Galgenfrist für Großbritannien

Brexit und die Finanzmärkte: Was Börse und Wirtschaft erwarten

Am 31. Januar verlässt Großbritannien die EU - mit Abkommen. Das beruhigt auch Wirtschaft und Finanzmärkte. Doch die turbulenten Zeiten stehen erst noch bevor.

  • Am 31. Januar verlässt Großbritannien offiziell die EU - mit Abkommen.
  • Damit sind die schlimmsten Befürchtungen vor einem harten Brexit abgewendet.
  • Auch an den Finanzmärkten ist vor dem Brexit mehr Sicherheit eingekehrt.

London - Boris Johnson hat geschafft, woran Theresa May wieder und wieder gescheitert ist: Einen Deal für den geregelten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union auszuhandeln. Bereits im Dezember hatte das Unterhaus dem Abkommen zugestimmt, nun zog auch das Oberhaus nach.

Großbritannien wird zum Brexit-Termin am 31. Januar die Europäische Union verlassen. Damit geht ein jahrelanges Ringen zu Ende, das mit dem Referendum 2016 begonnen hatte und sowohl Theresa May - die keine Einigung erzielen konnte - als auch ihren Vorgänger David Cameron den Job kostete.

Finanzmärkte: Brexit hat die Briten bereits Milliarden gekostet

Die Folgen des Brexit sind damit allerdings noch längst nicht überstanden. Zwar bleibt Briten und EU-Bürgern das Chaos eines ungeregelten Austritts erspart, trotzdem sind die Prognosen für alle Beteiligten und insbesondere das Vereinigte Königreich alles andere als rosig, wenn es um Wirtschaft und Finanzmärkte geht. Bereits jetzt hat der Brexit das Land laut Bloomberg 170 Milliarden US-Dollar (rund 154 Milliarden Euro) gekostet. 

Die Finanznachrichtenagentur mit Sitz in New York hat dafür das Wirtschaftswachstum der sieben größten Industrienationen (G7) miteinander verglichen. Während alle anderen Staaten in den vergangenen Jahren hohe Wachstumsraten verzeichneten, stagnierte die britische Wirtschaft gegenüber der Zeit vor dem Referendum.

Am Ende ist es Boris Johnson, der als Premierminister das Vereinigte Königreich aus der EU führt.

Kurse an Londoner Börse nach Brexit-Referendum im Sinkflug

Das liegt vor allem am Einbruch der britischen Währung Pfund Sterling. Unmittelbar nach der Bekanntgabe des Referendums rutschte der Kurs zeitweilig um 25 Prozent in den Keller. Die Bank of England hatte mehrmals die Zinsen gesenkt, um an den Finanzmärkten Impulse für die Konjunktur zu setzen. Niedrige Zinsen sollen Unternehmen bewegen, sich Geld für Investitionen zu leihen, was wiederum die Wirtschaft ankurbelt.

Auch der Kurs des wichtigsten britischen Leitindex FTSE 100 (bestehend aus den 100 umsatzstärksten Unternehmen an der Londoner Börse) stürzte nach der Hiobsbotschaft erstmal ins Bodenlose. Im Laufe der Jahre und dem ewigen Hin und Her in den Verhandlungen stabilisierte sich der Kurs aber wieder und legte insgesamt sogar um 25 Prozent zu. Das ist zwar deutlich weniger als bei vergleichbaren Aktienindizes, von Untergangsstimmung an den Finanzmärkten kann aber unmittelbar vor dem Brexit keine Rede mehr sein.

Internationale Finanzmärkte trotz Brexit auf Rekordkurs

Auch die anderen großen Finanzmärkte entwickeln sich alles andere als negativ. Der US-amerikanische Dow Jones zeigt sich unbeeindruckt und auch der deutsche LeitindexDax klettert munter nach oben. Mit 13640 Punkten erreichte er eineinhalb Wochen vor dem Brexit gar einen neuen Rekordwert. Der Austritt der Briten werde „keinen großen Schaden“ anrichten, meinte kürzlich auch Finanzminister Olaf Scholz (SPD) beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Ist der Brexit gar nicht so schlimm, wie alle behaupten? Haben die „Brexiteers“, also die Austritts-Willigen, am Ende Recht? Fakt ist, dass sich durch den Brexit zuerst einmal gar nicht so viel ändert. Der nun unterzeichnete Vertrag sieht bis Ende des Jahres eine Beibehaltung des Status Quo vor, was auch Sicherheit für die Finanzmärkte bedeutet. Vorerst können EU-Bürger noch problemlos auf die Insel reisen und umgekehrt. Für Firmen ist aber vor allem die Zollunion von Bedeutung, welche die Zollfreiheit für Im- und Exporte garantiert.

Wirtschaft in Großbritannien bleibt noch ein Jahr in der Zollunion

Nach dieser „Galgenfrist“ wird das Empire allerdings seinen eigenen Weg finden müssen. Langfristig könnte Großbritannien durch Deregulation versuchen, konkurrenzfähig zu bleiben. Immerhin war der vermeintliche Regel-Fanatismus der EU ein Hauptargument im Wahlkampf. So ist auch der Slogan „Take back control“ als Reaktion auf die angebliche Bevormundung durch Brüssel zu verstehen. 

Zuerst wird die Wirtschaftsleistung Großbritanniens aber höchstwahrscheinlich zurückgehen. Die britische Wirtschaft ist eng mit derjenigen der EU-Mitgliedsstaaten verbunden, sodass eine Änderung der Regularien umfassende Neu-Organisation nach sich ziehen wird. Die Bertelsmann Stiftung beziffert die Kosten mit 32 Milliarden Euro.

Deutschland ist der zweite große Verlierer des Brexit, Trumps USA profitieren

Aber auch Deutschland prognostiziert die Studie Einbußen in Höhe von 5 Milliarden Euro und widerspricht damit der Einschätzung von Olaf Scholz. Damit wäre Deutschland bei den Folgen des Brexit nach Großbritannien der große Verlierer. Schuld sind geringereExporte auf die Insel, auf die ab 2021 Zölle anfallen. Zudem macht die voraussichtliche Abwertung des Pfund Importe teurer.

Profitieren von den Zöllen auf EU-Waren und -Dienstleistungen würden dagegen andere Nationen. Zum Beispiel die USA. Boris Johnson und Donald Trump bereits Gespräche über zukünftige Handelsverträge angekündigt. Das Vereinigte Königreich könnte sich in den kommenden Jahren also stärker in Richtung Amerika orientieren. Die Verhandlungen zwischen EU und Großbritannien während der Übergangsfrist nach dem Brexit werden jedenfalls mit über die Zukunft entscheiden.

pks

Rubriklistenbild: © dpa / Hollie Adams

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Urteil zu Betriebsrenten: Mehr Geld für geschiedene Frauen
Der Mann verdient das Geld, die Frau kümmert sich um die Kinder - eine traditionelle Rollenverteilung macht sich auch bei der Rente bemerkbar. Bei einer Scheidung werden …
Urteil zu Betriebsrenten: Mehr Geld für geschiedene Frauen
Corona-Lockerungen: Thüringen hält sich eigenen Weg offen – Markus Söder reagiert
Thüringen: Landesweite Corona-Beschränkungen sollen zurückgenommen werden. Markus Söder (CSU) will reagieren - auch Bodo Ramelow hat sich jetzt erneut geäußert.  
Corona-Lockerungen: Thüringen hält sich eigenen Weg offen – Markus Söder reagiert
Bund und Länder einig: Kontaktbeschränkungen bis 29. Juni
Berlin (dpa) - Bund und Länder haben sich grundsätzlich darauf verständigt, dass die Kontaktbeschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie bis zum 29. Juni verlängert …
Bund und Länder einig: Kontaktbeschränkungen bis 29. Juni
Merkel und Co. einigen sich offenbar auf neuen Corona-Plan - es droht dennoch Chaos
Weitere Lockerungen der Corona-Beschränkungen in Deutschland stehen bevor. Einzelne Länder preschten bereits voraus. Kanzlerin Merkel hat davon offenbar langsam genug.
Merkel und Co. einigen sich offenbar auf neuen Corona-Plan - es droht dennoch Chaos

Kommentare