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Im Hafen von Plymouth: Magdalena Wutte mit ihrem Mann Francesco und ihren beiden Kindern in der neuen Heimat.

Situation extrem belastend

Vor Brexit-Abstimmung – so zittern die Bayern in England

Großbritannien steht heute vor einer richtungsweisenden Brexit-Abstimmung im Unterhaus. Auch für viele Bayern, die in Großbritannien leben, ist die Situation extrem belastend. Seit dem Referendum 2016 hat sich ihr Leben grundlegendgeändert.

München/Plymouth – Magdalena Wutte, 37, wollte weg, in ein anderes Land in Europa, am besten zurück nach Deutschland. „Das Referendum hat mich schon in eine Krise gestürzt“, beschreibt die gebürtige Münchnerin die Zeit nach dem 23. Juni 2016, an dem sich die Mehrheit der Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union aussprach.

Erst ein Jahr zuvor war die Neurowissenschaftlerin mit ihrem Mann Francesco und dem damals vier Monate alten Sohn Max nach Plymouth im Südwesten Englands gekommen – mit Zukunftsplänen, Euphorie und einem Traumjob in der Tasche. Ihr Mann, ein Italiener, arbeitet am Plymouth Marine Laboratory als Ozeanograf. „Im Wissenschaftsbetrieb ist es nicht einfach, einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen“, sagt sie.

Schnell fühlte sich die Familie wohl in der 300 000-Einwohner-Stadt mit dem historischen Hafen, von dem aus schon im 17. Jahrhundert Seefahrer die Segel Richtung Neue Welt setzten. Umso schockierender war es für Magdalena Wutte, zu erkennen, dass es mit der Weltoffenheit in Plymouth wohl nicht mehr allzu weit her ist. 59,9 Prozent der Einwohner stimmten für den Brexit. „Man fühlt sich plötzlich fremd“, sagt sie. Offenen Rassismus erlebte sie zwar nie. „Die Frage, wie lange man eigentlich bleiben wolle, schwingt aber öfters zwischen den Zeilen mit.“

„Der Brexit ist für mich wie ein Schlag in die Magengrube“

Das Gefühl, unerwünscht zu sein, es traf Roland Brunner, 48, aus heiterem Himmel. Der gebürtige Ingolstädter lebt seit über 20 Jahren in London. „Der Brexit ist für mich wie ein Schlag in die Magengrube.“ In den ersten Wochen nach dem Referendum habe er keine Nacht mehr durchgeschlafen: „Ich hatte wirklich Angst, was mit dem Land und mit meinem Leben passiert.“

Geschehen ist seit 2016 viel: Das Brexit-Votum hat Großbritannien in ein beispielloses Politik-Chaos gestürzt. Ukip, die rechtspopulistische Partei, die den Brexit propagierte, hat sich inzwischen in die eigene Unbedeutsamkeit gestritten. Theresa May, die einst gegen den Brexit war und als Nachfolgerin von Premier David Cameron den Austritt dann doch vorangetrieben hat, kämpfte mit der EU um einen guten Deal für die Insel. Heute soll das Unterhaus über den Brexit-Vertrag abstimmen. Der Ausgang ist völlig offen, selbst eine Trennung ohne Abkommen ist denkbar.

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Was das bedeutet, möchte sich Brunner gar nicht erst ausmalen. Er hat schon Vorkehrungen getroffen. Denn für ihn steht fest: „Ich möchte nirgends anders als in London leben.“ Der selbstständige Unternehmensberater hat mittlerweile die doppelte Staatsbürgerschaft, um nicht ausgesperrt zu werden – und musste erkennen: „Leicht wird es Ausländern nicht gemacht.“ Dabei fühlt er sich ziemlich britisch – er ist der anglikanischen Kirche beigetreten, war lange Special Constable, also freiwilliger Hilfspolizist, zahlt seit 20 Jahren Steuern.

Für die Einbürgerung musste er einen Sprachtest machen. „Mein Englisch war besser als das der Lehrerin“, scherzt er. Sieben Minuten dauerte die Prüfung, Preis 150 Pfund. 1236 Pfund beträgt die Gebühr für den britischen Pass, hinzu kommen die Kosten für den Sprach- und den „Life in the UK“-Test, bei dem es um Wissen über Geschichte, Politik, Werte und Traditionen geht. „Ich lebe schon lange hier, bin geschichtlich und politisch interessiert“, sagt Brunner. Für schlechter ausgebildete Ausländer stelle der Test aber eine große Herausforderung dar.

„Da fühle ich mich nicht willkommen“

Wann immer Brunner mit seinen britischen Bekannten – darunter auch „Leavers“, also Brexit-Befürwortern – über den Brexit spricht, sagen die: „Wir haben ja nicht dich gemeint.“ Doch das hält er für blauäugig. „Sie haben mich genauso rausgewählt wie jeden Osteuropäer.“ Für Polen oder Rumänen sei das Leben seit 2016 richtig ungemütlich geworden: „Die erleben echte Anfeindungen.“ Auch er hält sich nicht mehr gern außerhalb des Großraums London auf. „Da fühle ich mich nicht willkommen.“

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Für Ausflüge in die englische Provinz, wo die meisten Brexiteers sind, hat er ohnehin kaum Zeit. Wegen seines Jobs fliegt Brunner wöchentlich auf das europäische Festland. Die Vielfliegerei könnte sich durch den Brexit verkomplizieren, fürchtet der Berater. Bei einem chaotischen Austritt prognostizieren manche Experten Verzögerungen bei den Grenz- und Zollkontrollen. Brunner überlegt, im Notfall seinen Geschäftssitz nach Deutschland zu verlegen – wohnen bleiben will er aber auf jeden Fall in London.

Fühlt sich ziemlich britisch: Der gebürtige Ingolstädter Roland Brunner war lange freiwilliger Hilfspolizist.

Auch Magdalena Wutte hat sich längst fürs Bleiben entschieden. Obwohl sie in den vergangenen zwei Jahren viele Bekannte gehen hat sehen. Darunter auch zwei deutsch-englische Paare, die nach Deutschland gezogen sind. „Für uns kam das nicht infrage“, sagt sie. Sie hat mit ihrem Mann ein Reihenhaus gekauft. „Es wieder zu verkaufen, wäre ein Verlustgeschäft“, sagt sie im Hinblick auf das Pfund, das stark an Wert verloren hat. Wutte hat einen guten Job in einer Software-Firma gefunden. Vor fünf Monaten kam ihre Tochter Lucille zur Welt, ihr Sohn spricht inzwischen besser Englisch als Deutsch.

Das Leben mit dem drohenden Brexit ist für die Familie zur Gewohnheit geworden. „Die Angst ist einer latenten Unsicherheit gewichen“, sagt sie. Sorge macht sie sich um ihre Kinder. „Die kennen nichts anderes als England. Es wäre schlimm, wenn sie sich ausgegrenzt fühlen würden.“

Inzwischen sieht sie die Situation mit Sarkasmus. „Vielleicht habe ich mir auch schon englischen Humor angeeignet“, sagt sie. Denn sie wünscht sich fast einen chaotischen Austritt ohne Abkommen mit der EU. „Dann könnte es so schlimm für Großbritannien werden, dass das Land in zwei Jahren gezwungenermaßen in die EU zurückkehren muss.“

Brunner hofft indes auf ein zweites Referendum. „Ich glaube, es würde 60 zu 40 Prozent ausgehen – aber dieses Mal gegen den Brexit.“

Aglaja Adam

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