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Brasilien-Wahl: Lula wirkt müde und erschöpft – auch viele Bolsonaro-Fans unzufrieden

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Von: Lisa Kuner

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Der Wahlkampf in Brasilien ist extrem polarisiert - nun geht es in die Stichwahl zwischen Ex-Präsident Lula und Amtsinhaber Bolsonaro.

Rio de Janeiro – Am frühen Sonntagnachmittag war die Stimmung noch ausgelassen am Praça São Salvador in Rio de Janeiro. In Brasilien fanden Präsidentschaftswahlen statt und hunderte Anhänger und Fans des Herausforderer Luiz Inácio Lula da Silva hatten sich am Wahlnachmittag an dem zentralen Platz versammelt, um den möglichen Wahlsieg der Arbeiterpartei (Partido Trabalhador, PT) zu feiern. Als Favorit gilt neben Lula der amtierende Präsident Jair Bolsonaro. Nachdem um 17 Uhr Ortszeit die Wahllokale geschlossen hatten und die Auszählung der Stimmen begann, ließ die ausgelassene Stimmung schnell nach.

Schnell wurde klar, dass Bolsonaro deutlich mehr besser abschneiden würde als von allen Umfragen vorhergesagt. Die Umfragen hatten den linken Sozialdemokraten Lula zuletzt bei rund 50 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang gesehen und den rechtextremen Amtsinhaber Bolsanaro bei deutlich unter 40. Viele Menschen, die am Sonntag zum Praça São Salvador gekommen sind, hatten darum gehofft, dass Lula die Wahl bereits im ersten Wahlgang für sich entscheidet.

Präsidentenwahl in Brasilien: Sowohl Lula als auch Bolsonaro polarisieren extrem

Kurz nach 21 Uhr sind mehr als 90 Prozent der Stimmen ausgezählt – und es ist klar, dass es nicht für einen Wahlsieg im ersten Wahlgang gereicht hat. Nach Auszählung von 99 Prozent der Stimmen hatten 48,4 Prozent der Brasilianer für Lula gestimmt und 43,2 Prozent für Bolsonaro. Die Kandidaten Simone Tebet und Ciro Gomes landeten mit rund vier und rund drei Prozent weilt abgeschlagen hinter den beiden Favoriten. Außer dem künftigen Präsidenten wurden in Brasilien auch Abgeordnete, Senatoren und Gouverneure gewählt.

Da keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit mit mehr als 50 Prozent der Stimmen erreicht hat, findet nun in vier Wochen am 30. Oktober die Stichwahl zwischen Bolsonaro und Lula statt. Beide Kandidaten polarisieren extrem. Der ehemalige Gewerkschafter Lula war bereits von 2003 bis 2010 Präsident von Brasilien. Sollte er die Stichwahl gewinnen, ist er der erste demokratisch gewählte Präsident in Brasilien, der in eine dritte Amtszeit geht. Bolsonaro regiert Brasilien seit 2018, er machte vor allem mit hohem Abholzungsraten und seinem defizitären Pandemie-Management Schlagzeilen.

Brasilien-Wahl 2022: Ein Mann in Rio de Janeiro wirft auf der Straße Wahlwerbung in die Luft
Wahltag in Brasilien: Ein Mann in Rio de Janeiro inmitten von Wahlwerbung © Carl de Souza/AFP

Stichwahl in Brasilien: Stimmung bei den Unterstützern von Lula gedrückt

Die Unterstützer von Lula sind am Wahlabend ernüchtert: Lula konnte die Wahl zwar für sich entscheiden, das Ergebnis ist aber viel knapper als beispielsweise von den Besuchern des Praça São Salvador erhofft. „Ich hatte gehofft, dass Lula im ersten Wahlgang gewinnt und dieser Albtraum aufhört. Die Stichwahl ist immer schwieriger und angespannter“, sagt Juliana Magalhães Nogueira im Gespräch mit Ippen.Media. Sie wollte eigentlich heute Abend Lulas Sieg feiern, jetzt ist sie enttäuscht, dass ihr Kandidat nur so wenige Prozentpunkte vor Bolsonaro liegt.

Sie sieht aber auch Positives: „Ich war überrascht, wie friedlich die Wahl heute ablief. Ich hatte gedacht, dass es mehr Konflikte gibt“, sagt sie. Die meisten Wahlbeobachter teilen ihre Einschätzung und beschreiben den Verlauf der Wahl als friedlich, befürchtete Unruhen blieben aus. Alexandre de Moraes, Präsident der brasilianischen Wahlkommission, sagte der ruhige Ablauf drücke die „demokratische Reife“ der brasilianischen Bevölkerung aus. Genaue Zahlen zur Wahlbeteiligung liegen noch nicht vor, aber lange Schlangen mit teilweise mehreren Stunden Wartezeit in den Wahllokalen, deuten auf darauf hin, dass in diesem Jahr besonders viele Brasilianer von ihrem Recht zu wählen, Gebrauch machten.

Nelson Oliveira Santana hat für Lula gestimmt und wollte eigentlich in Rio de Janeiro dessen Sieg feiern – daraus wurde nichts. „Ich bin sehr traurig, dass dieses Monster, das Brasilien in den vergangen vier Jahren regiert hat, in die Stichwahl kommt. Wir müssen uns jetzt alle zusammenschließen damit Lula gewinnt und wir diesen Faschisten aus dem Amt heben“, erklärt er im Gespräch mit Ippen.

Brasilien-Wahl: Lula wirkt erschöpft - „Morgen sind wir schon wieder auf den Straßen“

Nicht nur seine Anhänger, sondern auch Lula selbst ist enttäuscht. Der Präsidentschaftskandidat war am späten Abend in São Paulo vor die Presse getreten. Dabei wirkte der 76-Jährige angespannt und müde. „Ich habe zwar gestern gesagt, dass ich jede Wahl im ersten Wahlgang gewinnen möchte, aber das ist eben nicht immer möglich“, sagte er. Dennoch gibt er sich kämpferisch: „Morgen sind wir schon wieder auf den Straßen, um die Wahl zu gewinnen“.

Obwohl Bolsonaro deutlich besser abgeschnitten hat, als die Umfragen erwarten ließen, scheint auch seinen Unterstützern nicht so richtig zum Feiern zumute zu sein. Das mag auch daran liegen, dass viele von ihnen den Umfragen sowieso nicht trauten und von einem Wahlsieg Bolsonaros im ersten Wahlgang überzeugt waren. Bolsonaro selbst bezeichnete die Umfragen am Wahlabend als „Lügen“.

Brasilien wählt: Auch viele Bolsonaro-Anhänger unzufrieden - Zerreißprobe für das Land

Auch Regiane Felix würde dem wohl zustimmen. „Ich glaube, dass das ganze Wahlbetrug war. Alles, was von der Arbeiterpartei kommt, ist Betrug“, sagt sie im Stadtteil Copacabana im Gespräch mit Ippen zum Wahlergebnis. „In den nächsten Wochen arbeiten wir daran, die echte Politik von Bolsonaro zu zeigen. Die Demokratie ist auf unserer Seite, nicht auf der Seite der dreckigen und korrupten Arbeiterpartei“. In den vergangenen Wochen hatte Bolsonaro immer wieder Zweifel am brasilianischen Wahlsystem gestreut und einen möglichen Wahlbetrug in den Raum gestellt. Beweise gab es dafür keine, trotzdem glaubten ihm viele seiner Anhänger.

Max Baier hat im ersten Wahlgang ebenfalls für Bolsonaro gestimmt. Er ist zufrieden mit dem Wahlergebnis und glaubt nicht an Wahlbetrug. „Der größte Teil der Brasilianer will eine extrem rechte Regierung“, erklärt er. „Unsere Angst ist, wie Venezuela, Kuba oder Argentinien zu enden. Außerdem hat die Bevölkerung die Nase voll von der ganzen Korruption. Wir kämpfen auch gegen den Sozialismus. Ich hoffe, dass Brasilien Lateinamerikas einzige rechte Demokratie bleibt“.

In den kommenden Wochen wird nun der extrem polarisierte Wahlkampf in Brasilien weiter gehen bevor sich dann Ende des Monats entscheidet, wer in den kommenden vier Jahren regiert – eine Zerreißprobe für die Demokratie des Landes.

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