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Hier kommentiert Georg Anastasiadis, stellvertretender Chefredakteur des Münchner Merkur.

Hysterie ist nicht angebracht

Kommentar zu Brexit und Europa: Spiel auf Zeit

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Großbritannien hat sich für den Brexit entschieden - doch für die Trennung lässt man sich Zeit. Auch Kanzlerin Merkel und ihre EU-Kollegen sollten besser nicht zu sehr aufs Tempo drücken. 

In 90 Minuten zackzack erledigt ist der Brexit für die Untertanen der Queen nur im Fußball. Im wahren Leben ist es ein quälend langer und irgendwie aberwitziger Prozess: Jahrelang konnte es den EU-Verächtern im Königreich nicht schnell genug gehen mit dem Austritt aus Europa. Und jetzt, wo sich unversehens der Traum ihrer schlaflosen Nächte erfüllt hat, tun die Brexit-Trommler um den famosen Gauckler-König Boris Johnson plötzlich so, als hätte man dafür alle Zeit der Welt. Schon klar: Wenn einem die vollmundigen Wahlversprechen – vom Stopp der Immigration bis zu jenem angeblichen Geldregen, der alsbald über den Briten niedergehen werde – im Stundentakt um die Ohren fliegen, tut man erst mal das, was auch die ruhmlosen Kicker ihrer Majestät am Dienstag taten: Man geht in Deckung.

Und trotzdem wären Rachegefühle auf der anderen Seite des Ärmelkanals jetzt ein ganz schlechter Ratgeber. Der Kanzlerin kommt da ihre (endlich) wiederentdeckte pragmatische Kühle sehr zugute: Es gebe „keine Rosinenpickerei“, ruft sie streng den scheidungswilligen Briten zu, verzichtet dabei aber auf die hysterischen Untertöne mancher ihrer EU-Kollegen und darauf, beim nun anstehenden Trennungsverfahren zu sehr aufs Tempo zu drücken. Zu Recht. Als wichtige Handelspartner und Nato-Verbündete werden die Inselbewohner auch künftig gebraucht. Und wer weiß: Je mehr den freiheitsliebenden Briten bewusst wird, wie groß das Wagnis ist, für das sie da am Donnerstag wirklich gestimmt haben, desto mehr sind vielleicht bereit, bei möglichen vorgezogenen Neuwahlen im Herbst für Pro-EU-Parteien zu stimmen. Exit vom Brexit nicht ausgeschlossen.

Angela Merkel lässt den pro-europäischen Kräften um Noch-Premier Cameron damit zumindest ein kleines Hintertürchen offen, das die SPD, Frankreich und die Brüsseler Nomenklatura gerne sofort und für immer zuschlagen würden. Sie träumen nach dem selbst gewählten Abschied der sparsamen Briten nämlich einen ganz anderen Traum: den von der Vollendung eines Europas der sozialen Segnungen, das noch mehr Steuerzahler-Euros dorthin schaufelt, wo die Not am größten ist. Wenn Angela Merkel nicht aufpasst, könnte auch dieser (Alb-)Traum schneller in Erfüllung gehen als gedacht.

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