Brexit

Der Brexit ist besiegelt, das Land bleibt gespalten

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Um Mitternacht war es soweit: Großbritannien kehrt der Europäischen Union den Rücken. Die Probleme sind damit noch lange nicht vom Tisch.

  • Großbritannien ist nicht mehr Teil der EU
  • In London wird das Ende der Mitgliedschaft gefeiert
  • Das Land ist noch immer gespalten

In der Nacht zum Samstag haben sie in London noch einmal gefeiert. Die Anhänger des Brexit, mehrere hundert an der Zahl, versammelten sich in Englands Hauptstadt London vor dem Parlament um den Austritt Großbritanniens aus der EU zu feiern. 

Union-Jack-Fahnen, Sticker mit der Aufschrift „Happy Brexit Day“ und Schmähgesänge auf Europa. Als die britische EU-Mitgliedschaft sich dem Ende neigte, gehörte der Platz ganz den Brexiteers. Von den Anhängern eines Verbleibs Großbritanniens war am gestrigen Abend nicht viel zu sehen.

Brexit: Boris Johnson verspricht eine rosige Zukunf

Schon tagsüber war der Parliament Square gefüllt mit vielen Menschen. Zwischendurch drohte die Stimmung zu kippen: Ein Protestzug von Brexit-Gegnern wurde von Austrittsbefürwortern mit wüsten Schmähungen empfangen. „Verräter“ und „Verlierer“ gehören noch zu den harmloseren Begriffen, die ihnen entgegengeschleudert werden. Teilweise werden EU-Flaggen angezündet oder mit Füßen getreten. Viele Brexit-Anhänger waren betrunken, obwohl Alkohol auf dem Parliament Square verboten ist.

Die Regierung hatte nur Feiern ohne viel Pomp zum Zeitpunkt der historischen Zäsur um 23 Uhr Ortszeit angesetzt - ohne Geläut von Big Ben, nur mit britischen Flaggen am Parliament Square und einem projizierten Countdown am Regierungssitz. Bei einem Empfang in der Downing Street sollten englischer Schaumwein und britische Spezialitäten gereicht werden.

Ob Premierminister Boris Johnson wirklich das Land einen kann, wie er in seiner Rede an die Nation per Videobotschaft angekündigt hat?

Der britische Premier jedenfalls will den Brexit zu einem „unfassbaren Erfolg“ machen. Das sagte Johnson am Freitagabend in einer im Internet veröffentlichten Ansprache an die Nation kurz vor dem Austritt.

Der Brexit bietet laut Johnson die Chance, das „volle Potenzial Großbritanniens zu entfesseln“. Gleichwohl räumte Johnson ein, dass der Weg dorthin holprig sein könnte. „Es ist ein Moment der echten nationalen Erneuerung und des Wandels“, erklärte der Premier. Seine Aufgabe sei es nun, „dieses Land wieder zusammenzubringen“.

Der Brexit ist vollzogen - die Bevölkerung gespalten

Die Bevölkerung ist trotz des nun vollzogenen Austritts noch immer alles andere als geeint. „Der Brexit ist ein Desaster“, schimpft die gebürtige Italienerin Silvia Zamperini. Sie ist frustriert und wütend. „Früher war Großbritannien so ein offenes Land. Jetzt sind hier viele rassistisch, homophob und intolerant“, sagt die 51-Jährige, die schon seit 26 Jahren in England lebt. „Niemand zerrt mich aus der EU“, steht auf einem Pappschild, das sie sich um den Hals gehängt hat.

Die 76-jährige Brenda Brooks ist dagegen froh über den Brexit: „Die EU will ein Superstaat werden“, sagt die Seniorin aus Devon im Südwesten Englands. Sie hat bei der letzten Wahl Johnsons Konservative Partei gewählt. Früher sei Europa wunderbar vielfältig gewesen, doch die EU verschwende zu viel Geld und wolle alles vereinheitlichen. „Wir wollen unsere Unabhängigkeit.“

Beim Referendum im Sommer 2016 hatten sich die Briten mit knapper Mehrheit (52 Prozent) für die Trennung von der Europäischen Union ausgesprochen. In den Landesteilen Schottland und Nordirland wollten die Meisten lieber in der EU bleiben.

Und heute? Inzwischen würde es den Brexit bei einem neuen Votum wohl nicht mehr geben, meint der Umfrage-Guru John Curtice von der Universität Strathclyde in Glasgow. 53 Prozent würden dagegen stimmen. Grund dafür sei aber nicht, dass Brexit-Befürworter ihre Meinung geändert hätten, sondern dass Nichtwähler von damals heute eher gegen als für den Brexit stimmen würden.

Der Brexit trifft besonders die Ausländer

Besonders betroffen von der Loslösung von der EU sind die mehr als drei Millionen EU-Ausländer in Großbritannien *. Die größte Gruppe von ihnen sind mit Abstand die Polen. Auch schätzungsweise 140 000 Deutsche leben in Großbritannien - bis vor kurzem auch Wolfgang Schlegel. Er hat 15 Jahre im schottischen Glasgow gelebt, nun seine Sachen gepackt und baut sich ein neues Leben in Halle (Saale) auf.

„Es gab mehrere Gründe für meine Rückkehr, aber der Brexit spielte eine ganz entscheidende Rolle dabei. Man weiß überhaupt nicht, wie sich das dort weiterentwickelt“, sagte er im Telefongespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Schlegel sorgte sich zuletzt in Großbritannien nicht nur um seine Absicherungen wie die Altersvorsorge, sondern auch um die politische Atmosphäre. „Das ist immer weiter nach rechts gerutscht. Das besorgt mich sehr.“

Das EU-Parlament holt den Union Jack ein

Großbritannien will die Zahl der Einwanderer deutlich reduzieren und setzt vor allem auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Die Regierung will ein Punktesystem nach australischem Vorbild für die Auswahl einführen. Arbeitslosigkeit, Mangel an Schulplätzen, überfüllte, marode Kliniken - vieles wurde den Ausländern angelastet. Etliche von ihnen fühlen sich im Königreich nicht mehr wohl.

Die Parteien überboten sich vor der Neuwahl im Dezember mit Versprechen an die Wähler. Woher für die vielen angekündigten Investitionen aber das Geld kommen soll, blieb oft ein Rätsel. Der Drang nach Unabhängigkeit in Schottland ist ungebrochen und auch im stark von EU-Mitteln abhängigen Wales regt sich zunehmend Widerstand. Schottland und Nordirland hatten ohnehin gegen den Brexit gestimmt.

Der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, zeigt sich bestens gelaunt. Er hat sein Ziel erreicht. Mit der überparteilichen Initiative „Leave means Leave“ hat er die ausgelassene Feier auf dem Parliament Square organisiert. Die EU-Abgeordneten seiner Partei feiern schon am Morgen ihren „Brexodus“ aus Brüssel. Für die 29 Abgeordneten der Brexit-Partei sei die Arbeit erledigt und die „Ernte eingefahren“, so die Abgeordnete Ann Widdecombe.

Großbritannien war mit insgesamt 73 Abgeordneten im Europaparlament vertreten. Mit dem Brexit in der Nacht zum Samstag ist ihr Mandat verloren. Die britischen Flaggen am EU-Parlament und anderen Institutionen werden eingeholt. Der Union Jack hat künftig seinen Platz im Haus der Europäischen Geschichte. Eine Epoche ist vorbei. (skr/dpa)

Kein Grund zu feiern: Der Brexit ist ein historischer Rückschlag * für die EU. Der Kommentar. 

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Rubriklistenbild: © Frank Augstein/AP/dpa

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