsam haben die Opfer von Sklaverei meist, dass sie aus armen Verhältnissen kommen und über ein niedriges Bildungsniveau verfügen. Auch Migranten, wie zum Beispiel Menschen aus Mexiko auf dem Weg in die USA oder Geflüchtete aus Venezuela, werden oft Opfer moderner Sklaverei. Die steigenden Armutslevel in der Corona-Pandemie könnten die Gefahr für diese Personengruppen nun noch erhöhen.

Brasilien: „Dreckige Liste“ als Maßnahme gegen Sklaverei

Weltweit gibt es verschiedene Ansätze im Kampf gegen moderne Sklaverei. Die Nichtregierungsorganisation Global Slavery Index fordert beispielsweise, dass Unternehmen und Staaten ihre Lieferketten besser kontrollieren, damit sie keine mithilfe moderner Sklaverei hergestellten Produkte importieren oder verkaufen.

Auch in Lateinamerika ist moderne Sklaverei illegal: Schon seit 2004 gibt es beispielsweise in Brasilien eine „dreckige Liste“, die eigentlich ein wirkungsvolles Instrument gegen die Missstände im Land dienen und für mehr Transparenz sorgen soll. Auf der alle sechs Monate veröffentlichten Liste werden Unternehmen gelistet, die mit an Sklaverei grenzenden Arbeitsbedingungen aufgefallen sind.

Moderne Sklaverei: Etwas Hoffnung gibt es

Die meisten betroffenen Unternehmen kommen aus dem landwirtschaftlichen Sektor: Betreiber von Kakaoplantagen, Unternehmen in der Holzwirtschaft oder eben Tabakfelder. Viele von ihnen liefern Produkte an große multinationale Konzerne.

Immer wieder wird diese „dreckige Liste“ aber als relativ wirkungslos kritisiert: Unternehmen legen regelmäßig mit Erfolg juristische Mittel gegen ihre Nennung ein. Seit 2019 ist nicht mehr das brasilianische Arbeitsministerium, sondern das Wirtschaftsministerium für die Überwachung zuständig. Das habe die Effizienz der Maßnahme noch weiter reduziert, argwöhnen brasilianische Medien.

Trotzdem gibt es Grund zur Hoffnung: Über die vergangenen Jahrzehnte sind die bekannten Fälle von moderner Sklaverei weltweit deutlich zurückgegangen - und immer mehr Länder versuchen effizient Zwangsarbeit zu bekämpfen.

Liste: Ranking Moderne Sklaverei

In diesen Ländern gab es 2016 die höchste absolute Zahl an Menschen in Zwangsarbeit oder moderner Sklaverei:

Lisa Kuner *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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